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Panorama Benedikt rechnet mit seiner Kirche ab
Nachrichten Panorama Benedikt rechnet mit seiner Kirche ab
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17:50 08.09.2016
Benedikt XVI bei seiner letzten Generalaudienz 2013. Quelle: epd
Rom

„Letzte Gespräche“ oder, noch treffender auf Englisch „The Testament“, heißt das Buch, das Gespräche des ehemaligen Papstes mit dem ihm nahestehenden Journalisten Peter Seewald dokumentiert. Es ist eine Art kirchenpolitisches Vermächtnis des ehemaligen Pontifex Maximus – und die Aussagen haben es in sich.

Besonders hart ins Gericht geht Joseph Ratzinger mit der Katholischen Kirche in Deutschland. Es gebe hier eine „Macht der Bürokratien“, eine „Theoretisierung des Glaubens“ und einen „Mangel an einer lebendigen Dynamik“, kritisiert er. Dazu gebe es „diesen etablierten und hoch bezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten“. Diese drohe, dadurch „zerdrückt zu werden“.

Scharfe Kritik an Kirchensteuer

Konkret kritisiert Benedikt auch die deutsche Kirchensteuerpraxis und die damit verbundene Exkommunikation von Katholiken, die aus der Kirche austreten. „Ich meine damit nicht, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gibt, aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar.“

Der Präsident der katholischen Laienorganisation ZdK, Thomas Sternberg, nimmt die Mitarbeiter der Kirche vor der Kritik Benedikt XVI. in Schutz. „Wir haben in unseren Bistümern hoch engagierte und sehr gute Leute“, sagte Sternberg. Die Kritik des emeritierten Papstes, dass es in der Kirche durch die vielen bezahlten Mitarbeiter eine „ungeistliche Bürokratie“ gebe, könne er „in dieser Pauschalität nicht verstehen“. Auch auf die Attacke in Richtung Kirchensteuer reagierte Sternberg: „Ich glaube, dass die Kirchensteuer ausgesprochen segensreich in diesem Land gewirkt hat und wirkt.“ Auch die automatische Exkommunikation derer, die keine Kirchensteuern mehr zahlen, verteidigte er. „Es gehört zur Mitgliedschaft der Kirche, dass man auch diese Zahlung der Beiträge leistet.“

Ebenso angriffslustig wie bei der Kirchensteuer gibt sich Joseph Ratzinger, wenn es um seinen eigenen Rücktritt geht. Konservativen Kirchenkreisen, welche die Demission des Papstes im Februar 2013 als Ergebnis von Erpressungen sehen, hält Benedikt in „Letzte Gespräche“ entgegen, es sei schlicht kein Druck auf ihn ausgeübt worden. Er habe zurücktreten können, „weil in dieser Situation wieder Ruhe eingekehrt war“, betont der 89-Jährige gegenüber Seewald in Bezug auf die sogenannte Vatileaks-Affäre.

Benedikt lobt Papst Franziskus

In deutlich milderem Licht erscheint das Verhältnis zu seinem vorgeblich so gänzlich anderen Nachfolger Papst Franziskus. Er sei nach der bisherigen Amtszeit des 2013 gewählten Argentiniers zufrieden. „Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes.“

Er finde es auch gut, dass Franziskus so direkt zu den Menschen gehe. „Natürlich frage ich mich, wie lange er das durchhalten kann.“ Mit seiner Art habe er aber kein Problem. „Im Gegenteil, ich finde das gut, ja.“ Auch sehe er nirgendwo einen Bruch zu seinem Pontifikat. „Wenn man Stellen herausnimmt, isoliert, kann man Gegensätze konstruieren, aber nicht, wenn man das Ganze sieht. Es gibt vielleicht neue Akzente, natürlich, aber keine Gegensätze.“

Auch seinen wegen des ersten Vatileaks-Skandals 2012 rechtskräftig wegen Weitergabe von Geheimdokumenten verurteilten Ex-Kammerdiener Paolo Gabriele bedenkt er mit milden Worten.

Sich selbst ordnet Benedikt als „armseligen kleinen Menschen“ ein, dessen Stärken eher das Lehren als das Regieren gewesen seien. „Vielleicht bin ich ja tatsächlich nicht viel genug unter den Menschen gewesen.“

Das Buch erscheint am 9. September zeitgleich in mehreren Ländern.

Von epd/dpa/afp/RND/dk

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