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Panorama Deutsche Spezialeinheiten im Stresstest
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21:57 25.09.2017
Eine Anti-Terror-Übung der Bundespolizei. Quelle: dpa
Berlin

Die Schüsse sind erst nur aus der Ferne zu hören. Dann werden die Salven lauter, hinzu kommen Explosionen wie Donnerschläge. Dichte Rauchschwaden breiten sich auf dem Bahnsteig aus, die Leute schreien, rennen in alle Richtungen davon. Erst spät ist zu sehen, dass sich von der Unterführung her jemand nähert. Ein maskierter Angreifer eröffnet mit seiner Waffe das Feuer auf all jene, die sich nicht schnell genug hinter Mülleimern oder im Gleisbett verstecken können. Er wirkt ruhig, lädt mehrfach nach, prüft, ob er seine Opfer auch wirklich erwischt hat.

Noch kein Jahr ist es her, dass der Terror Berlin erreichte – im Dezember 2016 kaperte Anis Amri einen Lkw und raste damit auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Am Montagabend ist es am S-Bahnhof Lichtenberg glücklicherweise nicht wieder so weit. Aber die Bundespolizei hat bei einer Anti-Terror-Übung ein denkbares Anschlagsszenario nachgestellt.

Einheiten der KSB, der BFE+ und der GSG9 führen auf dem Bahnhof Lichtenberg in Berlin die Übung durch. Die Einsatzkräfte wurden mit Anschlagsszenario konfrontiert, bei dem bewaffnete Attentäter mit Schnellfeuergewehren und Explosionsmitteln angreifen. Quelle: dpa

Normalerweise werde in den Inspektionen geübt, in Gebäuden, sagte Bundespolizei-Sprecher Jens Schobranski. Das groß angelegte Training auf einem abgesperrten Bahnsteig und in einem dort stehenden Zug biete die Möglichkeit auszutesten, wie gut die eigenen Konzeptionen seien. Es gehe zudem darum, die Beamten auf solche Situationen – die Unberechenbarkeit der Menschen in Panik etwa – vorzubreiten. Insgesamt sieht sich die Bundespolizei angesichts der aktuellen Sicherheitslage „mehr denn je gefordert“, wie die Behörde betont.

Im Kern gehe es darum, den „Kräfte-Dreiklang“ zu erproben, sagt Übungsleiter Sven Jahn. Er meint das Zusammenspiel von normalen Kontroll- und Streifenbeamten mit Spezialkräften der Beweis- und Festnahmehundertschaft Plus, kurz BFE+, und der GSG9. Während letztere bereits in den 70er Jahren gegründet wurde, um Menschen aus besonders gefährlichen Lagen wie Geiselnahmen zu retten, sind die Reihen der BFE+ noch nicht lange komplett. Es seien besonders geschulte Beamte, die unterstützend zur GSG9 eingesetzt würden, so Schobranski. Beide Spezial-Teams gemeinsam haben seinen Angaben nach bisher nicht unter Bedingungen wie am Montag geprobt.

Die Statisten sind Azubis der Bundespolizei

Als sie – nach gefühlt recht langer Zeit, in der die Attentäter ungehindert um sich schießen – mit ihren Waffen im Anschlag am Anschlagsort eintreffen, zeigt sich die Aufgabenteilung: Während die GSG9-Kräfte in grünen Anzügen direkt auf einen Angreifer zugehen und ihn niederstrecken, versuchen ihre BFE+-Kollegen in blau-grauer Montur zunächst, Unbeteiligte und Verletzte aus der Gefahrenzone zu bringen.

Dass die Spezialkräfte überhaupt binnen Minuten vor Ort sein können, ist der inszenierten Übungslage geschuldet – diese sieht vor, dass sie wegen eines Treffens von Innenministern ohnehin in Berlin bereitstehen. An normalen Tagen müssten sie erst angefordert werden.

Dreimal werden Anschlagsszenarien am Montag wiederholt, wie sich die Beamten geschlagen haben, wird intern ausgewertet. Insgesamt etwa 90 Einsatzkräfte und 150 Statisten machten mit – letztere sind Azubis der Bundespolizei mit aufwendig geschminkten Verletzungen. Als sie am Abend vom Bahnhof aufbrechen, wirken sie – zum Glück – wie ganz normale Jugendliche auf dem Weg zur Halloween-Party.

Von Gisela Gross / dpa / RND