Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Panorama Ist Computerspielsucht nur eine Modekrankheit?
Nachrichten Panorama Ist Computerspielsucht nur eine Modekrankheit?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:01 01.07.2018
Diffuse Symptome, unklare Diagnosen und ein gutes Maß an Zivilisationskritik: Computer- und Internetsucht erfüllt alle Kriterien einer Modekrankheit. Quelle: iStockphoto
Hannover

Wir wissen, wovon er spricht. Überforderung, Gestresstheit, beides erleben die meisten von uns jeden Tag, und für die Gewissheit, dass die Welt immer verrückter wird, genügt uns ein flüchtiger Blick ins Netz.

Wir fühlen uns daher gut verstanden, wenn der Neurologe Wilhelm Erb, Direktor der Medizinischen Klinik in Heidelberg, sagt: “Die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen sind erheblich gestiegen, und nur unter Aufbietung aller seiner geistigen Kräfte kann er sie befriedigen. Durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert. Alles geht in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen, der Tag für die Geschäfte benutzt. Selbst die Erholungsreisen werden zu Strapazen für das Nervensystem. Große politische, industrielle und finanzielle Krisen tragen ihre Aufregung in viel weitere Bevölkerungskreise als früher.“

So weit, so nachvollziehbar, so treffend sogar. Nur dass Erbs Diagnose, an die der Psychologe Jens Bergmann vor Kurzem bei einem Vortrag in Berlin erinnerte, nicht aus dem Jahr 2018 stammt. Sondern von 1893.

Die Neurasthenie war die erste Modekrankheit der Welt

Das ist natürlich kränkend. Wir glauben ja allen Ernstes, keine Generation vor uns habe es so schwer gehabt wie wir Heutigen. Die Digitalisierung, die Verdichtung der Arbeit, die Beschleunigung unserer Leben, alles das scheint uns so grundstürzend und noch nie da gewesen, dass wir uns sicher sind, niemand habe je einen solchen Wandel erlebt. Ist ja auch eine tröstliche Vorstellung. Sie stimmt nur leider nicht.

Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, wurde die Welt gerade elek­trisch, Röntgenstrahlen konnten Körper durchleuchten, die ersten Autos fuhren durch die Städte, und dann war da bald noch dieser allmählich heraufziehende Krieg. Mit der digitalen Revolution heute kann das, was die Menschen damals zu verarbeiten hatten, schon ganz gut mithalten. Und damals wie heute gab es eine Wissenschaft, die bereit stand, um unserer Beunruhigung und unserem Leiden an der Welt Namen zu geben – die Psychologie.

Damals gab es den New Yorker Psychologen George Miller Beard, der den Begriff der Neurasthenie erfand, eine Krankheit, deren Hauptsymptom eine allgemeine Erschöpfung sein sollte, dazu Kopfschmerzen, Ängstlichkeit, Reizbarkeit. Die Erfindung traf den Zeitgeist, sie war vor dem Ersten Weltkrieg eine der meistdiagnostizierten Krankheiten. Dichter griffen sie auf, der hannoversche Dadaist Kurt Schwitters proklamierte: “Tod altem Rasten, hoch Neurasthenie!“ “Die Neurasthenie war die erste Modekrankheit der Welt“, sagte Bergmann auf dem Kolloquium Internet und seelische Gesundheit der Daimler-und-Benz-Stiftung.

Dem Unbehagen an der Moderne einen Namen geben

Die Neurasthenie schaffte es auch in den internationalen Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, den ICD – der Ritterschlag für jede neue Krankheit. In dessen jüngster Ausgabe, dem ICD-11, steht seit Neuestem auch eine andere neue Erkrankung, die Computerspielsucht. Die Symptome lauten Nicht-aufhören-Können, Vernachlässigung von Freunden und Schule sowie Weiterspielen trotz schlimmer Folgen, wie Jobverlust und schlechter Noten.

Es gibt deutlich exaktere Symptomkataloge als diesen. Sind Internet- und Computersucht vor allem der nächste Versuch, unserem Unbehagen an der Moderne einen Namen zu geben? Etwas als krankhaft abzustempeln, das uns einfach beunruhigt? Zivilisationskritik als Wissenschaft zu tarnen?

Tatsächlich mangelt es in der Geschichte der Psychiatrie nicht an Zeitgeist-Diagnosen und schwammigen Krankheitsdefinitionen, die viel Raum ließen für modische Einflüsse. Burn-out, in den Siebzigerjahren erfunden vom New Yorker Therapeuten Herbert Freudenberger, wurde zu einer regelrechten Psycho-Epidemie – die den Vorzug hatte, dass sie die Leidenden zugleich als Viel-Arbeiter auszeichnet. Aber ist Burn-out in seiner ersten Variante etwas anderes als eine klassische Depression?

Übergänge zwischen krank und gesund sind fließend

Die Psychiatrie ist in vielen Bereichen keine exakte Wissenschaft. Symptome sind oft nicht messbar, die Übergänge zwischen krank und gesund fließend. Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS ist für die Betroffenen und ihr Umfeld ein massives Problem – aber ist die Inflation der Diagnosen nicht eher ein Zeichen für überforderte Eltern und ihrem Wunsch nach einer Erklärung, warum sie mit ihren Kindern nicht zurechtkommen?

Immer wieder waren psychiatrische Diagnosen auch ideologisch geprägte Werturteile. Bis 1992 stand auch die Homosexualität noch als Störung im ICD. Werden Computer- und Internetsucht jetzt zum nächsten Beispiel dafür, wie das Unwohlsein gegenüber dem Neuen und Anderen neue Krankheiten schafft?

Es gibt gute Gründe dafür, es äußerst ernst zu nehmen, wenn Jugendliche komplett in ihre Parallelwelt Computerspiel abtauchen. Wenn sie schon morgens hinter ihrem Bildschirm verschwinden, nicht mehr zur Schule gehen, Freunde ihnen egal werden. Eine Diagnose, ein Krankheitsname kann es Betroffenen und ihren Eltern erleichtern, Hilfe zu holen.

Anteil von Jugendlichen, die unter Formen von Internet- oder Computerspielsucht leiden. Quelle: RND

Der Name signalisiert: Du bist nicht allein. Es gebe eine “deutliche Ähnlichkeit zu stoffgebundenen Süchten“, schreiben die Experten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Computerspieler als Trinker – mit heftigem Leiden beim Entzug. Aber wenn Computerspieler vereinsamen – liegt es dann allein am Spiel? Oder hatten sie schon vorher ein Problem mit ihrer Umwelt? Mit sich? Mit den realen Menschen?

Der Psychiater Jan Kalbitzer leitet das Zentrum für Internet und seelische Gesundheit an der Berliner Charité. Er kennt diejenigen, die nur noch im Computerspiel zu existieren scheinen. Genauso gut kennt er aber auch die Schwierigkeiten der Psychiatrie zu erklären, was da eigentlich in den Köpfen der derjenigen passiert.

Zwischen 0,5 und mehr als 5 Prozent der Jugendlichen sollen, je nach Studie, unter Computerspielsucht leiden – schon die Spannbreite dieser Zahlen zeigt für ihn die Willkür der Diagnosen. Die Psychiatrie müsse schon genauer hinsehen: “Das Problem ist die pauschale Be- und Verurteilung“, sagt Jan Kalbitzer.

Sucht, Weltflucht, oder einfach Leidenschaft

Das exzessive Computerspielen oder auch Surfen, sagt Kalbitzer weiter, kann vieles sein: “Es kann suchtartigen Charakter haben, kann Weltflucht sein, oder auch einfach Leidenschaft.“ Und wenn es denn wie eine Sucht ist: Sind Einsamkeit oder Depressionen dann die Folge dieser Sucht? Oder ist die Flucht ins Spiel eher die Folge der Probleme, die derjenige mit sich und der Welt hat? “Meistens gibt es da eine Wechselbeziehung“, sagt Jan Kalbitzer.

Ich flüchte ins Spiel, weil ich mit der Schule nicht klarkomme. Oder mit den Freunden. Oder mit den streitenden Eltern. Und weil ich spiele, entferne ich mich noch mehr von der Welt. Und, fragt Jan Kalbitzer, was sagt es eigentlich über diese Sucht aus, dass sie sich nach ein paar Jahren von selbst stark verändert? Dass sie sich immer wieder offenbar auch von allein erledigt, ganz anders als bei Alkohol, Nikotin, Heroin?

Jede Zeit hat ihre Modekrankheiten

Jan Kalbitzer gehört zu den vielen Wissenschaftlern, die an dieser neuen Krankheit zweifeln. Nicht weil sie das Leiden der Betroffenen nicht ernst nähmen. Sondern im Gegenteil: Weil sie es so ernst nehmen, dass es ihnen zu einfach ist, sich einfach eine neue Krankheit zu erfinden und da vielleicht vieles mit hineinzupacken, was auch einfach nur neu, anders und auf den ersten Blick verstörend ist.

Die Gefahr sahen übrigens auch schon Zeitgenossen Wilhelm Erbs, des Neurasthenie-Forschers. “Jede Zeit hat ihre sonstigen Moden, so auch ihre Modekrankheiten“, so zitiert Bergmann den Bonner Psychiater Carl Pelman, der dies 1888 schrieb. Es hat sich nichts daran geändert.

Von Thorsten Fuchs

Ab sofort müssen die Schweden dem Sex ausdrücklich zustimmen – verbal oder nonverbal. Doch die Umsetzung des neuen Gesetztes ist schwierig und sorgt für viel Spott.

01.07.2018

Zum zwölften Mal kürt ein britisches Magazin die lebenswertesten Städte weltweit. In diesem Jahr hat es eine deutsche Metropole an die Spitze des Rankings geschafft.

01.07.2018

Auf dem Weg ins Ferienlager sind in Schleswig-Holstein ein Bus und Rettungswagen zusammengestoßen. Der Bus war dabei offenbar auf der falschen Straßenseite.

01.07.2018