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07:34 03.11.2018
Gleich drei Autos liegen im Juni 2014 in Düsseldorf unter einem nach dem Sturm Ela umgeknickten Baum. Quelle: Matthias Balk/dpa
Hannover

Der 7. August ist ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Es ist trocken in ganz Deutschland und heiß. Und doch mag sich die Leichtigkeit nicht mehr einstellen, mit der die Deutschen bis dahin durch diesen ganz besonderen Sommer gesegelt sind.

Ja, es ist schön, den Grillabend mit Freunden ohne Blick auf den Wetterbericht planen zu können. Ja natürlich, es ist schön, wochenlang ohne Jacke aus dem Haus gehen zu können. Aber spätestens am 7. August verdrängt eine neue Sorge die Freude der Deutschen über das leichte Leben wie im Süden. An diesem Tag schickt der deutsche Astronaut Alexander Gerst von der Raumstation ISS ein Bild und eine Botschaft an die Erde. Zu sehen sind vertrocknete Landschaften, versehen mit einem dürren Satz aus dem All: „Schockierender Anblick: Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.“

Manchmal muss man die Dinge wohl von oben aus 408 Kilometern Entfernung betrachten, um wirklich klar zu sehen. Ist es wirklich normal, dass das große Schwitzen erst beginnt, wenn man aus dem Urlaub in Spanien oder Griechenland zurückkehrt? Ist es noch normal, dass vom grünen Rasen im Vorgarten wirklich nichts übrig geblieben ist und dass statt Maispflanzen in diesem Jahr noch Bonsai-Halme auf dem Acker stehen?

Die Fachleute mögen noch streiten, ob alles nur ein Wetterphänomen war oder doch schon eine Folge des Klimawandels – die meisten Menschen haben in diesem Sommer zum ersten Mal gespürt, dass ein Klimawechsel ganz konkrete Auswirkungen auf ihr Leben haben kann. Und so ist eine einfach nicht endende Hitzewelle am Ende politisch bedeutsamer als eine Klimakonferenz mit Hunderten von Teilnehmern aus aller Welt: Der Klimawandel ist im Bewusstsein der Deutschen angekommen.

Deutsche empfinden Klimawandel als Bedrohung für das eigene Leben

Noch im vergangenen Jahr bezweifelten 16 Prozent der Deutschen, dass es überhaupt einen Klimawandel geben könnte. Heute ist der Anteil verschwindend gering. Klimaveränderungen stehen – nach Terror, Krieg und Krankheit – ganz oben auf der Liste, wenn danach gefragt wird, was eine gute Zukunft infrage stellt. Und: Die Deutschen empfinden den Klimawandel inzwischen sogar als konkrete Bedrohung des eigenen Lebens, wie eine große repräsentative Sicherheitsumfrage vom RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und YouGov in Zusammenarbeit mit HDI ergeben hat.

Immerhin knapp 18 Prozent der Befragten gaben an, dass sie selbst Opfer von Naturkatastrophen werden könnten, die von der globalen Erderwärmung ausgelöst werden. Zum Vergleich: Dass sie von Arbeitslosigkeit betroffen sein könnten, fürchten nur 16 Prozent der Deutschen. Als mögliche Opfer einer erneuten Finanzkrise sehen sich 13 Prozent der Befragten. Auffällig ist zudem, dass die Klimasorgen in der jüngsten Altersgruppe (18 bis 24 Jahre) und in der ältesten Gruppe (ab 55 Jahre) am größten sind.

Der Klimawandel mag ein abstraktes Geschehen sein – die Sorgen über die Folgen sind ganz konkret: Auf die Frage der YouGov-Meinungsforscher, welche Folge des Klimawandels sie am ehesten als Bedrohung für ihr persönliches Leben sehen, nannten 23 Prozent der Befragten Hungersnöte, die durch Dürren und Hitzewellen ausgelöst werden. Ebenfalls 23 Prozent der Deutschen fürchten sich vor Stürmen und 19 Prozent vor dem Abschmelzen der Polkappen und dem Anstieg des Meeresspiegels.

Statistiker, die ganz allgemein über Lebensrisiken forschen, können mit solchen Befürchtungen in der Regel nicht viel anfangen. Selbst beim Urlaub in heiklen Klimazonen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Unwetters zu werden, letztlich sehr gering. Wahrscheinlich jedenfalls sei es, von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen zu werden, urteilten Forscher Anfang Oktober bei einem Kongress über die Risiken des Reisens.

Aber was sind mathematische Berechnungen schon gegen Gefühle? Sicherheit ist nie ein rein rationales, sondern immer auch ein emotionales Thema. Man spricht von gefühlter Sicherheit – und die hat sich in Deutschland stetig verschlechtert, obwohl die Erfahrungen im Alltag eigentlich wenig Anlass zur Sorge geben. „Das Land ist so sicher wie lange nicht mehr – aber es fühlt sich für viele nicht so an“, sagt der Medienforscher Thomas Hestermann von der Macromedia-Hochschule in Hamburg.

Die politische Weltlage hat sich in den vergangenen Jahren verdüstert. Der islamistische Terror ist in Deutschland angekommen, die Folgen der Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump sind auch nach zwei Jahren im Amt nur schwer einzuschätzen, in manchen Regionen der Welt ist ein echtes politisches Vakuum entstanden. Im Nahen Osten etwa ist keine Ordnungsmacht mehr zu erkennen.

Die Folgen dieser politischen Entwicklung sind für die Meinungsforscher messbar: Nur sechs Prozent der Befragten in der Sicherheitsstudie von YouGov glauben, dass die Jahre von 2010 bis heute die für sie persönlich sichersten waren. Dagegen werden mit jeweils knapp 15 Prozent der Nennungen die Achtziger- und Neunzigerjahre als die sichersten angesehen – eine erstaunliche Einschätzung zumindest für die Achtzigerjahre, die nicht zuletzt vom atomaren Wettrüsten geprägt waren. Bei den Deutschen aber hat sich das Bild von einer gefährlichen Gegenwart verfestigt, das schon die YouGov-Umfrage vor einem Jahr gezeichnet hat.

Die Signale der Entspannung etwa im Konflikt zwischen Nord- und Südkorea schlagen sich nicht in der aktuellen Stimmung der Deutschen nieder. Dass es in jüngsten Zeiten keinen großen Terroranschlag in Europa mehr gegeben hat, führt ebenfalls nicht zu einer spürbaren Entspannung: Bei Einschätzung der drei größten Bedrohungen steht Terror weiterhin an Platz zwei mit knapp 35 Prozent (2017: 39 Prozent).

Zahl der Straftaten zuletzt deutlich zurückgegangen

Das Phänomen der gefühlten Sicherheit ist politisch brisant. Auf die Terrorgefahr können Regierungen mit erhöhter Polizeipräsenz reagieren. Dem Klimawandel lässt sich mit konkreten Forderungen und Programmen begegnen – die Grünen haben bei den jüngsten Landtagswahlen großen Erfolg damit gehabt. Was aber ist, wenn es keinen echten rationalen Anlass für die Befürchtungen gibt?

Die Zahl der Straftaten in Deutschland hat zuletzt deutlich abgenommen – im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent, wie die polizeiliche Kriminalstatistik ausweist. Einen solch starken Rückgang der Kriminalität gab es seit 25 Jahren nicht. Die Polizei konnte vor allem bei der Bekämpfung des Wohnungseinbruchsdiebstahls – eines für das Sicherheitsgefühl wichtigen Delikts – Erfolge verbuchen. Die Zahl sank erheblich – um 23 Prozent.

Auch die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, ist weiterhin sehr gering. Zugleich aber gelingt es der AfD scheinbar spielend leicht, die anderen Parteien beim Thema innere Sicherheit vor sich her zu treiben. Donald Trump twittert aus den USA, die Kriminalität in Deutschland sei gestiegen – auch wenn die offiziellen Zahlen etwas anderes sagen. Trumps Aussagen treffen gleichwohl auf fruchtbaren Boden.

Der Aussage, Deutschland sei ein sicheres Land, stimmt in der aktuellen YouGov-Umfrage nur eine Minderheit von 20 Prozent der Befragten voll und ganz zu, 49 Prozent stimmen eher zu – und 21 Prozent stimmen der Aussage eher nicht zu. Die gefühlte Sicherheit steht also auch bei der Kriminalität im klaren Widerspruch zur Statistik. Der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Andre Schulz, sagt: „Das ist ein Phänomen, ein Paradoxon.“ Auflösen kann aber auch der Kriminalbeamte dieses Paradoxon nicht.

Sicherheit hängt immer von der individuellen Einschätzung ab. Junge Männer zum Beispiel haben deutlich weniger Angst davor, Opfer einer Straftat zu werden, als Frauen und ältere Menschen. Stadtbewohner haben mehr Angst vor Einbrüchen als die Landbevölkerung. In Vierteln, in denen Müll herumliegt, wo die Wände vollgesprüht sind, steigen die Ängste vor Kriminalität.

Die Politik in Deutschland wird damit leben müssen, dass die Furcht vor Verbrechen und die reale Verbrechensrate nicht immer in logischem Zusammenhang miteinander stehen müssen. Wie aber soll die Politik auf diese Einsicht reagieren?

Mindeststrafe für Einbrüche wurde erhöht

Die innere Sicherheit war schon immer auch ein Spielfeld für große Gesten und Symbolpolitik: Mehr Polizeipräsenz, verbale Härte und eine Verschärfung der Gesetze sind die bekannten Instrumente. Auf die Bedrohung durch Wohnungseinbrüche hat man zunächst auf dem bekannten Weg reagiert: Für Einbrüche wurde die Mindeststrafe auf ein Jahr erhöht. Wohnungseinbruch ist damit ein Verbrechen – das ist eine Sprache, die jeder versteht.

Bei den Einbrüchen hat man gleichwohl auch demonstriert, dass sich mit zäher polizeilicher Kleinarbeit Erfolge erzielen lassen: Der deutliche Rückgang der Einbruchszahlen ist vor allem zurückzuführen auf Prävention – also den Einbau von soliden Türschlössern und Alarmanlagen – sowie auf länderübergreifende Ermittlerteams, die international agierende Banden ausheben.

Gegen Ängste und Befürchtungen helfen zugleich nur Aufklärung und rationale Argumentation: Ja, es gab im vergangenen Jahr einen Anstieg bei Mord und Totschlag in Deutschland – aber dieser lässt sich nicht durch die Flüchtlingswelle erklären, sondern aus einem einzigen Fall: den des Oldenburger Krankenpflegers Niels Högel. Er hat zugegeben, mehr als 100 Menschen getötet zu haben.

Sehen Sie im Folgenden weitere Ergebnisse aus der YouGov-Umfrage:

Von Jörg Kallmeyer/RND

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