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Panorama Kochsalz auf Rezept
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10:45 11.11.2017
Die Alte Apotheke in Bottrop. Quelle: dpa
Bottrop

Peter S. musste nicht überredet werden, daran kann sich Rolf Schmidt gut erinnern. Es ist Ende 2013, als Schmidt, Leiter einer Krebs-Selbsthilfegruppe in Bottrop, den Apotheker Peter S. um einen Vortrag bittet. S., Besitzer der Alten Apotheke im Zentrum der 115 000-Einwohner-Stadt, sagt sofort zu. Er verlangt auch kein Honorar. Das Thema jedoch klingt, von heute aus betrachtet, geradezu zynisch: der Einsatz von Alternativmedizin bei Prostatakrebserkrankungen.

„S. wirkte sympathisch, verlässlich, kompetent“, sagt Schmidt, ein 58-jähriger Vermessungstechniker, der selbst an Prostatakrebs litt. „Ich kann nichts Schlechtes über sein Auftreten sagen.“ Nur wenn er daran denkt, was S. offenbar vor und nach seinem Referat bei der Selbsthilfegruppe tat, wird Schmidt wütend. Dann fuhr er wieder in sein Labor und stellte Krebsmedikamente her, die nicht enthielten, was sie enthalten sollten. S. verwendete nur einen Bruchteil der Wirkstoffe. Manchmal schickte er den schwerkranken Patienten auch einfach eine komplett wirkungslose Kochsalzlösung. Die Beweise dafür sind erdrückend.

Mäzen, Wohltäter, Menschenfreund, das war die eine Seite des heute 47-jährigen Peter S.

Betrüger, Zyniker, Krimineller, das war die andere Seite. Mörder, würden die Angehörigen seiner Opfer noch hinzufügen.

„Meine Frau könnte womöglich noch leben“

Wenn am Montag vor dem Landgericht Essen der Prozess gegen Peter S. beginnt, dann geht es um ein gewaltiges Verbrechen. Allein von 2012 bis Ende November 2016 hat der Apotheker nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft bei mehr als 61 000 Krebspräparaten die Wirkstoffe bewusst unterdosiert, um damit einen höheren Gewinn zu erzielen. An 37 Arztpraxen in fünf Bundesländern schickte S. die falsch etikettierten Lösungen, mehr als 4000 Tumorpatienten sind betroffen. Viele von ihnen sind tot oder noch immer schwer krank. Sie hofften vergeblich auf Besserung, während S. kassierte. Rund 56 Millionen Euro rechnete S. allein in dem untersuchten Zeitraum bei den Kassen dafür ab. Doch das ist aus Sicht vieler Angehöriger und Patienten noch der geringste Schaden.

„Meine Frau könnte womöglich noch leben“, sagt Helmut Heidbrink, ein 67-jähriger früherer Elektromechaniker aus Bottrop. „Der Gedanke, dass sie vielleicht einfach nutzloses Zeug erhalten hat, macht mich fertig.“

„Dieses Was-wäre-gewesen-wenn, das lässt mich keinen Tag los“: Witwer Helmut Heidbrink hat seine Frau an den Krebs verloren. Sie bekam Medikamente von der Alten Apotheke in Bottrop. Quelle: privat

Um zu verstehen, wie der Betrug funktionierte, muss man das System kennen, das Peter S. ausnutzte. Bei modernen Krebstherapien erhalten die Patienten keine Standardpräparate, sondern individuell, je nach Tumorart und körperlichem Zustand auf sie zugeschnittene Kombinationen. Viele dieser neuen Wirkstoffe sind extrem teuer, von „Margen, höher als beim Drogenhandel“ sprechen Kritiker. Die Herstellung dieser individuellen Krebstherapien ist das Vorrecht von deutschlandweit rund 200 Schwerpunkt-Apotheken, die sich diesen Markt teilen. Eine dieser Apotheken war die Alte Apotheke in Bottrop, Werbespruch: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist.“

Der Apotheker spendete für das Hospiz

Das Geschäft, untergebracht in einem prachtvollen Gründerzeit-Eckhaus, ist für Peter S. ein Erbstück. Seine Eltern haben die Apotheke betrieben und ihm vor einigen Jahren überschrieben. Wirtschaftlich lief anscheinend stets alles glänzend. S. wuchs als Einzelkind in den Wohlstand hinein, den er auch später kultivierte. Allein mit seinem Hund lebte Peter S. nach der Scheidung im noblen Stadtteil Kirchhellen in einem Haus, für das der Begriff Villa fast noch zu bescheiden klingt. Peter S. hortete sein Geld nicht. Als der Stadt die Mittel für ein öffentliches WLAN-Netz fehlten, sprang er ein. S. engagierte sich im Marketingverein der Stadt. Und er spendete für das Hospiz – in dem Menschen starben, die zuvor vergeblich auf die Wirkung der Mittel aus seiner Apotheke gehofft hatten. „Der hat hier einen auf Gutmensch gemacht in Bottrop“, sagt der Witwer Helmut Heidbrink. Er selbst weiß es inzwischen besser.

Was den Fall Peter S. zu einem Skandal macht, ist auch das anfängliche Versagen der Justiz. Bereits 2013 erhält die Polizei einen Hinweis darauf, dass Peter S. betrügt. Der Ex-Mann einer ehemaligen Mitarbeiterin von S. zeigt ihn an – und beschreibt genau seine Praktiken. Der Mann jedoch befindet sich zu dieser Zeit selbst in Haft. Man glaubt ihm nicht. S. wiederum lässt über seinen Anwalt alles leugnen. Sein Mandant „käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen, indem er deren Leiden verschlimmert oder gar deren Leben verkürzt, indem er weniger als die erforderliche Menge Zytostatikum anmischt“, erklärt er laut Anklage im Oktober 2014 gegenüber der Staatsanwaltschaft. „Mein Mandant ist im Gegenteil sozial sehr engagiert und hilft, wo er nur kann.“ Der Justiz reicht das. Sie stellt das Verfahren ein.

Peter S. aber macht einfach weiter. Als sei nichts geschehen. Er muss sich sehr sicher gefühlt haben, geradezu allmächtig. Oder es war ihm gleichgültig, ob er eines Tages erwischt wird.

Mitarbeiter deckten den Skandal auf

Dass Peter S. schließlich auffliegt, liegt an zwei inzwischen ehemaligen Mitarbeitern der Alten Apotheke: Martin Porwoll und Marie Klein. Wie sie ihrem Chef auf die Schliche kamen, haben sie gegenüber dem Recherchenetzwerk Correctiv beschrieben, das die Aufklärung des Falles früh mit vorangetrieben hat. Dabei brauchten Porwoll und Klein keine kriminalistischen Methoden, um Verdacht zu schöpfen. Sie mussten einfach hinsehen.

Dem kaufmännischen Leiter Porwoll fällt bei den Bilanzen auf, dass die bestellten Mengen von Mitteln wie Nivolumab oder Opdivo nicht zu dem passten, was sie nachher verkauften. Die Laborassistentin Klein wiederum registriert, dass ihr Chef alle Vorschriften beharrlich ignoriert. Statt im Labor zu zweit zu arbeiten, besteht S. darauf, die Mittel allein herzustellen. Statt Laborkleidung trägt er Sakko und Straßenschuhe. Manchmal soll er sogar seinen Hund mitgenommen haben.

Eines der Rätsel um die Alte Apotheke ist, warum sich nicht früher jemand der mehr als 50 Mitarbeiter gemeldet hat. Es muss Mitwisser gegeben haben. Oder zumindest: gezieltes Wegsehen. Davon geht auch die Justiz aus. Laut Anklage wird auch gegen eine nicht genannte Zahl von Mitarbeitern ermittelt.

Martin Porwoll und Marie Klein vertrauten sich der Polizei an. Bei der Durchsuchung des Labors am 29. November 2016 werden 117 Proben beschlagnahmt. Ihre Analyse bestätigt den Verdacht. Peter S. sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der Betrug ist damit vorbei – und die große Unsicherheit beginnt.

Als Helmut Heidbrink an diesem Tag im Radio von dem Fall hört, „da hat mich das wie ein Schlag in den Magen getroffen“. Der Rentner leidet an Lungenkrebs, er erhält zu diesem Zeitpunkt selbst Medikamente aus der Alten Apotheke. „Aber ich dachte nur an meine Frau.“ Sie war im Januar 2012 gestorben, mit nur 60 Jahren. Auch sie hatte Lungenkrebs. Und auch sie hatte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen. „Dieses Was-wäre-gewesen-wenn, das lässt mich keinen Tag los.“

Es sind Gedanken, die seitdem Tausende Krebspatienten und ihre Angehörigen quälen. Könnten mein Sohn, meine Tochter, mein Mann, meine Frau, könnten sie noch leben? Haben sie die verordneten Medikamente bekommen, die richtige Dosierung? Oder nur Kochsalz?

Wegen Tötungsdelikten ist Peter S. nicht angeklagt

Bei der Antwort könnte nur Peter S. helfen. Doch der schweigt. Ein Muster, wem er die korrekten Mengen gab, wem nichts, wem nur ein bisschen, konnten die Ermittler nicht erkennen. Manchmal sparte er sogar nur an den billigeren Mitteln, manchmal an den teuren. S. muss Lust an der Willkür gehabt haben.

Auch deshalb steht S. ab Montag vor allem wegen Abrechnungsbetrugs vor der Wirtschaftsstrafkammer. Dazu kommen wenige Fälle, in denen die Ermittler ihm Körperverletzung nachweisen wollen. Wegen Tötungsdelikten ist S. nicht angeklagt. Wer hätte mit welchem Medikament noch wie lange gelebt? Wer hat überhaupt was bekommen? Das eine weiß nur Peter S. Das andere kann niemand wissen. S. drohen deshalb maximal zehn Jahre Haft.

Der Witwer Helmut Heidbrink hat dafür wenig Verständnis. Zweimal hat er mit anderen Betroffenen vor der Alten Apotheke demons­triert. Manchmal, erzählt er, hätten ihnen Passanten dabei etwas zugerufen. „Die wären doch sowieso alle gestorben“, solche Sachen. Helmut Heidbrink sagt, er wisse nicht, ob das Mitarbeiter der Apotheke gewesen seien. Die Alte Apotheke ist weiterhin geöffnet, die Mutter von S. hat sie wieder übernommen. Die Geschäfte laufen anscheinend wieder gut. Die Apotheke ist gut besucht. Für Heidbrink steht nur eines fest: „Ich selbst“, sagt er, „könnte da nie wieder einen Fuß hineinsetzen.“

Von Thorsten Fuchs / RND

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