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Panorama Glauben Sie ans Ende des Kapitalismus, Mario Adorf?
Nachrichten Panorama Glauben Sie ans Ende des Kapitalismus, Mario Adorf?
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20:15 27.04.2018
Mario Adorf – der Mann für Schurken, Kapitalisten und jetzt auch für Karl Marx. Quelle: dpa

Herr Adorf, Sie waren mal ein Gelegenheits-Bücherdieb. Doch der erste Band, für den Sie Geld bezahlt haben, war eine Studienausgabe mit Werken von Karl Marx. Was hat sie an Marx so interessiert?

Das war eine große Ausgabe von Frühschriften mit dem “Kommunistischen Manifest“ und dem ersten Band des “Kapitals“. Ich war ein fanatischer Leser damals. Wir hatten nach dem Krieg so viel nachzuholen, wir kannten nichts.

Warum haben Sie ausgerechnet für den Marx-Band bezahlt?

Weil ich das Buch haben wollte und nirgendwo anders fand. Wo ich allerdings gestohlen habe und weniger Gewissensbisse hatte, war in der Schweiz. Ich habe nach dem Krieg ein Semester in Zürich studiert und habe dort die Erfahrung gemacht, dass es den Schweizern an einer Solidarität fehlte, die es in Deutschland zu der Zeit gab – und heute auch nicht mehr gibt. Ich musste mein Studium selbst verdienen, habe auf dem Bau gearbeitet und im Steinbruch. Aber wenn man in Deutschland nach dem Krieg ­irgendwohin kam, wurde man gefragt: Hast du schon was gegessen? Hast du Hunger? Dann bekam man irgendwas, ein Brot oder ein Ei. Man hat einander geholfen. Als ich in die Schweiz kam, gab es das nicht. Die Schweizer haben damals diese Not nicht gekannt. Sie hatten ja alles. Deswegen hatte ich auch weniger Hemmungen. Ich habe ja nicht viel geklaut, mal ein paar Lebensmittel, weil ich Hunger hatte, oder ein Buch aus Wissensdurst.

Hat Karl Marx Sie besonders interessiert?

Es war ein Vorteil, dass ich ihn nicht nur in der Theorie gelesen, sondern seine Kritik an der Situation der Arbeiter praktisch erlebt habe. Ich habe in der Eifel in der Bimssteinindustrie nahe dem Laacher See ­malocht, unten im Bimssteinbruch. Das war eine sehr, sehr harte Arbeit. Zehn Stunden am Tag im Akkord schaufeln. Da hasste ich den Ausbeuter. Ich habe nie jemanden gehasst, aber diesen Ausbeuter, der oben stand mit seiner Krawatte …

Der Boss …

Der Boss. Der Besitzer. Der vormals einfache Bauer. Dem gehörte der Acker, und durch den Bauboom nach Kriegsende, durch den Bimsstein, der unter seinem Land lag, wurde er zum Unternehmer, zum Ausbeuter. Ich kam mir vor wie der von Marx so genannte Lohnsklave. Ich habe auch auf dem Bau gearbeitet als Hilfsarbeiter, als Handlanger, der Bauunternehmer dort war nicht besser. Eine bittere Lehrzeit. Später konnte ich diese Leute ja auch spielen, bei Rainer Werner Fassbinder den Baulöwen Schuckert in “Lola“, bei Helmut Dietl den Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher, bei Dieter Wedel den großen Bellheim, den Kaufhauskönig. Denen ging es ja nie nur ums Geld, sondern auch um Macht. Für mich war Geld immer nur da, um die Lebensbedürfnisse zu finanzieren. Ich hatte kein kapitalistisches Verhältnis zum Geld. Ich habe nie spekuliert, nie riskiert.

Mario Adorf hat in “Kir Royal“ als Generaldirektor Haffenloher etwas nachgeholfen, um in die Zeitung zu kommen. Herbie (Dieter Hildebrandt, Mitte) und Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz, r.) sehen das mit sehr gemischten Gefühlen. Quelle: SWR

In der Fernsehserie “Kir Royal“ von 1986 spielen Sie den Unternehmer Haffenloher, der sich die Nähe zum Boulevardjournalisten Baby Schimmerlos erkaufen will. “Irgendwann nimmst du mein Geld, und dann gehörst du mir“, sagt er und: “Dann bist du mein Knecht.“ Was halten Sie heute von diesem Satz?

Genauso wenig wie damals. Ich wollte in meinem Leben niemanden knechten, zum Knecht machen. Ich wollte nie über jemanden verfügen. Ich wollte auch nie Macht besitzen. Das Wort “Macht“ hat mir im Deutschen nie gefallen. Im Italienischen, im Französischen kommt es vom Können, “potere“, “pouvoir“, das ist mir sympathischer. Das deutsche Wort “Macht“ hat gleich so etwas Gewalttätiges. Machtstreben hat mich nie interessiert, ich wollte nie Macht haben. Vielleicht bin ich deswegen auch nie Regisseur geworden. Ich wollte nie meine Macht, meinen Einfluss, mein Können als Mittel einsetzen, um über andere zu bestimmen. Das hat mich nie interessiert. In dem Sinne bin ich zumindest kein Kapitalist.

Glauben Sie an das Ende des Kapitalismus?

Ich war lange der Überzeugung, dass es mit dem ewigen Wachstum so nicht weitergehen kann. Heute bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Ich sehe die ganze ungebremste Entwicklung unserer Gegenwart. Die großen Konzerne haben die eigentliche Macht in der Welt und nicht die Politik. Es geht auf eine Revolution zu, weit in der Ferne zwar, aber es kann ja nicht immer so weitergehen. Meine Generation und die danach haben es noch als gesichert angesehen, dass wir uns einen Wohlstand erarbeiten können. Das wird sehr wahrscheinlich nicht zu erhalten sein. So gut wie jetzt wird es uns nicht mehr gehen können. Da bin ich mir sicher.

Sie haben lange in Italien gelebt und den Niedergang der Volksparteien und den Aufstieg der Populisten erlebt. Was befürchten Sie für Deutschland?

Wenn es nicht gelingt, diesen Populismus, der für das Schrumpfen der Volksparteien ja ursächlich ist, zurückzudrängen, dann sind sie auch hierzulande ein Auslaufmodell. Wenn es nicht gelingt, die Leute zu überzeugen, dass sie sagen: Die Parteien haben es doch eigentlich die ganzen Jahre ganz gut gemacht, wir wollen es nicht alles wegschmeißen. Ich kann nicht an diese Alternativen glauben, die jenseits des bisherigen Parteienspektrums liegen. Sie stellen den Staat infrage, sie stellen auch Europa infrage. Es droht ein Rückfall in den Nationalismus. Das halte ich für eine ganz große Gefahr, das darf nicht sein. Ich empfand mich immer sehr als Europäer. Wir müssen alles tun, um das vereinte Europa zu erhalten. Ob die Parteien es schaffen, sich zu erneuern, weiß ich nicht.

Nach vier Stunden Maske sieht Adorf dem alten Marx zum Verwechseln ähnlich: “Karl Marx - Der deutsche Prophet“ ist zum 200. Marx-Geburtstag auf Arte und dem ZDF zu sehen. Quelle: ZDF

Karl Marx – war er ein Prophet oder hat er sich einfach geirrt?

Er ist heute weitgehend rehabilitiert. Man kann ihn wieder objektiv sehen und seine denkerische Leistung anerkennen. Er hat weit vorausgedacht, er hat die Globalisierung vorausgesehen. Er sollte anerkannt werden als einer der großen Denker, als ein großer deutscher Philosoph.

Es soll Ihnen eine Herzensangelegenheit gewesen sein, einmal den Karl Marx zu spielen. Stimmt das?

Herzensangelegenheit ist zu viel gesagt. Ich hatte aber ein persönliches Anliegen: Ich wollte meinen eigenen Marx-Film drehen. Vor mehr als zehn Jahren hatte ich die Idee, einen Spielfilm über Marx’ letzte Reise nach Algier zu machen. Eine Episode aus Marx’ letztem Lebensjahr, die damals unbekannt war. Im Exil zieht Marx eine historisch unbelegte Bilanz seines Lebens, eine Vermutung, die man aus dem in Algier vollzogenen Haar- und Bartopfer herleitet.

Warum gab es den Film nie?

Die Finanzierung kam nicht zustande. Auch gab es damals noch Berührungsängste vor dem “Bürgerschreck“ Marx. Die Sender waren der Auffassung, dass das Publikum über Marx nichts wisse, und so kam schließlich dieses Dokudrama dabei heraus.

Sie drehen auch mit 87 Jahren noch – brauchen Sie die Arbeit so sehr?

Es ist nicht so, dass ich es dringend erhoffe, erwarte oder brauche, dass mir noch Rollen angeboten werden. Aber es soll wohl noch so sein. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich bin dankbar dafür, dass es bei einem Schauspieler nicht mit 65 zu Ende sein muss und eine neue Sinnfindung für die Jahre danach notwendig wird. Ich habe gerade in Berlin ein Projekt vor, da geht es um die Verfilmung einer Geschichte von Wolfgang Borchert, die mich reizt. Und es gibt auch noch zwei weitere aktuelle Projekte.

Szene mit Senta Berger und Mario Adorf in dem Spielfilm "Unser Boss ist eine Dame" aus den 1960er Jahren. Quelle: Handout

Zur Person: Mario Adorf

Er spielte die schlimmsten Machos so, dass sie eine weiche und fast liebenswürdige Seite bekamen. Selbst wenn das Drehbuch aus ihm einen Frauenfeind machte – wie den Wirt Paolo Rossini in Helmut Dietls München-Komödie “Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ –, blieb Mario Adorf doch ein Stück weit Gentleman. Mit Dieter Wedel drehte er immer wieder, doch hielt professionellen Abstand.

Mario Adorf kann Distanz schaffen im distanzlosen Schauspielbetrieb. Er ruht in sich selbst, schließlich ist er schon seit vielen Jahren der von allen respektierte Pate des deutschen Film- und Fernsehbetriebs. Mit 87 Jahren dreht Adorf unverdrossen weiter, er bleibt gefragt, solange er sich fragen lässt. Dabei ist Deutschland nur eines der Länder, in dem der große Europäer Adorf Erfolg hat.

Lange Zeit war eher die Cinecittà als die Bavaria-Studios seine Arbeitsheimat. In Dutzenden italienischen Filmen verkörperte er Mafiosi und Signori und einmal auch den “Duce“ Mussolini. Aber Adorf reagiert feinsinnig darauf, wenn ihn ein Land oder ein Unternehmer allzu sehr vereinnahmen will.

Als Silvio Berlusconi die Popularität des Gentlemans aus dem Norden für sich sichern will, verlässt Adorf 2004 das italienische Filmgeschäft wieder und konzentriert sich erneut auf Deutschland. Ein Europäer bleibt er natürlich. “Ich fühlte mich schon sehr früh als Europäer“, sagte er kürzlich. “In Zürich bin ich geboren, mein Vater war Italiener, die Mutter Deutsche, meine Frau ist Französin.“

Schon Adorfs Mutter Alice war eine Reisende durch Europa. Auch sie wird in Zürich geboren, der Vater ist Deutscher aus der Eifel. In Süditalien wird die Röntgenassistentin während einer dienstlichen Romanze mit einem verheirateten Chirurgen schwanger. Wieder in Zürich, bringt sie am 8. September 1930 Mario zur Welt. In Mayen in der Eifel wächst der Junge auf, mit einer schwer schuftenden, alleinerziehenden Mutter.

Nach dem Krieg studierte Adorf erst in Mainz Philosophie, Psychologie, Kriminologie, Literatur, Musikgeschichte und Theaterwissenschaften, dann in Zürich. Nach vier Jahren brach er dieses Studium generale ab und ging in München an die Schauspielschule. In den frühen Jahren waren seine Rollen oft die kleinen Schurken und Banditen, später dann die großen Schurken und Kapitalisten.

Und nun folgt Karl Marx. Für einige ein Schurke, für andere ein Held, für Adorf vor allem ein großer deutscher Philosoph, den er in seinen Mainzer Uni-Semestern eingehend studiert hat. Ein Gentleman aber war er nicht, zeigt Mario Adorf eindrücklich. Nach vier Stunden Maske sieht Adorf dem alten Marx zum Verwechseln ähnlich. Und auch der Eifeler Singsang passt zum Trierer Marx.

“Karl Marx – der deutsche Prophet“ heißt das Dokudrama (Regie: Christian Twente), das zum 200. Marx-Geburtstag auf Arte (Sonnabend., 28. April, 20.15 Uhr) und im ZDF (Dienstag, 1. Mai, 20.15 Uhr) läuft. Es zeigt Marx nicht nur als Denker in ständiger Geldnot, sondern auch den Familienvater in all seiner Tragik. Er musste nicht nur den Tod seines einzigen Sohnes Edgar (“Musch“) als Achtjährigen, sondern auch den seiner ältesten Tochter Jenny ertragen.

Als Begleiterin und Erzählerin weicht im Film Tochter Eleanor, gespielt von Sarah Hostettler, nicht von Marx’ Seite. Erst am Schluss erfährt der Zuschauer, was es mit dem jungen Mann Frederick auf sich hat, dem Sohn der Haushälterin Lenchen (Nina Petri). Es ist Marx’ eigener unehelicher und zurückgewiesener Spross – gänzlich belegt ist diese Geschichte nicht.

Umso klarer sind hingegen die in die Spielszenen eingeblockten Analysen der Experten wie des Marx-Biografen Jürgen Neffe: Marx war ein Unvollendeter, der weder seinen Ruhm noch die Perversion seiner Gedanken noch erlebte.

Von Jan Sternberg

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