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14:01 16.06.2018
Wenn Schwalben, Schmetterlinge und Bienen schwinden, ist es nicht abstrakte Biodiversität, die uns abhandenkommt, sondern Beziehung, meint der Biologe Andreas Weber. Quelle: iStockphoto
Hannover

Kürzlich, an einem sonnigen Maitag, bin ich mit der Fähre über die Elbe gefahren. In der Luft lag ein Duft von Flieder. Eine Rauchschwalbe setzte sich immer wieder auf das Metall am Bug. Bevor sie mit leichten Schlägen ihrer Sichelflügel über dem Wasser nach ein paar Insekten schnappte, zwitscherte sie dort ihr Lied mit dem lustigen Triller am Ende.

In diesem Moment schien der Frühling vollkommen. Mein Herz war leicht wie ein Vogel in der blauen Luft. Bis ich mich an die Schwalben erinnerte, die die Frühlinge meiner Kindheit und Jugend durchsirrt und durchzwitschert hatten. Sie fingen ihre Beute über den Feldern, wo heute kaum Insekten fliegen. Diese Schwalben sind für immer fort – wie viele andere Vögel, denen ich vor ein paar Jahren noch regelmäßig begegnete. Wie die Schwebfliegen, Wanzen und Schmetterlinge, von denen sie sich nährten.

Heute steht zu befürchten, dass wir am Beginn eines neuen “stummen Frühlings“ leben. So hieß der Bestseller der US-Autorin Rachel Carson, der 1962 der ganzen Welt zeigte, dass das Insektengift DDT nicht nur die Nahrung der Vögel auslöscht, sondern auch diese selbst – und damit eine Quelle unserer eigenen Identität.

Wenn die Insekten verschwinden, verschwinden die Vögel

Carsons “Stummer Frühling“ war die Geburtsstunde der Ökologiebewegung. Das Verbot von DDT in den USA und Westeuropa war deren erster großer Erfolg. Mehr als 50 Jahre nach dieser ersten, weitreichenden Erkenntnis drohen die Nervengifte, mit denen Landwirte ihre Pflanzen vor Insektenfraß schützen, heute die Situation zu wiederholen, in der Rachel Carson ihr Buch schrieb. Zwar hat die EU die schlimmsten Mittel zum Ende des Jahres verboten, aber eine grundsätzliche Umkehr ist nicht in Sicht. Wenn die Insekten verschwinden, verschwinden die Vögel. Und das Glück des Frühlings.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, hieß es früher. Ein Sommer, muss man heute ergänzen, bedeutet schon lange keine Schwalben mehr. Ist es das, was auf uns zukommt? Ein Sommer ohne das Sommerglück des Himmels, der uns mit Leben beschenkt? Ein solcher Sommer wäre wie eine Beziehung ohne Liebe.

Was für ein Glück war das, das ich in dem Moment auf der vibrierenden kleinen Flussfähre verspürte, als mich die Schwalbe endgültig im Frühling ankommen ließ? Was für ein Schmerz war es, der sich auf mich legte, als ich mich erinnerte, wie selten die Gegenwart der kleinen Vögel geworden ist, wie wenig sie die Luft noch mit Leben erfüllen? Diese Fragen zu stellen ist heute lebenswichtig geworden, in einer Zeit, in der die in den vergangenen Jahrzehnten von Ökologen wie Rachel Carson vorhergesagten Aussterbewellen Alltag zu werden beginnen.

Die anderen Wesen sind nicht einfach Sachen dort draußen

Die Tragik liegt darin, dass wir “die Natur” immer noch für ein Ding halten, das uns gegenübersteht. Wir verstehen nicht, dass sie in Wahrheit die Dimension unserer eigenen Liebesfähigkeit ist. Wenn die Schwalben und die Schmetterlinge schwinden, ist es nicht abstrakte Biodiversität, die uns abhandenkommt, sondern Beziehung. Genau darin liegt die Erfahrung des Verlustes: Ein Gegenüber, das ich benötige, um ganz ich selbst zu sein, fehlt.

Die anderen Wesen sind nicht einfach Sachen dort draußen, manche kostbarer als andere, jedenfalls aber Dinge und Verbrauchsgüter. Sie sind Teile von uns selbst, Dimensionen der Existenz, zu denen wir eine Beziehung aufbauen wollen, um ganz wir selbst werden zu können.

Die anderen Wesen nähren unsere Seele, so wie sie auch unseren Leib speisen, dadurch, dass wir beim Essen ihre Substanz in unser eigenes Fleisch verwandeln. Schwalben nähren unser Selbst, weil unsere Seele in ihrer Gegenwart zu einer Schwalbe werden darf, leicht, getragen von der blauen Luft eines Sommertages, eine Blüte des Himmels.

Jemand anderem Wachstum ermöglichen, um selbst darin zu wachsen

Die Vernichtung der anderen Wesen ist die Vernichtung von Möglichkeiten zu lieben. Liebe, das ist die Blüte des eigenen Selbst dadurch, dass ein anderer blühen darf. Ihr Kern bedeutet, jemand anderem Wachstum so zu ermöglichen, dass ich selbst darin wachse. Das Glück der Liebe ist niemals nur Privatsache, sondern immer etwas Gemeinsames. Es ist etwas, das mir Leben schenkt. Und zwar, indem es dem, was ich nicht bin, was ich aber zum Leben brauche, Blüte gewährt.

Ich erkläre mir unser Hingezogensein zu anderem Leben, zum Wasser der Flüsse, zur Luft des Himmels mit diesem ursprünglichen Liebesverhältnis zur Welt: Wir wollen diese Welt fruchtbar machen. Wenn sie uns ihre Fruchtbarkeit schenkt, leben wir selbst auf. In diesem Glück verschmelzen die eigenen Interessen und die der anderen. So wie es auch in einer Liebesbeziehung die Wünsche der Einzelnen gibt, diese aber nur zu befriedigen sind, wenn sie einen Raum der Gemeinsamkeit erschaffen.

Die Natur ist ein Raum der Liebe

Die Natur ist ein solcher Raum der Liebe. Diese Erkenntnis gerät derzeit wieder stärker in den Blick. Das erklärt den Erfolg von Büchern wie Peter Wohllebens “Das geheime Leben der Bäume“. Je mehr wir erfahren, dass die Wirklichkeit auf Gegenseitigkeit beruht, die uns selbst Leben stiftet, desto mehr fühlen wir uns ermächtigt, wirklich lieben zu dürfen. Und wirklich so sein zu dürfen, wie wir sind. Umgekehrt ist der stumme Frühling ein Ende der Beziehung. Der Abschied der anderen Wesen ist Abschied von der Liebe.

In der Tiefe sehnen wir uns danach, Fruchtbarkeit zu stiften. Aus dieser Sehnsucht strömt die Kraft für einen Kampf gegen die Entleerung der Welt. Es ist ein Kampf für die Bewahrung der Liebe. Die Schwalben sind darin unsere Verbündeten. Sie können nicht ohne Beziehungen leben. So, wie sie ihre Verbundenheit mit dem Sommer ausdrücken, schenken sie uns die Bindung zurück, die wir brauchen, um uns auf unsere eigene Liebesfähigkeit zu besinnen.

Andreas Weber Quelle: privat

Zur Person: Andreas Weber erforscht als Biologe, Philosoph und Autor ein neues Verhältnis des Menschen zur Lebendigkeit. Vergangenes Jahr erschien “Sein und Teilen. Eine Praxis schöpferischer Existenz“ (140 Seiten, 14,99 Euro, Transcript-Verlag).

Von Andreas Weber

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