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Panorama „Herrliche Zeiten“: Sklavenhalter wie wir
Nachrichten Panorama „Herrliche Zeiten“: Sklavenhalter wie wir
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16:06 04.05.2018
Buddeln für die Herrin: Ein Trupp bulgarischer Arbeiter erfüllt den Wunsch nach einem Swimmingpool, der Evi (Katja Riemann) schon lange umtreibt. Quelle: Concorde
Hannover

Jetzt mal Hand aufs Herz: Es ist doch was Wunderbares, abends Vier-Gänge-Menüs kredenzt zu bekommen und sich danach im Kerzenschein eine Thalasso-Anwendung mit duftenden Rosenblättern zu gönnen. Und dann erst im Schlafzimmer dieser dekorative Handtuch-Schwan auf frisch bezogenem Leinen plus Schoko-Betthupferl auf dem Nachttisch.

So sieht das Leben von Schönheitschirurg Claus (Oliver Masucci) und Gartenarchitektin Evi (Katja Riemann) jeden Tag aus, seit das neue Personal in die Einliegerwohnung gezogen ist. Wobei Personal es nicht ganz trifft: Das Pärchen Bartos (Samuel Finzi) und Lana (Lize Feryn), gebildet und vollendet in den Umgangsformen, hat sich auf eigenen Wunsch als „Sklaven“ angedient. Es verlangt nicht mehr als Kost und Logis, setzt nach eigenen Worten aber auf ein würdevolles Vertrauensverhältnis zum neuen Arbeitgeber – das Sklavendasein ist doch immer noch besser als Hartz IV.

Als Ausbeuter will nun niemand gelten

Erst mal haben der sonnenbankgebräunte Claus und die tablettensüchtige Evi gestutzt. Da muss doch ein Haken bei der Sache sein. Peinlich ist das sowieso, zumal sie fortan auch noch mit „Herr“ und „Herrin“ angesprochen werden. Als Ausbeuter will ja nun niemand gelten.

Andererseits hatte die bisherige Putzfrau einen großformatigen Zettel auf dem Müllberg im Wohnzimmer hinterlassen. Darauf stand geschrieben: „Räumt euren Dreck allein weg!“ Handlungsbedarf ist also gegeben. Warum soll man dem Wunsch nach einem Sklavenhalter-Dasein nicht wenigstens probehalber nachgeben, wenn die Sklaven den Wunsch danach äußern? Außerdem kann man ja auch zu Sklaven nett sein.

So verwandelt sich die sowieso schon großzügige Villa in eine wahre Wellness-Oase. Die schöne Lana ist übrigens in Absprache mit ihrem Mann noch zu viel mehr bereit als nur für den nächsten Saunaaufguss. Die Crux dabei ist nur: Hat man sich erst mal ans Bedientwerden gewöhnt, möchte man es auch nicht mehr missen. Claus fühlt sich mit seinem abgedrehten Wolfslachen in den neuen hierarchischen Zusammenhängen ausgesprochen wohl und überträgt sie versehentlich schon mal auf seine Arbeitsstelle.

Alberne Verpackung, realistischer Kern

Es klingt nach einer ziemlich irren Geschichte, die Oskar Roehler in seiner Kinofarce „Herrliche Zeiten“ erzählt. Entfernt man von dem Film allerdings die reichlich alberne Verpackung, kommt man ins Stutzen: Kurven nicht tatsächlich Niedriglöhner auf Mopeds durch unsere Städte und versorgen uns mit Pizza und Sushi? Schaffen wir nicht Abhilfe beim Pflegenotstand, indem wir Helferinnen aus Osteuropa herankarren, in Dachzimmern unterbringen und sie Tag und Nacht nach unseren Alten schauen lassen? Und dabei war noch gar nicht von den Kindern die Rede, die in Bangladesch oder anderswo in abbruchreifen Fabriken für Hungerlöhne unsere T-Shirts nähen.

Roehlers Film lädt ein zu allen möglichen Interpretationen – die Existenz des westlichen Wohlstandsmenschen ist nun mal auf der Ausbeutung anderer gegründet, so lautet die provokative Gegenwartsdiagnose.

Im Film bekommt man das spätestens in dem Moment überdeutlich vorgeführt, als eine Brigade bulgarischer Arbeiter im Garten auftaucht und dort auch noch campt. Sklave Bartos hat den Trupp organisiert, damit Evi endlich den Swimmingpool bekommt, den sie sich schon so lange wünscht. Bei zwei Euro Stundenlohn lässt sich das locker finanzieren.

Claus legt sogar noch 50 Cent drauf, um dem schlechten Gewissen abzuhelfen, das da doch noch irgendwo tief drin in ihm rumort. Es bleibt bei diesem Film allerdings der böse Restverdacht, dass das ursprünglich alles auch ganz anders gemeint gewesen sein könnte: Die Romanvorlage „Subs“ (so wie „Subordinates“, Untergebene, oder wie „Subhumans“, Untermenschen) hat der umstrittene Autor Thor Kunkel geschrieben, der in seinen Büchern immer wieder mit rechtem Gedankengut zumindest spielt. Das muss auch Roehler gewusst haben, als er sich ans Werk machte. Das Drehbuch verfasste dann aber Jan Berger („Der Medicus“).

Inzwischen betreibt Kunkel auch eine PR-Agentur. Sein berüchtigtster Kunde: die AFD. Sollen die Bulgaren im Garten womöglich die angebliche „Überfremdung“ symbolisieren?

Botschaft mit dem Holzhammer

Wenn in diesem originellen Film doch keine Funken der Begeisterung überspringen, dann liegt das daran, dass die Botschaft mit dem Holzhammer verabreicht wird. Darunter leidet auch die Figurenzeichnung. Masucci agiert mit seinem rheinischen Dialekt und seiner Blondheit nahe an der Karikatur, Riemann darf differenzierter zu Werk gehen. Der interessanteste Charakter ist Bartos, angesiedelt zwischen diabolischem Verführer und Typ Eddi Arent in alten Edgar-Wallace-Filmen.

Ach so, die Sache hat mit den Sklaven hat natürlich doch einen Haken. Und da kommt der Nachbar ins Spiel, „Araber“ genannt, ein Diktatorensohn aus dem Nahen Osten mit hauseigenem Folterkeller, der die „Massen“ genauso verachtet wie ein Land, in dem Tempo-30-Zonen gelten. Das sieht Claus nicht ganz so, aber wenn man seine Villa behalten will, muss man auch bereit sein, seine Werte über Bord zu werfen, um die natürliche Ordnung zwischen den da oben und den da unten wieder herzustellen.

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Von Stefan Stosch / RND

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