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Panorama Indiens Frauen leben immer noch gefährlich
Nachrichten Panorama Indiens Frauen leben immer noch gefährlich
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09:00 16.12.2017
Nach dem Tod der 23-jährigen Studentin gingen in Delhi und Mumbai Tausende Frauen auf die Straße. Quelle: dpa
Neu-Delhi

In diesem Jahr hätte Jyoti Singh eigentlich ihren 28. Geburtstag gefeiert. Wenn da nicht dieser 16. Dezember 2012 gewesen wäre. Der Tag, an dem Singh in einem Bus in Neu-Delhi von sechs Männern vergewaltigt wwurde. Jyoti und ein Freund waren zuvor im Kino gewesen. In einem relativ modernen und wohlhabenden Viertel im Süden der indischen Hauptstadt. Danach stiegen sie in einen Bus, um nach Hause zu fahren. Der Fahrer, sein Bruder und vier ihrer Freunde verprügelten zunächst beide und zerrten sie Jyoti in den hinteren Teil des fahrenden Busses. Mit Eisenstangen schlugen sie auf die junge Frau ein, die 13 Tage später an ihren Verletzungen stirbt. Tausende gingen damals auf die Straßen, der Tod Jyotis hinterließ eine wütende Nation.

Nur wenige Monate später wurden die Strafen für Vergewaltigung verschärft und Schnellverfahren eingeführt. Doch Sicherheit herrscht dennoch nicht für Indiens Frauen. Mit schockierender Regelmäßigkeit werden fast täglich Fälle von Vergewaltigung publik. Daran hat sich auch fünf Jahre nach dem Tod von Jyoti Singh nicht viel geändert.

Sie warfen ihr Opfer den Hunden zum Fraß vor

Innerhalb eines halben Jahres machte der Fall einer Hundertjährigen Schlagzeilen, die auf ihrer Veranda vergewaltigt wurde und kurz darauf starb. Kurze Zeit später vergewaltigten drei Männer eine junge Frau in einer fahrenden Autorikscha und warfen ihr neun Monate altes Baby aus dem Fahrzeug. Unabhängig voneinander stellten zwei Vergewaltigungsopfer im Alter von 10 und 13 Jahren Anträge beim Obersten Gerichtshof, nach Ablauf der gesetzlichen Frist noch abtreiben zu dürfen. Erfolglos. Beide brachten die Kinder zur Welt, das Baby der 13-Jährigen starb nach zwei Tagen. Eine andere Frau lehnte einfach nur einen Heiratsantrag ab, anschließend wurde sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Nach der Tat warfen die Männer ihr Opfer Hunden zum Fraß vor.

„Ich habe das Gefühl, dass sich trotz der ganzen Proteste und Berichte in den Medien für die Sicherheit der Frauen in diesem Land nicht viel getan hat“, sagte Jyoti Singhs Mutter, Asha Devi. „Jeden Tag sehe ich in den Nachrichten, dass Frauen und sogar Kinder vergewaltigt und missbraucht werden, und es macht mich sehr wütend und traurig.“

Asha Devi, Mutter der nach einer Gruppenvergewaltigung in einem Bus gestorbenen Studentin Jyoti Singh. Quelle: dpa

Im britischen Dokumentarfilm „India’s Daughter“ von 2015 sprach einer von Jyotis Mördern über das Verbrechen. Einer der anderen habe „etwas Langes“ aus Jyotis Körper gerissen - ihre Eingeweide. Der junge Mann zeigte keine Reue. Ein anständiges Mädchen treibe sich um 21 Uhr nicht auf der Straße herum. Dieselbe Ansicht vertritt in dem Film auch der Anwalt der Täter. Solche Argumente müssen sich Opfer noch heute immer wieder von Polizisten und Politikern anhören.

Für eine staatliche Studie von 2007 wurden mehr als 12.000 Kinder in 13 indischen Bundesstaaten befragt. 53 Prozent von ihnen gaben an, sexuell missbraucht worden zu sein. „Anhand unserer Erfahrung würde ich die Zahl viel höher schätzen – etwa 85 bis 90 Prozent“, sagt Ashwini Ailawadi, Mitgründer der Rahi-Stiftung. Die Organisation betreut Frauen, die als Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, und macht auf die Verbreitung dieses Problems aufmerksam.

Teilnehmerinnen einer Protestkampagne von Maitree, einer Nichtregierungsorganisation, demonstrieren am 16. Dezember in Kolkata. Quelle: dpa

Die Täter seien fast immer Angehörige oder Freunde der Familie, erklärt Ailwadi. „Das indische Familiensystem begünstigt Missbrauch.“ Den Kindern werde beigebracht, Erwachsenen unbedingt zu gehorchen und die Ehre der Familie zu bewahren. Sie könnten sich bei Missbrauch an niemanden wenden, auch wegen der Rolle der Frau: „Angenommen, der Täter ist der Vater oder ein älterer Mann in der Familie, von dem die Frau finanziell abhängig ist – die Frau hat keine Macht, das anzusprechen oder dem Kind zu helfen.“

Im vergangenen Jahr wurden laut offizieller Statistik knapp 39.000 Vergewaltigungen in Indien registriert. Hinzu kamen rund 85.000 Nötigungen – „Übergriffe auf Frauen mit der Absicht, ihren Anstand zu verletzen“, wie es hier heißt. An der Bevölkerungszahl gemessen ist die Rate in Indien nur geringfügig höher als in Deutschland. Allerdings: Die Dunkelziffer kann keiner zählen – und die dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Auch die Analphabetenquote ist entscheidend

Auffällig ist auch, dass vor allem in jenen Bundesstaaten, in denen die Analphabetenquote am höchsten ist, es auch die meisten Übergriffe gibt. So zum Beispiel in Uttar Pradesh, einem der ärmsten Bundesstaaten auf dem Subkontinent. Dabei zieht dessen Hauptstadt Agra mit dem weltberühmten Taj Mahal jährlich über eine Million Touristen an. Nachdem 2013 eine junge Schweizerin im Beisein ihres Mannes in der Nähe von Agra von einer Gruppe Männer vergewaltigt worden war, sah sich Indiens Tourismusminister genötigt, darauf hinzuweisen, Touristinnen sollten beim Besuch des berühmten Taj Mahal keine kurzen Röcke tragen. Ansonsten sei die Sicherheit von Frauen nicht zu garantieren.

Viele Sexualverbrechen werden in Indien unter anderem deswegen nicht angezeigt, weil die Opfer häufig nicht ernstgenommen werden. „Wir haben eine für Geschlechterfragen unsensible, voreingenommene Justiz und eine ineffiziente, überarbeitete und ebenso voreingenommene und unsensible Polizei“, meint die Anwältin und Aktivistin Kirti Singh.

Einer von Jyotis Tätern erhängte sich in seiner Zelle

Im September hob ein Gericht die Verurteilung eines Filmregisseurs wegen Vergewaltigung einer Studentin mit der Begründung auf, das Opfer habe nicht mit genug Nachdruck „nein“ gesagt. „Ein schwaches „Nein“ kann „ja“ bedeuten“, schrieb der Richter.

In Jyotis Fall wird einer der Täter kurz nach seiner Verhaftung erhängt in seiner Zelle gefunden. Ein weiterer war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Er sitzt eine dreijährige Jugendstrafe ab und ist seit Dezember 2015 wieder frei. Die übrigen vier warten noch auf den Ausgang einer gerichtlichen Nachprüfung ihrer vom Obersten Gericht bestätigten Todesurteile. Sie sollen durch den Strang sterben.

Für Jyotis Mutter dauert es mit der Vollstreckung zu lange. „Wie wir warten Tausende Eltern in diesem Land auf Gerechtigkeit“, sagt sie. Der Kern des Problems stecke aber in den Köpfen der Menschen. „Eltern müssen Mädchen und Jungen gleich behandeln und vor allem ihre Söhne so erziehen, dass sie Frauen respektieren“, meint sie. „Nur dann wird sich etwas ändern.“

Von nl/dpa/RND

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