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Panorama „Ich habe keine Hoffnung mehr“
Nachrichten Panorama „Ich habe keine Hoffnung mehr“
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06:00 27.11.2017
Die Verzweiflung ist groß: Vor dem Gelände der Marinebasis in Mar del Plata versammeln sich die Angehörigen der vermissten Seeleute. Quelle: Foto: dpa
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Mar del Plata/Buenos Aires

„Sie haben uns verlassen!“, ruft Jessica Gopar verzweifelt. Sie ist eine der Angehörigen der 44 verschollenen Besatzungsmitglieder des argentinischen U-Boots „ARA San Juan“. Und sie meint nicht nur ihren 35 Jahre alten Ehemann, Elektrotechniker und Unteroffizier des U-Boots, sondern auch und vor allem die Führung der Marine.

Seit dem 15. November ist die „ARA San Juan“ im Südatlantik verschollen. Hoffnungen, die 44 Besatzungsmitglieder lebend zu finden, verringern sich von Tag zu Tag. „Bedauerlicherweise konnten wir das U-Boot ,San Juan‘ trotz aller Anstrengungen noch nicht orten“, sagte Marine-Sprecher Enrique Balbi am Sonnabend. „Wir befinden uns in einem Moment zwischen Hoffnung und Verzweiflung.“ Experten zufolge reicht der Sauerstoffvorrat an Bord nicht länger als zehn Tage, wenn es unter Wasser ist.

An Bord soll es eine Explosion gegeben haben

Und spätestens seit vergangenem Donnerstag glaubt kaum noch jemand, dass Gopars Mann und die anderen Vermissten doch noch lebend gefunden werden. An diesem Tag hört Gopar, dass es eine Explosion an Bord des U-Boots gegeben haben soll. „Gerade erfahre ich, dass ich Witwe geworden bin“, sagt die Mutter eines elf Monate alten Babys unter Tränen. Meeressonden der internationalen Atomteststoppbehörde CTBTO und der USA, so hatte die argentinische Marine mitgeteilt, hätten übereinstimmend eine Explosion auf der vermuteten Position der „ARA San Juan“ im Südatlantik festgestellt – unmittelbar nach der letzten Funkverbindung. Balbi umschrieb es vorsichtig: „Das registrierte Ereignis war anormal, einzig, kurz, gewaltig und nicht nuklearen Ursprungs“, sagte er vor der Presse. Ein Journalist fragte, ob er eine Explosion meine. „Ja“, war die knappe Antwort.

Angehörige der Crew stürzt die Wende in dem Drama in Wut und Verzweiflung. „Sie haben meinen Bruder getötet, weil sie die Mannschaft mit diesem Flickwerk auf die Reise geschickt haben“, empört sich ein Mann über den angeblich schlechten Zustand, in dem sich das 1985 von Argentiniens Marine in Dienst genommene U-Boot befunden haben soll. „Sie haben meinen Sohn getötet“, schreit ein anderer Mann, der in einem Auto sitzt.

Angehörige kritisieren Informationspolitik

Balbi hingegen versichert auf einer Pressekonferenz am Sonnabend, dass der Zustand des 33 Jahre alten Unterseeboots gut zu sein schien, als es am 8. November ablegte. Zwei Tage zuvor sei das gesamte Betriebssystem überprüft worden, sagte Balbi. Erst am 15. November habe der Kapitän über ein elektrisches Problem in einem Batteriefach berichtet. Später habe er aber per Satellitentelefon mitgeteilt, dass das Problem gelöst worden sei und das U-Boot seine Reise nach Mar del Plata unter Wasser fortsetzen werde. Doch dann kam es wohl zur Explosion. Die Marine hatte zunächst aber nur von einem „Kommunikationsproblem“ gesprochen und erst zwei Tage nach Abbruch der Verbindung bekannt gegeben, dass das U-Boot vermisst werde.

Es ist auch die Art und Weise, wie sie das alles erfahren, die die Angehörigen so wütend macht: „Sie haben uns nicht gesagt, dass sie tot sind, aber das ist eine logische Folgerung“, sagt Itati Leguizamón, Ehefrau eines Besatzungsmitglieds, voller Zorn. „Ich habe keine Hoffnung mehr.“

Katastrophe löst politischen Streit aus

Selbst Verteidigungsminister Oscar Aguad soll erst mit mehrtägiger Verspätung von der Panne erfahren haben – aus den Medien. Besonders kritisch stößt in Regierungskreisen auf, dass ungeprüfte Informationen an die Familienangehörigen dringen, die wie Jessica Gopar an der Marinebasis in Mar del Plate auf Neuigkeiten warten. Die Gerüchte sorgen mal für Hoffnung, mal für Entsetzen. Vor allem die verschiedenen Versionen über die Gründe des Unglücks sorgten für Verwirrung. Unterdessen wirft die Opposition der Regierung vor, eine Mitverantwortung für das Desaster zu tragen. Kürzungen hätten zu einer mangelhaften Wartung beigetragen.

Angehörige verlieren die Hoffnung

Die Regierung von Präsident Mauricio Macri fürchtet nun, dass die bislang glücklose Rettungsaktion auf sie selbst zurückfallen würde. Das regierungsnahe Blatt „Clarin“ spekuliert bereits, dass Macri einen kompletten Austausch der Marinespitze erwäge. Macri selbst versucht sich als Macher ins Szene zu setzen. Er verfolgt die Rettungsarbeiten intensiv und fordert eine umfassende Untersuchung der Vorfälle.

Für den politischen Streit um die Schuldigen haben die Angehörigen derweil kein Gehör. Auf dem Gras vor dem U-Boot-Stützpunkt in Mar del Plata weint eine Frau. Ein Mann betet still vor einem Heiligenbild. Ein Paar sucht Trost in einer langen Umarmung. „Bitte lasst uns nicht allein“, fleht Jessica Gopar die Journalisten an. Sie werde wahrscheinlich nie die Möglichkeit haben, ihrem Ehemann eine Blume aufs Grab zu legen.

Von Tobias Käufer/RND/dpa

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