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21:07 29.12.2017
Unser Planet platzt aus allen Nähten. Quelle: dpa
Berlin

Seit dem 2. August 2017 lebt die Menschheit auf Pump. An jenem Mittwoch haben wir Erdbewohner unsere Jahresration an natürlichen Ressourcen aufgebraucht. Wir haben in sieben Monaten verprasst, was der Planet innerhalb eines ganzen Jahres regenerieren und zur Verfügung stellen kann. Danach haben wir uns an den Reserven bedient, die Mutter Erde über Millionen Jahre angelegt hat. Es ist ja noch da vom Kuchen.

2018 werden wir womöglich noch ein bisschen früher an die Vorräte müssen. Denn in der Nacht zum 1. Januar gehen 7 .591.541.000 Menschen ins neue Jahr. Das sind 83 Millionen Menschen mehr als vor einem Jahr – ziemlich genau so viele, wie derzeit in Deutschland leben und wie 2018 wohl wieder dazukommen werden. Fast 7,6 Milliarden, das sind 4,2 Milliarden mehr als vor 50 Jahren, 6,6 Milliarden mehr als vor 200 Jahren. Sie alle wollen ernährt, gekleidet und gewärmt, mobil und vernetzt sein.

Die Verteilung der Weltbevölkerung auf die fünf Kontinente. Quelle: RND

Das Problem ist nur: Die Erde wächst nicht mit. Wann die Schätze des einzigen derzeit von Menschen bewohnbaren Planeten aufgebraucht sind, scheint zur reinen Rechenaufgabe zu werden.

Wie lange kann die Erde die Menschheit noch ertragen?

„Nicht die Zahl der Menschen an sich auf der Erde ist das Problem – sondern die Zahl der Konsumenten sowie der Umfang und die Art ihres Konsums“, sagt Europas renommiertester Bevölkerungsforscher Wolfgang Lutz, Leiter des World Population Program am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen bei Wien. Das Problem sind Menschen wie die Deutschen.

Denn diese gehören, trotz ihrer Leidenschaft für Mülltrennung, Recycling, öffentlichen Nahverkehr und zugluftdichte Fenster, zu den größten Verschwendern. Die Nation der Maschinen- und Autobauer hat die ihr fürs Jahr 2017 zustehenden Ressourcen schon am 24. April weggeputzt. Der durchschnittliche Deutsche verbraucht mehr Wasser, Nahrung, Holz, Energie, Landfläche und produziert mehr Abfall, als es das Ökosystem seiner Erdregion ausgleichen kann. Und zwar um 100 bis 150 Prozent mehr. Anders ausgedrückt: Wir bräuchten 3,2 Erden, wenn alle Menschen so leben würden wie die Deutschen. Den Preis für den Luxus zahlen – alle.

„“Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Menschen wäre“, sähe die Lohnungleichheit so aus. Quelle: RND

Die Welt ist eben nicht gerecht. Keiner weiß das so gut wie die amerikanischen Forscher und Aktivisten, die in den Neunzigerjahren das Projekt „Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Menschen wäre ...“ begonnen haben. Was an globalen Statistiken über Demografie, Wohlstand, Bildung, Technologieanschluss zur Verfügung steht, rechnen sie herunter auf 100 Menschen, die in einem Dorf zusammenleben. Und die Welt wird begreifbarer.

Es würde wohl nicht sehr friedlich zugehen in diesem Dorf. Nicht so sehr, weil die 100 Menschen 69 Sprachen sprechen und 13 Religionen ausüben. Sondern vor allem, weil der eine sehr viel hat und sein Nachbar sehr wenig. Das beginnt bei der Einkommenskluft und ist nicht damit zu Ende, dass ein Viertel der Dorfbewohner obdachlos und mehr als die Hälfte ausgeschlossen ist von Wissenserwerb und Vernetzung via Internet.

Man könnte daran verzweifeln. Wenn sich das Weltdorf seit 1992 nicht so verändert hätte. Anzahl der Mangelernährten damals: 21, heute: 16. Kein sauberes Wasser hatten 17 Menschen, heute sind es neun. Einen Hochschulabschluss hatte 1992 nur ein einziger Mensch, heute leben sieben Akademiker im Dorf. Ein Stück ist die Welt auf dem Weg zu mehr Ausgleich also vorangekommen.

Aber: In nur 30 Jahren werden weitere 2,2 Milliarden Menschen ihren Anteil an Wasser, Nahrung und Energie einfordern. In Afrika wird sich die Zahl der Menschen UN-Prognosen zufolge bis 2050 auf 2,5 Milliarden fast verdoppelt haben. Im Dorf der 100 werden dann 130 Menschen leben. „Bis 2075 werden wir wohl an der Zehn-Milliarden-Marke sein“, sagt Wolfgang Lutz.

Steuern wir auf eine Katastrophe zu? Nicht unbedingt.

„Viel hängt davon ab, was in Afrika geschieht“, sagt Lutz. „Länder wie Mali oder Niger, wo sich die Bevölkerung verachtfacht, stoßen schon jetzt an ihre ökologischen Grenzen. Für die Länder in der Sahelzone bedeutet das vor allem, dass das Wasser knapp wird.“ Aus zwei Gründen wächst die Weltbevölkerung noch schneller als erwartet: Die Kindersterblichkeit ist, zum Glück, dank besserer Gesundheitspolitik rasant zurückgegangen, die Zahl der Geburten pro Frau ist aber, leider, nicht so gesunken, wie es für Wirtschaft und Umwelt gut wäre. Das afrikanische Niger ist das ärmste Land der Welt. Es hat die höchste Geburtenrate der Welt. 7,6 Kinder pro Frau werden dort geboren.

Allerdings, sagt Lutz, sind die damit verbundenen ökologischen Probleme zunächst ein regionales, kein globales Risiko. Denn all die Menschen in Afrika verbrauchen längst nicht so viel Energie oder Landfläche, belasten die Atmosphäre längst nicht mit so viel Kohlendioxid wie die Privathaushalte in den reichen Ländern. Eine Studie der norwegischen Universität für Naturwissenschaften und Technologie in Trondheim hat es jüngst nachgewiesen: Diese Konsumenten und ihre Lust an immer Neuem sind verantwortlich für 60 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen – welche die Atmosphäre angreifen und den Klimawandel befeuern. Und den Preis zahlen wieder – alle.

Was aber, wenn – wie es gewünscht, gerecht und erwartbar ist – die Länder Afrikas wohlhabender werden? Wenn in ihren Metropolen ebenso zahlungskräftige Konsumenten ihren Wohlstand ausleben wie überall sonst auf der Welt?

„Selbst dann“, meint Lutz, „kann die Erde uns wohl noch tragen.“ Aber er nennt eine Bedingung: „Die Menschen müssen sich auf ihre Anpassungsfähigkeit besinnen.“ Für Afrika etwa heißt das: massive Investitionen in die Bildung von Frauen. Denn mehr Bildung bedeutet nicht nur mehr Chancen, sondern auch weniger Kinder. Für die reichen Länder heißt es: weniger Energie verbrauchen. Dem Planeten, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Atempause zu verschaffen. Für alle heißt es: kreativ werden.

Das, glaubt Wolfgang Lutz, ist die entscheidende Voraussetzung: „Die Menschheit wird mit Klimawandel und Umweltveränderungen zurande kommen müssen. Wir müssen verstehen lernen, wie wir diese Welt schonen können, ohne an Lebensqualität zu verlieren.“

Im Dorf der 100 würde Lebensqualität auch bedeuten, dass es in der Nachbarschaft gerechter zugeht. Nicht jeder Mensch hat Anspruch auf Reichtum. Aber jeder Mensch hat Anspruch auf seinen Anteil an den Schätzen der Erde.

Von Susanne Iden

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