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Panorama Kriminalitätswelle erschüttert London
Nachrichten Panorama Kriminalitätswelle erschüttert London
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16:31 07.04.2018
London wird seit Monaten von einer regelrechten Kriminalitätswelle erschüttert – seit Jahresbeginn gab es bereits 53 Mordfälle. Quelle: imago/i Images
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London

Am Mittwoch wurde der 18-Jährige Israel Ogunsola erstochen – er war damit das 53. Mordopfer, das London seit Jahresbeginn verzeichnete. Zwölf der Toten waren Teenager. Und auch viele der mutmaßlichen Täter sind Jugendliche. Zum Teil handelte es sich um Kämpfe zwischen rivalisierenden Banden. Doch das ist wohl nicht die einzige Erklärung für die ausufernde Gewalt.

„Ich kann es noch immer nicht glauben. Ich verstehe nicht warum“, sagt die 19-jährige Nella Panda, während sie sich hinter einer Polizeiabsperrung stehend noch einmal den Tatort im Stadtteil Hackney anschaut. „Er hat sich mit allen gut verstanden.“ Und trotzdem: Die Sanitäter konnten etwa 25 Minuten nach der Messerattacke nur noch den Tod des Jungen feststellen.

Im Februar und März mehr Morde als in New York

Sollte die Mordrate in den kommenden Monaten nicht wieder sinken, wäre die Zahl von insgesamt 130 Morden im Jahr 2017 bald schon überschritten. In diesem Februar und März wurden in London erstmals sogar mehr Menschen getötet als in New York, wo die Kriminalität zuletzt deutlich zurückgegangen ist. In der US-Metropole wurden 2017 insgesamt 290 Morde gezählt - so wenige wie seit Jahrzehnten nicht.

Polizisten und Sozialarbeiter in London sehen die Ursache der hohen Mordrate zum Einen im Kampf um die Kontrolle über den örtlichen Drogenhandel. In einigen Fällen wurden die Opfer offenbar gezielt angegriffen. In anderen Fällen waren sie einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort - so etwa die 17-jährige Tanesha Melbourne, die am Montag aus einem vorbeifahrenden Auto heraus erschossen wurde, während sie mit Freunden unterwegs war.

Spapolitik könnte eine mögliche Ursache für die hohe Mordrate sein

Verantwortlich für die Lage auf den Straßen Londons möchte keiner sein: Einige kritisieren die Politik des Bürgermeisters Sadiq Khan, der für die Metropolitan Police zuständig ist. Der aber verweist darauf, dass die Polizei ihr Budget zum größten Teil von der nationalen Regierung erhält. Und die hat bei den Sicherheitskräften der Stadt seit 2010 finanzielle Kürzungen von mehr als 20 Prozent vorgenommen.

Die konservative Regierung hat aber nicht nur bei der Polizei den Rotstift angesetzt, sondern auch bei den kommunalen Verwaltungen. Jugendclubs und Bibliotheken mussten schließen, soziale Angebote für Jugendliche mussten gestrichen werden. „Seit ich Bürgermeister bin, sage ich der Regierung, dass es nicht nachhaltig ist, in dem Ausmaß zu sparen, wie sie es in London tut“, sagte Khan am Donnerstag. Die steigende Kriminalität sei eine nationale Herausforderung. „Ich kann das nicht alleine lösen.“

Drogen begünstigen Revierkämpfe und fördern die Gewalt

Doch Geld ist nicht das einzige Problem. Kritiker betonen, dass die Verbrechensbekämpfung schwieriger geworden sei, weil die Regierung die Möglichkeiten der Polizei zur Überprüfung von Verdächtigen beschränkt habe. Die Londoner Polizeichefin Cressida Dick macht auch die Verbreitung Sozialer Medien für die Gewalt verantwortlich. Über diese Kanäle könne ein Streit leicht eskalieren, sagt sie. Junge Menschen, die im Grunde nur etwas wütend aufeinander seien, gingen dadurch viel schneller aufeinander los.

Der Labour-Abgeordnete David Lammy, in dessen Wahlkreis Tottenham im Norden Londons in diesem Jahr schon vier Menschen getötet wurden, gibt vor allem internationalen Drogenhändlern die Schuld. „Überall gibt es Drogen“, sagte er dem Fernsehsender BBC. Man könne sie inzwischen bestellen wie Pizza. „Du bekommst sie über Snapchat oder über WhatsApp. Das ist es, was die Revierkämpfe befeuert und die Kultur der Gewalt befördert.“

Glasgow zeigt: Prävention und Vernetzung können die Lösung sein

Der ehemalige Polizist John Carnochan hat eine solche Entwicklung in einer anderen britischen Stadt erlebt - und Lösungen dagegen gefunden. Anfang des Jahrtausends war das schottische Glasgow die „Mord-Hochburg“ des Landes. Carnochan war 2005 Mitbegründer der „Violence Reduction Unit“. Diese Einheit betrachtete die Gewalt als gesellschaftliches Problem und nicht ausschließlich als Verbrechen von Einzelnen.

„Das hat uns eine ganz neue Sprache verliehen. Wir konnten anfangen, über Prävention zu sprechen“, sagt Carnochan. In Glasgow arbeiteten Polizisten daraufhin Seite an Seite mit Lehrern, Sozialarbeitern und anderen Beteiligten, um das Problem bei der Wurzel zu packen. Sie zeigten jungen Männern, die in einer Spirale der Gewalt gefangen zu sein schienen, Alternativen auf - und viele nahmen die Angebote dankbar an. Die Zahl der Morde in der Stadt konnte von 2005 bis 2015 auf die Hälfte reduziert werden.

Carnochan ist überzeugt, dass ein ähnliches Modell auch in London funktionieren könnte. In Hackney scheint der Weg dahin aber noch weit zu sein. Nach dem Mord an Ogunsola hat die Polizei zwei 17-jährige Verdächtige festgenommen. Die Bewohner des Stadtteils befürchten trotzdem, dass es zu Racheakten und sonstiger weiterer Gewalt kommen wird. „Die Leute sind einfach wütend auf das Leben“, sagt Panda, die mit dem Opfer befreundet war. „Durch so etwas werden dann noch mehr Menschen wütend und es entsteht ein endloser Kreislauf der Wut.“

Von ap/RND

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