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Panorama In der American Bar trank Churchill seinen Whisky
Nachrichten Panorama In der American Bar trank Churchill seinen Whisky
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11:01 14.10.2017
Kennt sein Handwerk wie kaum ein anderer: Erik Lorincz wurde schon mehrmals zum Bartender des Jahres gewählt, mittlerweile managet er die American Bar. Quelle: Foto: American Bar
London

Wahrscheinlich ist es die Geschichte. Sie hüllt einen sofort ein, wenn man durch die in schummriges Licht getauchte Bar schreitet. Der schwere Teppich schluckt die Schritte, ein Pianist am schwarzen Flügel sorgt für Jazz-Klänge. An den Wänden hängen Fotos von prominenten Persönlichkeiten aus mehr als einem Jahrhundert und irgendwie wird man plötzlich Teil davon.

Ein wenig kantig waren die Sessel in den Fünfzigerjahren, der Stil blieb bis heute erhalten. Quelle: American Bar

Hier in der American Bar im Londoner Hotel Savoy hat sich schon Schriftsteller Ernest Hemingway seine Freunde „interessanter“ gesoffen. Und hier erholte sich die Schauspielerin Marilyn Monroe bei einem Glas Champagner von Presseterminen während ihrer London-Besuche. Der britische Staatsmann Winston Churchill trank stets seinen privaten Whisky, der hinter der Bar weggeschlossen war. Die American Bar hat unzählige solcher Geschichten parat. Und verzweifelt doch nicht an der Last der Historie. Im Gegenteil: Gerade wurde sie beim renommierten Ranking „The World’s 50 Best Bars 2017“, das vom Fachverlag William Reed erstellt wird, zur internationalen Topadresse für das laufende Jahr gekürt.

Die Bibel der Bartender stammt aus den Dreißigerjahren

Im hinteren Teil der im Art-Déco-Stil eingerichteten legendären Bar, die 1893 öffnete und 1904 in die heutigen Räumlichkeiten umzog, mixt, schüttelt und rührt Martin Hudak seit fast drei Jahren Cocktails. Hinter ihm stehen zwischen etlichen aufgereihten Flaschen und vor der verspiegelten Wand in Szene gesetzt die gewonnenen Trophäen. Der Barkeeper platzt fast vor Stolz über die nun erlangte höchste Ehre in der Branche. „Für gewöhnlich meinen die Leute, die American Bar sei in der Geschichte verloren, altmodisch und es gebe nur klassische Drinks“, sagt er, gekleidet in ein weißes Jackett mit schwarzem Kragen sowie schwarze Krawatte. Dabei gehe es dem Team um Zukunft und Fortschritt. „Wie schon vor mehr als 100 Jahren wollen wir auch heute neue und moderne Cocktails kreieren.“ Das „Savoy Cocktail Book“ aus den Dreißigerjahren von Harry Craddock ist bis heute die Bibel für Barkeeper.

Mittlerweile sitzt der Gast in Leder, die Bilder an den Wänden zeugen von der bewegten Vergangenheit. Quelle: American Bar

Tatsächlich versucht die lange Karte der American Bar Tradition mit Innovation zu verbinden. Es ist eine Reise über die Insel, von Kent im Süden Englands über London, wo an die Art-Déco-Ära erinnert wird, weiter in den Norden in den Sherwood Forest, die Pennines sowie die Grafschaften Yorkshire und Lancashire, wo die industrielle Revolution ihren Anfang nahm, bis ins schottische Edinburgh. Jede Region hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Aromen, Geschmäcker, Spirituosen, Kräuter und Liköre, die sich in den Getränken widerspiegeln. Zu jedem Mix können Hudak und die anderen Barkeeper eine Geschichte erzählen. Dabei, so der 27-Jährige, sei jeder in der Lokalität willkommen – „Es ist egal, ob man ein Superstar ist oder monatelang Geld gespart hat für ein Geburtstagsfest.“

Die verspiegelte Bar ist unter Kennern legendär. Quelle: American Bar

Die Bar ist schon nach wenigen Momenten in gewisser Weise ein Zuhause, alles fühlt sich an wie eine warme Umarmung, aus der man sich kaum lösen will und die Geborgenheit stiftet.

Auf einem der Barhocker sitzt an diesem Abend die US-Amerikanerin Savannah, die viele Jahre in London gewohnt hat und nun wieder in San Francisco lebt. Sie zeigt Barkeeper Hudak an ihrem Smartphone Bilder ihres Vaters, der erst zwei Wochen zuvor gestorben ist und als Stammgast bekannt war. Der Tochter bleiben die Erinnerungen an seine Besuche in der Metropole, wo er 15 Jahre lang im Savoy-Hotel übernachtete. An die Gespräche und Begegnungen in dieser seiner Lieblingsbar. Bei einem Glas Weißwein erzählt sie von den Abenden. Hudak hört zu. „Die American Bar ist wie ein Dorf in einer großen Stadt. Es ist ein Mix aus Menschen, die wie Familie sind, Cocktail-Begeisterten, Touristen und Briten“, sagt sie über die Besonderheit des Ortes. Ein Italiener steigt in das Gespräch ein. Er arbeitet in einer anderen Londoner Bar als Barkeeper und führt an diesem Abend seine Freundin in die American Bar aus. „Als ich vor der Tür stand, hat plötzlich mein Herz begonnen, schneller zu schlagen“, sagt er voller Ehrfurcht. „Dies hier“, er zeigt hinter die Theke, „ist der Traum von Tausenden Mixern auf der ganzen Welt.“

In London, der Cocktail-Hauptstadt, sind laut Ranking vier der zehn Topbars beherbergt. Den zweiten Platz belegte das ebenfalls in der britischen Metropole gelegene Dandelyan. Aus Deutschland hat es allein das „Schumann’s“ in München auf Platz 38 geschafft.

Von Katrin Pribyl/RND

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