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Panorama Hunderte helfen Obdachlosem nach Social-Media-Hilferuf
Nachrichten Panorama Hunderte helfen Obdachlosem nach Social-Media-Hilferuf
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08:15 14.04.2017
Initiator der Aktion #hilfefuerandreas Dennis Zepter und Andreas (kleines Bild). Quelle: dpa/Hilfe für Andreas
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Mainz

Andrzej W., genannt Andreas, lebt seit Jahren auf Bänken und in Geschäftseingängen in Mainz. Der 39 Jahre alte Obdachlose hat erlebt, wie ihn Menschen im Schlaf bespucken, schlagen, mit Steinen bewerfen. Eine etwa acht Zentimeter große Narbe an seinem Hals sei die Folge eines Angriffs mit einer kaputten Glasflasche, erzählt er. In diesen Tagen aber lächelt Andreas W. oft, auch wenn er dabei wegen seiner fehlenden Zähne den Mund gern geschlossen hält. Der Grund: Hunderte Menschen helfen dem Obdachlosen – nach einem Hilferuf über soziale Medien.

Auf einem Spendenkonto sind mittlerweile mehr als 5000 Euro eingegangen. Andreas W. trägt ein neues Polo-Hemd, Pullover, Schuhe. Er hat einen Unterstellplatz für seine Habseligkeiten gefunden. Die Helfer wollen ihm alles Mögliche schicken – von Essen über Besteck bis hin zu Arbeitskleidung. Jemand bietet an, seinen Zahnersatz zu übernehmen, andere wollen beim Umzug helfen - wenn er denn mal eine Wohnung hat. Und, am Wichtigsten: Ein Garten- und Landschaftsbaubetrieb im hessischen Rüsselheim hat ihm einen Job angeboten. „Das alles war eine große Überraschung“, sagt Andreas W.

Begegnung im Krankenhaus

Ins Rollen gebracht hat die Hilfsaktion, die unter dem Hashtag #hilfefuerandreas läuft, Dennis Zepter aus dem rheinhessischen Appenheim. Die beiden haben sich im St. Vincenz und Elisabeth Hospital in Mainz kennengelernt – Zepter war dort mit einer Niereninfektion, Andreas W. wegen seiner kaputten Bauchspeicheldrüse. „Wir haben zusammen Fernsehen geschaut, geredet und uns angefreundet. Danach habe ich überlegt und überlegt, was ich für ihn tun kann“, sagt Zepter, der in einem Baumarkt Abteilungsleiter ist.

Schnell fasst er einen Entschluss: „Ich möchte Andreas wieder in ein normales Leben helfen.“ Zepter teilt die Geschichte des Obdachlosen über die Studenten-App Jodel. Innerhalb weniger Tage gibt es Hunderte Kommentare, oft mit konkreten Hilfsangeboten. Zepter richtet eine Facebook-Seite ein, der nun mehr als 2000 Menschen folgen. Und eine Seite, auf der gespendet werden kann.

Halbe Nächte schlägt Zepter sich mit der Organisation und Beantwortung von Nachrichten um die Ohren, dabei steht er selbst kurz vor einer Abschlussprüfung bei der Industie- und Handelskammer. „Wenn man sich etwas in den Kopf setzt, kann man alles erreichen“, sagt er. „Es ist doch genial, was hier gerade passiert.“

Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert kennt Andreas W. seit Jahren - und damit auch dessen Krankheiten und Probleme. „Es ist schön, wenn sich jemand so engagiert“, sagt Trabert über den Einsatz Zepters. „Aber ob das nachhaltig ist? Das wäre Herrn W. zu wünschen. Aber es bedarf einer längeren Begleitung.“ Und vor allem brauche es strukturelle Veränderungen.

Andreas: „Das Internet ist wie schwarze Magie“

Was Trabert damit meint: Menschen wie Andreas W., die aus Osteuropa kommen und in Deutschland keiner sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen, haben meist auch keine Versorgungsansprüche. Das heißt: Keine Krankenversicherung, keine Sozialhilfe. Die Kosten für die Behandlungen und Medikamente von Andreas W. trägt unter anderem der Verein Armut und Gesundheit in Deutschland, dessen Vorsitzender Trabert ist. Aber es könne doch nicht sein, dass diese Menschen mit Spenden gerettet werden müssten, sagt Trabert. „Wir sind hilflos, frustriert, wütend, denn diese Menschen fallen immer hinten runter.“

Andreas W. kommt aus Wałbrzych in Polen. Vor einigen Jahren war er noch einmal dort, arbeitete auf dem Bau. Doch nach Abzug der Kosten für Medikamente, Miete, Strom sei ihm kaum ein Euro geblieben, sagt er. „Das ist kein Leben.“ Seine Ex-Frau und seine 13 Jahre alte Tochter lebten weiterhin in Polen. Wenn er eine Wohnung hätte, könne seine Tochter nach Deutschland ziehen, sagt er. „Aber so: Wo soll sie wohnen, auf der Parkbank?“ Ohne Arbeit bekomme er nirgendwo eine Wohnung - und ohne Wohnung nirgendwo Arbeit.

Was derzeit durch die Social-Media-Aufrufe geschieht, scheint Andreas W. etwas zu überfordern. Das Internet sei wie „schwarze Magie“, meint er. Und er staunt, wie viele Menschen ihm helfen, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Seinen Gemütszustand beschreibt er so: „Im Kopf ist Tumult.“ Aber am Ende werde schon alles gut ausgehen. „Ich bin Optimist.“

Von RND/dpa

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