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Panorama Die Geschichte des Mannes ohne Gedächtnis
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16:47 11.08.2017
Auf dem Gelände des Dortmunder Hauptbahnhofs wurde der Mann Anfang April aufgefunden. Quelle: picture alliance
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Hannover/Dortmund

Im Profil sieht Herr W. ein bisschen aus wie Mario Adorf. Das graue Haar ist ordentlich zurückgekämmt, der weiße Bart gepflegt, die Augen klar und geradeaus gerichtet. Herr W. schaut nach vorne, denn an das, was hinter ihm liegt, kann er sich nicht erinnern. Der Mann hat sein Gedächtnis verloren.

Die Geschichte von W. klingt wie aus einem Film: Anfang April wurde der 1,90 Meter große Mann in einem Güterwagon im Dortmunder Hauptbahnhof gefunden. Er führte noch Ausweispapiere oder andere Schriftstücke bei sich. Aber er hatte eine Tasche mit ein paar Geschichtsbüchern sowie ein Asthmaspray dabei. Mehr nicht. Wie er in den Container geraten war und wer er überhaupt ist – Herr W. hat bis heute keine Erinnerung. Weder an sich, noch an seine Vergangenheit. Ansonsten ist er geistig fit. Ärzte nennen dieses Krankheitsbild Dissoziative Amnesie, eine Gedächtnisstörung, die durch Traumata oder starken Stress ausgelöst wird. Die Gedächtnislücke kann zehn Minuten oder auch zehn Jahre andauern. Oder eben wie im Fall von W. ein ganzes Leben.

Ein überdurchschnittlich intelligenter Mann

Die Polizei war zunächst ratlos und brachte W. in das Dortmunder Marienhospital. Hier wurde er untersucht, behandelt und befragt. W. konnte viele Antworten geben, nur eben keine, die Licht in seine Vergangenheit brachte. „Ansonsten traf ich auf einen überdurchschnittlich intelligenten Mann“, berichtet Hans Markowitsch.

Er ist Psychologe und Deutschlands führender Gedächtnisforscher. „Ich untersuchte den Patienten, einige Wochen nachdem er in dem Waggon gefunden worden war. Ein belesener Mann, der sich sehr eloquent ausdrückt und über ein unglaubliches Wissen verfügt. Man kann mit ihm über viele Themen reden, und er weiß immer eine Antwort“, erinnert sich der Psychologe. Das bestätigt auch die Polizei. W. sei weder verwirrt noch verwahrlost gewesen, als man ihn gefunden habe, sondern durchaus bei Sinnen. Nur eben ohne Erinnerung und Identität. Diese verschaffte ihm die Stadt Dortmund. Denn um überhaupt krankenversichert zu sein oder Sozialleistungen beziehen zu dürfen, muss man zumindest über einen Namen verfügen und einen Wohnsitz haben.

40 vergleichbare Fälle gibt es etwa in Deutschland

Fälle wie der von W. sind sehr selten. Das bestätigt auch Markowitsch, der in seiner Laufbahn höchstens 40 vergleichbare Fälle kennengelernt hat. Sie alle eint das Vergessen der eigenen Biografie – ein Schutzmechanismus der Psyche. „Einer meiner Patientinnen fehlte beispielsweise die gesamte Zeit zwischen ihrem zehnten und ihrem 14 Lebensjahr. Es war genau die Zeit, in der sie von ihrem Vater missbraucht worden war.“ Andere wiederum würden Begebenheiten aufgrund von Stress vergessen, so der Arzt. „Und es gibt das sogenannte Two-Hit-Syndrom. Also Menschen, die sehr früh traumatisiert wurden und damit leben. Später kommt eine ähnliche, eine analoge Erfahrung hinzu und es kommt zu einer Amnesie der vollständigen Biografie.“ Die Psyche wird doppelt getroffen, daher der Name Two-Hit-Syndrom. Auch wenn man bisher nicht herausfinden konnte, warum W. nichts über sein Leben weiß, hält Markowitsch auch hier ein solches Syndrom für wahrscheinlich. Heißt: Möglicherweise hat W. kurz vor seinem Auffinden etwas erlebt, was ihn an ein früheres Trauma erinnerte und ihn vergessen ließ.

Die Polizei suchte die Öffentlichkeit

Nach zunächst erfolglosen bundesweiten Ermittlungen entschied sich die Polizei, Herrn W. der Öffentlichkeit vorzustellen. „Meistens ist das die einzige Möglichkeit für die Patienten, wieder ihr früheres Leben zurückzubekommen“, sagt auch Markowitsch. Nur einer seiner Patienten wollte genau das nicht. „Er hatte Angst, dass sich keiner meldet und er anschließend völlig allein auf der Welt ist.“

W. hingegen entschied sich für den Gang an die Öffentlichkeit. Auch wenn so etwas natürlich zur Belastung werden kann, wie sein behandelnder Arzt Harald Krauß aus dem Dortmunder Marienhospital berichtet. Die Suche zeigt erste Erfolge. „Die Hinweise verdichten sich auf eine mögliche Identität des Mannes“, sagte ein Polizeisprecher jetzt. Nach dem öffentlichen Aufruf der Beamten seien bereits zahlreiche Hinweise eingegangen. Es gebe sogar eine Adresse, wo der Mann gewohnt haben könnte. Ob er allerdings tatsächlich als Kinovorführer in Dortmund gearbeitet hat, wie am Donnerstag die „Bild“-Zeitung berichtete, ist noch lange nicht bestätigt. „Denn die Konfrontation der Patienten mit ihrer Vergangenheit muss behutsam erfolgen und immer mit ärztlicher Begleitung“, sagt Markowitsch.

Von Nora Lysk/RND

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