Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Panorama Faktencheck: Ist Lubitz’ Kritik berechtigt?
Nachrichten Panorama Faktencheck: Ist Lubitz’ Kritik berechtigt?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:29 24.03.2017
Günter Lubitz, Vater des Copiloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren den Germanwings-Absturz verursacht haben soll. Quelle: AP
Anzeige
Düsseldorf

Haben die Ermittler Fehler gemacht? Das behaupten der Vater von Andreas Lubitz und Luftfahrtexperte Tim van Beveren. Sie haben am Freitag Zweifel an der Absturz-Erklärung der Staatsanwaltschaft geäußert. Ihre Aussagen im Faktencheck:

AUSSAGE: Die Ermittler seien von einem dauerdepressiven Copiloten Andreas Lubitz ausgegangen.

BEWERTUNG: Falsch.

FAKTEN: Die Staatsanwaltschaft versichert, das habe sie nie behauptet. Vielmehr sei Lubitz 2009 wegen einer Depression erfolgreich behandelt worden. Erst Ende 2014 hätten sich dann Symptome gezeigt, die auf eine neue (psychische) Erkrankung deuteten. Fachärzte hätten aber diesmal keine Depression diagnostiziert, sondern eine andere Störung. In der Pressekonferenz von Günter Lubitz wird dies dann auch so wiedergegeben und der Vorwurf damit selbst ad absurdum geführt.

AUSSAGE: Die Ermittler seien voreingenommen gewesen.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Die Ermittlungen waren aufwendig, haben lange gedauert und füllen 19 000 Blatt Papier. Außerdem waren damit Ermittlungskommissionen mit einer größeren Zahl Polizisten befasst, sowie Experten der französischen und der deutschen Flugunfalluntersuchung. Experte Tim van Beveren greift die Aussagen des französischen Staatsanwalts 48 Stunden nach dem Absturz als verfrüht an. Doch sollten deswegen auch alle anderen voreingenommen gewesen sein?

AUSSAGE: Die These von der Alleinschuld von Andreas Lubitz sei unhaltbar.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Auch wenn es für den Vater des Copiloten schwer zu ertragen sein mag: Die Indizien sprechen fast alle gegen seinen Sohn. Der recherchierte vor dem Todesflug im Netz nach Selbstmordmethoden, in seinem Gewebe wurden zwei Antidepressiva festgestellt, wie die Ermittler feststellten. Er hatte eine depressive Vorerkrankung, litt an Schlaflosigkeit und der Angst, zu erblinden, manipulierte schon beim Hinflug kurzzeitig die Flughöhe am Autopiloten, beschäftigte sich mit dem Schließmechanismus der Cockpittür.

AUSSAGE: Van Beveren behauptet, er habe Hinweise auf eine Crew, die sich in dem Unglücksjet schon einmal selbst ausgesperrt habe. Ein irrtümliches Aussperren der Cockpit-Crew sei also möglich.

BEWERTUNG: Fraglich.

FAKTEN: Erfahrene Verkehrspiloten weisen darauf hin, dass so etwas am Boden unter ganz bestimmten Umständen vorkommen könnte, schließen es in der Luft aber aus. In der Regel ist die Cockpittür im Fluge elektronisch verriegelt und wird von der Crew erst geöffnet, wenn ein Besatzungsmitglied um Einlass bittet. Im Notfall kann ein Crewmitglied auch von außen per Notfall-Code die Tür entriegeln. Piloten können aber auch diesen Mechanismus umgehen, wenn sie von innen bewusst den Schalter auf „lock“ (Verriegeln) stellen.

Der Copilot hat nach Überzeugung der Ermittler den Chefpiloten ausgesperrt, sein Klopfen ignoriert, die Maschine auf Kollisionskurs programmiert, zum Schluss auch noch beschleunigt. Das alles auf gleichzeitiges technisches Versagen zurückzuführen, bei plötzlich eintretender Ohnmacht des Copiloten, scheint abwegig.

AUSSAGE: Andreas Lubitz könnte bewusstlos gewesen sein.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Seine Atemzüge sind auf dem Stimmrekorder zu hören. Sie verändern sich nicht. Im Cockpit wurden bewusste Manöver durchgeführt, die Maschine am Ende beschleunigt - so steht es im Untersuchungsbericht. Eine Bewusstlosigkeit könnte allenfalls kurz vor dem Aufschlag eingetreten sein - da war die Maschine aber schon auf Kollisionskurs programmiert. Vor einer Bewusstlosigkeit - etwa durch giftige Dämpfe - hätte er vermutlich gehustet oder schneller geatmet.

AUSSAGE: Luftlöcher könnten dazu geführt haben, dass Lubitz eine niedrigere Flughöhe wählte und die Maschine schließlich abstürzte.

BEWERTUNG: Zweifelhaft, eher falsch.

FAKTEN: Die Flughöhe wurde nicht bloß niedriger, sondern auf Kollisionskurs eingestellt. Zudem hätte ein Wechsel der Flughöhe per Funk mit den Fluglotsen abgestimmt werden müssen. Nur in sehr schweren Notfällen können Verkehrsjets ohne vorherige Genehmigung der Luftaufsicht ihre Flughöhe verlassen. In allen anderen Fällen ist dazu eine Freigabe erforderlich. Andernfalls drohen Kollisionen mit Flugzeugen, die wegen der Höhenstaffelung in unteren Luftschichten unterwegs sind. Eine Bitte der Germanwings-Besatzung um Freigabe für einen Sinkflug wurde bisher jedoch nicht bekannt. Dies geben die Aufzeichnungen von Flugdatenschreiber und Stimmrekorder nicht her. Die Untersuchung ergab daher: Das Wetter hatte keinen Einfluss.

Die Erklärung von Günter Lubitz

Günter Lubitz, der Vater des Copiloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren den Germanwings-Absturz verursacht haben soll, hat sich am Freitag zu Beginn einer Pressekonferenz ausführlich geäußert:

„Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung. In einer Pressekonferenz zu sitzen, ist neu für mich – unabhängig von meinen anderen Gefühlen an diesem Tag. Erlauben Sie mir noch eine Anmerkung zu dieser Terminwahl der Pressekonferenz. Natürlich wussten wir, dass sich heute auf den Tag das tragische Unglück zum zweiten Mal jährt. Natürlich haben wir damit gerechnet, dass uns dieser Termin aus der Erfahrung des letzten Jahres übelgenommen wird, obwohl uns die massiven Beschimpfungen aufs Neue wehtun. Ich bin mir auch sicher: Egal, welchen Tag wir gewählt hätten, die Reaktionen wären immer die gleichen gewesen. Wir haben diesen Tag nicht gewählt, um die anderen Angehörigen zu verletzen. Wir haben ihn gewählt, weil er am meisten Gehör für unser Anliegen verspricht. Gehör dafür, dass unser Sohn zum Zeitpunkt des Absturzes nicht an Depressionen litt.

Es braucht für uns – und sicher auch für die anderen Angehörigen – keinen Jahrestag, um einen besonderen Schmerz zu empfinden. Seit zwei Jahren geht es mir wie all den anderen Angehörigen. Ich stehe fassungslos dieser Tragödie gegenüber. Ich glaube, ich muss ihnen diese Fassungslosigkeit und Trauer nicht näher beschreiben. Dafür gibt es keine Worte und keinen Trost. Es ist schwer, ja fast unmöglich, den unerwarteten Tod eines geliebten Menschen zu begreifen und zu verkraften.

Was ich Ihnen jetzt sage, sage ich mit großer Vorsicht, weil es leicht missverstanden wird. Meine Trauer, die Trauer meiner Frau und die meines jüngeren Sohnes, für die ich hier auch stellvertretend spreche, ist eine andere, eine ganz spezielle. Es ist eine Trauer, die sich von der Trauer aller anderen Angehörigen unterscheidet.

Wir müssen damit leben, dass wir nicht nur unseren Sohn und Bruder verloren haben, sondern dass er bereits zwei Tage nach dem Absturz nach Aussage der französischen Staatsanwaltschaft als Alleinverantwortlicher feststand und namentlich genannt wurde. Wir müssen damit leben, dass er in den Medien als depressiver Massenmörder dargestellt wurde und noch wird, der in suizidaler Absicht ein Flugzeug zum Absturz gebracht hat; und dem es angeblich egal war, dass 149 Menschen mit in den Tod gerissen wurden. Wir müssen damit leben, dass unser Sohn immer, wenn es abscheuliche Attentate auf der Welt gibt, auch jedes Mal wieder erwähnt wird. Wir müssen damit leben, dass unser Sohn in den Medien auch als dauerdepressiv dargestellt wird.

Richtig ist, dass er 2008/2009 an einer Depression litt. Sechs Jahre vor dem tragischen Absturz überwand er diese. Er fand zu seiner ursprünglichen Kraft und Lebensfreude zurück, setzte seine Pilotenausbildung fort und schloss diese erfolgreich ab. Ende 2013 erhielt er einen Anstellungsvertrag bei Germanwings.

Wir müssen damit leben, dass seine häufigen Arztbesuche in 2014/2015, die ausschließlich wegen seines Augenleidens erfolgten, gleich wieder als Hilferuf eines Depressiven interpretiert werden. Dass diese nichts mit einer aufkommenden Depression zu tun hatten, bestätigt auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf in ihrem Abschlussvermerk (Es folgt Zitat aus einer Akte).

Ich möchte hervorheben, dass wir unseren Sohn in den sechs Jahren vor dem Absturz als lebensbejahenden, verantwortungsvollen und engagierten Menschen erlebt haben. Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv. Alle Institutionen, die sich mit dem Fall beschäftigt haben, haben sich aber auf einen an Depressionen erkrankten Menschen konzentriert und andere Aspekte vernachlässigt.

Wie alle anderen Angehörigen sind auch wir auf der Suche nach Antworten und der Wahrheit. Weil wir während des Aktenstudiums feststellten, dass wir mit dieser speziellen Fragestellung überfordert sind und auch die speziellen technischen Aspekte der verschiedenen Untersuchungsberichte nicht richtig einordnen können, haben wir Herrn von Beveren beauftragt, sich dieser Sache anzunehmen. Herr von Beveren wurde uns gleich mehrfach von Kollegen unseres Sohnes als renommierter Luftfahrtexperte empfohlen.“

Von Michael Bauer/dpa/RND

Anzeige