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Panorama Gerhard Schröder wird 75: „Ich lebe mein Leben, wie ich will“
Nachrichten Panorama Gerhard Schröder wird 75: „Ich lebe mein Leben, wie ich will“
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21:05 05.04.2019
Gerhard Schröder und Soyon Kim-Schröder. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Diesmal hat er nicht am Gitter rütteln müssen. „Können wir mal kurz reingucken?“, fragt Gerhard Schröder den Portier der niedersächsischen Staatskanzlei. „Sie immer“, sagt der. Und schwups sind wir drin, unangemeldet, eine Spontanaktion. Wer sich mit Gerhard Schröder auf einen Stadtspaziergang in seiner Heimatstadt Hannover aufmacht, darf mit Überraschungen rechnen. In diesem Fall ist es die friedliche Machtübernahme in der Staatskanzlei. „Ich bin wieder da“, sagt der Ministerpräsident a. D. und Altkanzler, als er das Büro des abwesenden Ministerpräsidenten Stephan Weil stürmt. Und den bass erstaunten Sekretärinnen im Weil’schen Vorzimmer raunt er noch den Satz zu „Der andere ist in Berlin und muss jetzt dort die Dinge richten ...“.

Ein Hauch von Avantgarde

Knapp 14 Jahre ist es bereits her, dass Gerhard Schröder in Berlin sein Bundestagsmandat abgab und jenen Posten im Kanzleramt räumen musste, um den er so lange gekämpft hatte. Damals, 2005, war er 61 Jahre alt und hatte noch überhaupt keine Lust aufzuhören. Am kommenden Sonntag wird er 75. Grund genug, sich mit dem einzigen noch lebenden Ex-Kanzler auf den Weg zu machen. Gerhard Schröder willigt ein. Aber nur unter einer Bedingung: Soyeon Schröder-Kim, seine fünfte Frau, muss mitkommen. Und hinterher wird essen gegangen. Einverstanden.

Dann aber doch eine naheliegende Frage: „Wie haben Sie sich, Herr Schröder, als junger Mann einen 75-Jährigen vorgestellt?“ Antwort eher ausweichend: „Ich weiß ja, dass es so ist.“ Und: „Mit den Altersgeschichten kann ich gut umgehen, solange man sich noch gut bewegen kann.“ Soyeon Schröder-Kim, die übrigens ausgezeichnet Deutsch spricht, schaltet sich mit der Bemerkung ein, ihr Mann sei topfit. Er habe sie bei der Hochzeit in Südkorea doch tatsächlich auf Händen getragen, was ihre Familie tief beeindruckt habe. Nun ja. Da wird nicht jeder mithalten können.

Wir marschieren los und starten am Landtag. Hier begann Schröders niedersächsische Karriere – 1986, als er sein Bundestagsmandat abgab, um gegen Ernst Albrecht anzutreten, den damals so erfolgreichen CDU-Ministerpräsidenten. Er hat seinerzeit kämpfen müssen um die niedersächsische Spitzenkandidatur. Altvordere wollten anderes, Schröder hat sich durchgesetzt. Wie eigentlich immer in seiner politischen Karriere.

Fotos: Bilder aus Schröders Leben:

Aber gegen Albrecht, den Vater Ursula von der Leyens, kam der junge Schröder im ersten Anlauf nicht an. Enttäuscht sei er damals gewesen, als Albrecht die Wahl gewann. Aber der vierjährige Aufschub habe auch sein Gutes gehabt. So konnte er mit den Grünen Kontakte knüpfen. „Die waren längst nicht so konservativ wie heute, sondern noch eine richtige Protestpartei.“ Vier Jahre später zog Schröder als Sieger in den Landtag ein – mit einem rot-grünen Bündnis. Damals noch ein Hauch von Avantgarde.

In den Landtag gehen wir übrigens nicht, weil dort gerade das Plenum tagt und Schröder keine große Lust hat. Mag sein, dass er ein Treffen mit seiner vierten Frau Doris Schröder-Köpf vermeiden will, die seit 2013 für die SPD im Landtag sitzt. Wir wissen es nicht, aber Trennungen sind in der Regel nicht ohne.

Also weiter Richtung Stadion, das zweifellos zu den Lieblingsorten des Altkanzlers zählt. Trotz der aktuellen Lage. Trotz des Elends von Hannover 96. Neulich nahm Gerhard Schröder, der im Ehrenamt Aufsichtsratsvorsitzender der Profiabteilung des dem Abstieg entgegentrudelnden Vereins ist, an einer turbulenten Mitgliederversammlung teil, die gegen Klubchef Martin Kind opponierte. „Wenn man sich die Debatten dort ansieht, ist jeder SPD-Ortsverein eine hochrationale Veranstaltung“, sagt Schröder. Es will was heißen, wenn das ein Agenda-Kanzler feststellt, dem es die eigene Partei nicht leicht gemacht hat.

Er ihr aber auch nicht.

Gleich vom 96-Abstieg auf die Lage der SPD kommen? Lieber nicht, das Wetter ist so schön, Gerhard Schröder, der einen ausgesprochen nachdenklichen Eindruck macht, redet sich gerade warm. Kürzlich hat er sich im „Spiegel“ über Andrea Nahles, ihre Singübungen und etwas gewöhnungsbedürftigen Auftritte ausgelassen und hinterher mahnende Briefe von Altvorderen erhalten. So ist das eben in einer Traditionspartei wie der SPD, in der man zwar (fast) alles denken, aber eben nicht öffentlich sagen sollte. Achtung, Feind hört mit.

„Nun bist du einer von uns“

Auch wenn der Klassenfeind auch nicht mehr der ist, der er war, als der Bundesminister Egon Franke (1913–1995) noch als Chef der SPD-„Kanalarbeiter“ die Strippen zog. Auch ihn hat Schröder in Hannover mal stürzen wollen, aber bei einer Wahl den Kürzeren gezogen, weil Franke einfach mehr Wähler mit Bussen aus Altenheimen anreisen ließ. Später, als Schröder avancierte, sagte Franke zu dem jungen Wilden: „Du warst nie mein Mann, aber nun bist du einer von uns.“

Erinnerungen an eine SPD, die stark war, weil sie auch die Kraft zur Versöhnung hatte. Lange her. Wir stehen vor dem kühlen Bau des Sprengel-Museums mit einer der bedeutendsten deutschen Sammlungen moderner Kunst. Schröder und die Kunst. Ein eigenes Kapitel. Er liebt die Kunst und die Künstler. Eine Beziehung, die dem Mann, der aus äußerst bescheidenen Verhältnissen kam (auch lange her), nicht in die Wiege gelegt wurde.

Fotos: So feierte Schröder seinen 70. Geburtstag:

Die Abstraktion zieht ihn an. Auch deshalb der Mut zur Hässlichkeit, die das Schröder-Porträt in der Ahnengalerie der Staatskanzlei zeigt. Max Uhlig hat es gemalt. Ein verwittertes Gesicht wie hinter einem Drahtverhau. Nicht gerade schön, das Modell sieht besser aus. „Mein Mann hat seinen ganz eigenen Stil“, sagt Soyeon, die den Altkanzler vor dem Porträt fotografieren will. Der geht an der Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger vorbei, erwähnt den stets stabreimenden „Schorse“ Diederichs (1961 bis 1970 Ministerpräsident) und seinen Nachnachfolger Sigmar Gabriel, von dem er im Prinzip sehr viel hält. Was Schröder aber über Gabriels Porträt sagt, verraten wir an dieser Stelle lieber nicht. Auch nicht, was er von dessen Engagement in der konservativen Atlantik-Brücke hält.

Aber jetzt doch zu Russland, Putin, Nordstream – musste das sein? Musste. „Das ist mein Leben und nicht eures“, pflegt Schröder zu sagen. Und: „Ich lebe mein Leben so, wie ich es für richtig halte.“ Und dass die Öffentlichkeit eine antiquierte Vorstellung vom Leben eines Altkanzlers habe, sagt Gerhard Schröder noch. „Das ist eine aus dem 19. Jahrhundert, wo sich Kanzler auf ihre Latifundien zurückzogen. Ich habe aber keine Latifundien.“

Sigmar Gabriel: Ein Grußwort zum Geburtstag

Ich wünsche meinem Freund Gerhard Schröder natürlich vor allem, dass er gesund bleibt und im Glück angekommen ist. Er, der so viel Gereiste, der Rast- und Ruhelose, der Tatmensch, Weltbeweger und ­unentwegt die Herausforderung Suchende, ihm ­wünsche ich das Glück der Langsamkeit. Denn nur langsam lässt sich etwas ­genießen. Ich wünsche ihm, dass er stolz auf sein Leben blickt, denn dazu hat er wirklich allen Grund. Und ich wünsche ihm, das seine ­Partei, die ihm so viel ­verdankt, zu einer ehrlichen Dankbarkeit in der Lage ist.

Sigmar Gabriel

Provokant – und bürgerlich

Der ganze öffentliche Streit um seine Russlandjobs habe ihm, dem „political animal“, sogar geholfen, aus dem alten Leben in ein neues zu wechseln, weil er wieder „in den Kampfmodus musste“, mit der Öffentlichkeit streiten. „Ich wollte ja 2005 überhaupt nicht aufhören“, sagt Schröder. Und es hat wenig Sinn, mit dem Jubilar darüber zu streiten.

Vielleicht hänge die Tatsache, dass er früher so stark polarisiert habe, auch damit zusammen, dass „die Konservativen“ so einen wie ihn im Ministerpräsidenten- oder auch Kanzleramt stets als Betriebsunfall betrachtet haben. Das Attribut „bürgerlich“ hätten sie stets für sich beansprucht, nur weil er anders aufgetreten sei, sich anders verhalten habe. Das höfliche „Herr Doktor sowieso“ war nie Schröders Sache.

„Sind Sie es, Schröder?“, fragt plötzlich eine Passantin mit leicht russischem Akzent. Er ist es, die Passantin freut sich: „Alles Gute“, sagt sie. Ein anderer, der im Polo vorbeifährt, zieht plötzlich einen 96-Schal hervor. Der Altkanzler ist noch immer bekannt (und beliebt) wie ein bunter Hund.

Wir stehen im Neuen Rathaus mit den Modellen des mittelalterlichen Hannovers, des kriegszerstörten, des wiederaufgebauten. „Schön, dass ich auch mal hierherkomme“, sagt Soyeon und versucht herauszufinden, ob die Wohnung und die Kanzlei des Altkanzlers auch auf dem Stadtmodell Platz gefunden haben. Haben sie nicht.

Fotos: Gerhard Schröder und seine Frauen:

Seine erste Frau hieß Eva Schubach, die zweite Anne Taschenmacher. Dann kam Hiltrud Schröder und mit Doris Schröder-Köpf lebte Gerhard Schröder bis 2016 zusammen. Offizielle Fotos seiner ersten beiden Ehefrauen sind rar, dafür gibt es umso mehr von den Frauen, die Schröder während seiner aktiven Zeit als Politiker begleiteten.

Ein distanzierter Protestant

Ob er noch das zerstörte Hannover erlebt hat? Schröder schüttelt den Kopf. Er ist im Lippischen auf dem Land aufgewachsen, hat in Lemgo im Porzellangeschäft gearbeitet, später in einer Eisenwarenhandlung in Göttingen, dann Abendschule, Abitur, Jurastudium in Göttingen. Erstes und Zweites Examen, der ersehnte Anwaltsjob. „Ich fand als Juso die 68er interessant, habe aufgrund meines Werdegangs aber nie verstanden, warum sie den Staat so schlecht fanden“, sagt er. Helmut Schmidt habe ihm früh imponiert. Auch wegen seines Intellekts, seiner Schärfe. Kontroversen? Nicht ausgeschlossen.

Wir ziehen zur Marktkirche, wo sich gerade der Gemeindevorstand entschieden hat, ein großzügiges Geschenk Schröders anzunehmen, ein 13 Meter hohes Glasfenster seines Künstlerfreundes Markus Lüpertz mit dem Reformator Luther und übergroßen Schmeißfliegen. Dass das einen monatelangen bizarren Rechtsstreit mit einem der Erben des Marktkirchen-Wiederaufbauers Dieter Oesterlen auslösen würde, daran habe nun keiner gedacht, sagt Schröder.

Einen Austritt aus der evangelischen Kirche hat er nie erwogen, er ist stets Protestant geblieben, wenn auch ein distanzierter. Das Luthertum gefällt ihm, weil es an der Vernunft orientiert sei und „wenig Brimborium“ mache. Und die Sache mit Gott? Wie hält er es mit den höheren Mächten, der höheren Vernunft? „Ich bin mit dieser Frage noch nicht fertig“, sagt der Altkanzler. Er habe einen großen Respekt vor Christen, die „in Selbstausbeutung“ Gutes täten.

„Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein“

Und warum hat er seine Amtseide nie mit Gottesbezug abgelegt? „Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein“, zitiert Schröder die Bibel zur Antwort. „Was darüber ist, ist von Übel.“ Er habe nicht als Heuchler dastehen wollen. Aber, betont er, er habe auch darum geworben, dass etwa die neue niedersächsische Verfassung die Berufung auf Gott nicht wegließ, was viele sozialdemokratische Freunde damals gefordert hätten.

Wir sind fast am Ziel, halt, hier noch ein kurzer Blick in ein Antiquitätengeschäft, aus dem Soyeon mit zwei vergilbten Büchern wieder herauskommt. Ob er noch Sport treibt, Tennis oder Fußball wie einst? Ja, ein bisschen Muckibude, und dann wäre da noch seine neue Sportleidenschaft, das Golfspiel. Das Tolle an diesem Spiel sei, dass die Noch-Besseren den Anfängern eine echte Chance ließen, dass dank der Handicaps, die das Potenzial eines Mitspielers kennzeichneten, man „stets auf Augenhöhe“ spielen könne. Zwei, drei Stunden täglich spielt Schröder, sofern er nichts anderes vorhat und das Wetter es zulässt.

„Beim Golf brauchen Sie keine Kraft, sondern Schwung“, sagt Gerhard Schröder. Und den will er behalten.

Edmund Stoiber: Ein Grußwort zum Geburtstag

Ich gratuliere Gerhard Schröder ganz herzlich zu seinem 75. Geburtstag. Viele sitzen in diesem Alter im Lehnstuhl und ziehen Bilanz ihres Lebens. Nicht so Gerhard Schröder: Dazu lebt er noch viel zu sehr in der Gegenwart. Er ist nach wie vor öffentlich präsent, auch als kluger Ratgeber für seine SPD, die das allerdings nicht immer angemessen zu würdigen weiß.

Uns verbindet eine lange gemeinsame Geschichte von Rivalität und Zusammenarbeit. 1979, bei unserer ersten Begegnung, er als Juso-Vorsitzender, ich als CSU-Generalsekretär, waren die Zeiten noch ideologiegeprägter als heute. Freiheit oder Sozialismus, dazwischen war nichts. Jeder fühlte sich natürlich im Recht, also hat man sich auseinandergesetzt, mit deftigen Worten, aber nie ohne Respekt.

Im Laufe der Jahrzehnte sind wir keiner politischen Kontroverse aus dem Weg gegangen und haben uns heftiger auseinandergesetzt, als man das heute gewohnt ist. Aber dennoch: Wo es für die Menschen notwendig war, etwa zur Wahrung der Standortinteressen Niedersachsens respektive Bayerns in der Auto- oder Luftfahrtindustrie, haben wir immer wieder sachlich und gut zusammengearbeitet.

Gerhard Schröder wurde spätestens als Ministerpräsident zu einem untypischen Sozialdemokraten: Wirtschaftsnah, unideologisch, alle Schichten der Bevölkerung ansprechend. Einer, der sich sein persönliches Leben von den Umständen nie verbiegen ließ. Er war die letzte große Herausforderung aus der SPD für die Union. Er vergaß nie seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Das gab ihm eine tiefe Akzeptanz in allen Schichten der Bevölkerung, vor allem der „kleinen Leute“.

Uns verbindet nicht zuletzt die Liebe zum Fußball, er als Aufsichtsratschef von Hannover 96, ich als Verwaltungsbeiratsvorsitzender und Aufsichtsrat von Bayern München. Auch wenn ich gegen ihn 2002 als Kanzlerkandidat knapp verloren hatte: Im Fußball hatte ich es bisher immer leichter als er.

Ich wünsche Gerhard Schröder alles Gute und dass er – wie der Krupp-Patriarch Berthold Beitz – auch noch mit 90 Jahren die Fäden in der Hand behält.

Edmund Stoiber, CSU, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat

Von Michael B. Berger

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