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Panorama Berüchtigter Mafia-Boss könnte freikommen
Nachrichten Panorama Berüchtigter Mafia-Boss könnte freikommen
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17:31 06.06.2017
Salvatore Riina während seines Prozesses in Neapel. Quelle: imago
Rom

Seit 1993 sitzt der frühere „Capo dei capi“, der Boss der Bosse der sizilianischen Cosa Nostra, in Isolationshaft. Mittlerweile ist Salvatore Riina 86 Jahre alt und trotz seiner schweren Erkrankung hatte ihm ein Gericht in Bologna im 2016 jede Hafterleichterung verweigert. Riina könne problemlos im Gefängnis behandelt werden; im übrigen sei er nach wie vor äußerst gefährlich. Das höchste italienische Gericht, der Kassationshof in Rom, sieht dies nun anders: Der Entscheid der Vorinstanz sei oberflächlich und widersprüchlich und müsse revidiert werden, urteilten die Richter – und riefen einen Proteststurm hervor. Vor allem die Angehörigen von Riinas Opfern protestierten.

Gericht: Recht auf würdiges Sterben ist universell

Das Recht auf ein würdiges Sterben sei universell, betonte das höchste Gericht. Und damit gilt es auch, wenn die betroffene Person Salvatore Riina heißt. Der Kassationshof verwies in seinem Urteil auf die europäische Menschenrechtskonvention, die eine inhumane und erniedrigende Behandlung von Häftlingen verbietet. Es sei zwingend abzuklären, ob durch die strenge Isolationshaft sein Leiden unnötig verschlimmert werde. Außerdem habe es die Vorinstanz versäumt, die tatsächliche Gefährlichkeit des schwerkranken 86-Jährigen näher zu begründen. Mit anderen Worten: Die Richter müssen nacharbeiten.

Salvatore „Toto“ Riina galt lange gefährlichster und brutalster Mafiaboss des Landes. Er hatte besonders in den 1980er und -90er Jahren halb Italien in Blut getaucht. Insgesamt hatte „die Bestie“, wie Riina genannt wurde, 150 Morde selbst begangen oder in Auftrag gegeben. Seinen ersten Mord hatte er schon im Alter von 19 Jahren in seinem Heimatdorf Corleone verübt. Nach einer Haftstrafe schoss er sich an die Spitze der „Corleonesi“, und zu Beginn der Achtzigerjahre führte er den „großen Mafiakrieg“ gegen die Clans von Palermo, die zuvor die Cosa Nostra beherrscht hatten. Allein im Jahr 1982 kamen in diesem Konflikt, aus dem Riina als unbestrittener Boss der sizilianischen Mafia hervorgehen sollte, über 200 Menschen ums Leben.

1969 abgetaucht, erst 1993 gefasst

Riina, der 1969 abgetaucht war und erst 1993 verhaftet werden konnte, eliminierte auch mehrere Ermittler und Staatsanwälte, die sich an seine Fersen geheftet hatten. Zu den prominentesten Opfern gehörten der Carabinieri-General Carlo Alberto Chiesa, der 1982 zusammen mit seiner Frau und einem Leibwächter von einem Killer-Kommando förmlich durchsiebt worden war, sowie die beiden Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die 1992 durch ferngezündete Bomben umgebracht wurden. Der Cosa-Nostra-Boss hatte auch einflussreiche politische Freunde, allen voran der damalige Bürgermeister von Palermo, Vito Ciancimino. Laut den Aussagen einiger „pentiti“ (reuige Mafiosi) habe aber auch der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti dem Paten die Hand geküsst. Bewiesen wurde dies aber nie.

Der heutige Anti-Mafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo ist überzeugt, dass mit den Anschlägen gegen Falcone und Borsellino sowie mit weiteren Attentaten in Rom und Florenz der Staat an den Verhandlungstisch gebombt werden sollte. Riina habe versucht, von hohen Politikern wie dem damaligen Innenminister Nicola Mancino Konzessionen und Hafterleichterungen für inhaftierte Mafiosi zu erzwingen. Im Gegenzug sollte der Bombenterror beendet werden. Der von Di Matteo angestrengte Prozess zu den Verhandlungen zwischen der Mafia und dem Staat läuft seit 2013.

Riina-Opfer: Mein Eltern hatten auch keinen würdevollen Tod

Das Urteil des Kassationshofs, das für Riina die ersehnte Umwandlung von Isolationshaft in Hausarrest zur Folge haben könnte, hat in Italien Proteste ausgelöst. „Mein Vater und meine Mutter hatten auch keinen würdevollen Tod: Sie wurden von Riinas Killern einfach niedergemacht“, erklärte Rita Dalla Chiesa, Tochter des getöteten Carabinieri-Generals. Franco La Torre, dessen Vater Pio im gleichen Jahr umgebracht wurde, betonte, dass eine Hafterleichterung für „die Bestie“ für die Angehörigen nur weiteren Schmerz bedeuten würde. La Torre erinnerte daran, dass Riina noch vor Kurzem vom Gefängnis aus ein Todesurteil gegen Staatsanwalt Di Matteo ausgesprochen habe, womit auch dessen Gefährlichkeit unter Beweis gestellt sei. Das neue Urteil des Bologneser Gerichts wird im Juli erwartet.

Von Dominik Straub/dpa/RND

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