Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Panorama Interview mit Amokexperte Jens Hoffmann
Nachrichten Panorama Interview mit Amokexperte Jens Hoffmann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:05 23.07.2016
Jens Hoffmann Quelle: TU Darmstadt
Darmstadt

Ein Interview mit dem Diplom-Psychologen und Amokexperten Jens Hoffmann von der TU Darmstadt über den Amoklauf in München.

Herr Hoffmann, könnte der Amokläufer von München auch durch die Terrorakte der vergangenen Wochen beeinflusst worden sein?

Jens Hoffmann: Ja, das wäre möglich. Nachahmer-Effekte sind viel weniger spezifisch, als wir Experten lange geglaubt haben. Es spielt keine Rolle, ob ein islamistischer Anschlag, eine rechtsterroristische Tat oder ein Amoklauf geschehen. All diese Ereignisse können bei Nachahmer-Tätern den Entschluss zum Handeln hervorrufen. Vielleicht haben sie vorher in ihrer Fantasie das Szenario durchgespielt, vielleicht haben sie sich vorbereitet.

Beim Täter von München wurde Literatur zum Thema Amok gefunden. Aber warum hat er gerade jetzt gehandelt?

Hoffmann: Warum hat der Täter von Würzburg gerade jetzt gehandelt? Warum der von Orlando?

Das waren Terroristen, nicht Amokläufer...

Hoffmann: ...aber die Übergänge sind fließend. Es gibt keine eindeutige Trennwand zwischen Terror und Amok. Beim Täter von Würzburg kam offenbar eine persönliche Krise, die Trauer über den Tod eines engen Freundes, mit einer latent vorhandenen Radikalisierung zusammen. Der Täter von Orlando hatte vermutlich Kränkungs- und Selbstwertprobleme. Beide haben ihre ideologischen Motive bekundet, aber das haben auch die Schul-Amokläufer von Columbine. Die nannten es die „Revolution der Ausgestoßenen“.

Könnte sich der Münchner Täter als ein „Ausgestoßener“ gefühlt haben? Er war vermutlich in psychiatrischer Behandlung.

Hoffmann: Ich kann keine Fern-Diagnose auf Basis eines Videos und der ersten Ermittlungen der Polizei abgeben. Oft vermengen sich Realität und Psychosen. Die Täter meinen, sie müssten die Welt retten, indem sie mit der Pistole losziehen, Menschen töten und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gibt etwas, das als das kulturelle Skript einer solchen Gewalttat bezeichnet wird. Das ist bei Terror und Amok sehr ähnlich. Der Täter geht in eine öffentliche Einrichtung, schießt um sich und bewirkt dadurch etwas.

Was denn bitte?

Hoffmann: Maximale Aufmerksamkeit.

In der Tat. Noch nie hat ein Amoklauf in Deutschland dazu geführt, dass noch während der Tat internationale Solidaritätsadressen, sogar von US-Präsident Obama, eintrafen. Erhöht das nicht massiv die Gefahr von Trittbrettfahrern?

Hoffmann: Ich möchte weder Barack Obama noch sonst einen Politiker für ihre Reaktionen kritisieren. Eine Schießerei in einem Einkaufszentrum am Freitagabend - das folgte dem befürchteten Muster eines terroristischen Anschlags. Aber natürlich erfährt die Tat so eine Erhöhung, die sie früher nicht bekommen hätte. Wenn ein Amokläufer mit der Pistole loszieht, Menschen erschießt und der amerikanische Präsident sofort regiert, dann ist das eine neue Form von Grandiosität.

Wie wären Trittbrettfahrer jetzt zu vermeiden?

Hoffmann: Durch sehr vorsichtige Berichterstattung. Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken. Ich fand es eine sehr gute Entscheidung, das Gesicht des Täters in dem Video zu verpixeln, das ihn beim Schießen zeigt.

Von Jan Sternberg

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Flugkapitän des verschwundenen MH370-Fluges hat angeblich auf seinem Computer eine ähnliche Route simuliert, die das Flugzeug vermutlich genommen hat. Wie das "New York Magazine" berichtete, geht das aus vertraulichen Ermittlungsunterlagen der Polizei in Malaysia hervor.

23.07.2016

Hunderttausende wollen beim Christopher-Street-Day für schwul-lesbische Rechte demonstrieren. Überschattet wird die Parade von dem Anschlag in München.

23.07.2016

Ein Reservoir muss Hochwasser ablassen. Es kommt zu Überschwemmungen. Jetzt beklagen aufgebrachte Dorfbewohner, nicht rechtzeitig gewarnt worden zu sein. Was ist in Xingtai wirklich passiert?

23.07.2016