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Panorama Auf nach Döstädning
Nachrichten Panorama Auf nach Döstädning
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20:18 27.04.2018
Wer nur das Nötigste besitzt, ist nach seinem Tod keine Last für Angehörige – klingt morbide, ist aber die neueste Aufräumphilosophie aus Skandinavien. Quelle: iStockphoto
Hannover

Der Stuhl war ein Geschenk. Ein früherer Freund hatte ihn selbst zusammengezimmert, er erinnert an die jungen Jahre, an eine unbeschwerte Zeit. Aber der Stuhl hat seine besten Tage hinter sich, das Holz splittert, wirklich schön ist er auch nicht mehr. Er steht nur im Weg herum, unbenutzt, und stört. Andere Stühle gibt es genug. Kurzum: Der Stuhl kann weg. Gleich morgen. Aber der Abschied fällt schwer, schließlich gehört er doch irgendwie dazu. Zum Leben. Zur Familie.

Noch ein paar Tage, dann heißt es wieder: Der Mai ist gekommen. Und: Alles neu macht der Mai. Das Wetter hat sich mittlerweile dem Kalender angepasst, in vielen Haushalten steht der Frühjahrsputz an oder ist sogar schon erledigt. Und nun, in diesen Tagen der gefühlten Erneuerung, ist auch wieder Zeit für die neue Trendsportart der modernen Welt: das Entrümpeln.

Sieben Jahre ist es her, dass die Japanerin Marie Kondo sich aufmachte, mit ihrem Werk “Magic Cleaning“ die Welt der Ratgeberliteratur zu erobern. Mit einfachen Tipps, Tricks und Kniffen animierte Kondo dazu, sich endlich mal von all den überflüssigen Dingen, all dem Trödel, dem Tand, den Klamotten, Schuhen, Büchern zu trennen, die viel Raum im Haus, aber eigentlich doch keinen Platz mehr im Leben einnehmen. So soll äußere Ordnung geschaffen werden – und damit auch innere. Kondo war so erfolgreich damit, dass “to kondo“ im Englischen mittlerweile ein eigenes Verb für radikales Entrümpeln ist.

Aufräumen für die Nachwelt

Der neueste Trend aber heißt Dö­städning. Das Wort kommt aus dem Schwedischen und setzt sich aus “dö“ für Tod und “städning“ für aufräumen oder reinigen zusammen. Kurz gesagt sollen Menschen zu Lebzeiten ihren Haushalt so entrümpeln und in Ordnung halten, dass ihre Angehörigen nach ihrem Tod möglichst wenig Arbeit haben.

Die Autorin Margareta Magnusson – nach eigenen Angaben zwischen 80 und 100 Jahre alt – betont ausdrücklich, dass ihr Buch nicht allein für alte Menschen geschrieben ist. Vielmehr sollten auch junge Menschen das Zimmer, die Wohnung, das Haus so halten, dass sie theoretisch morgen sterben könnten, um den Angehörigen wenig Mühe zu hinterlassen. “Nach Sachen zu suchen, die man verlegt hat, ist ein ineffizienter Umgang mit der eigenen Zeit. Und Desorganisation ist kein guter Umgang mit der Zeit derjenigen, die hinter uns aufräumen müssen“, schreibt Magnusson.

Klingt immer alles sehr nachvollziehbar, so ein Ratgeber, man schaut dann über das jeweilige Buch hinweg ins Wohnzimmer, in die Küche, in den Flur und denkt sich: Recht hat die Autorin, eigentlich kann das meiste weg. Dazu läuft Silbermonds Entrümpelhymne “Leichtes Gepäck“ im Radio: “Eines Tages fällt dir auf, / dass du 99 Prozent nicht brauchst. / Du nimmst all den Ballast / und schmeißt ihn weg. / Denn es reist sich besser / mit leichtem Gepäck.“

Sachen sind nicht einfach Sachen

Es könnte alles ganz einfach sein. Und doch fällt es so schwer, sich von Dingen zu trennen. Aber warum bloß? Und vor allem: Ist das wirklich so schlimm?

Sachen sind nicht einfach Sachen. Mit den meisten Dingen verbinden wir etwas – Erinnerungen an die Kindheit, an das erste Date, an eine Urlaubsreise. Oder aber wir meinen, wir können sie irgendwann noch einmal für irgendetwas gebrauchen: den antiken Brieföffner, weil wir unsere Post doch mal stilvoll öffnen könnten. Das Griechisch-Wörterbuch, um die Sprache doch noch zu lernen. Das Jackett, weil Schulterpolster doch bestimmt bald wieder modern sind. Das Band, das uns emotional an unserem Besitz hält, führt in die Vergangenheit oder in die Zukunft.

Zudem schreiben wir den Dingen Eigenschaften zu, die diese eigentlich nicht haben. So tragen Jugendliche Markenklamotten, weil sie als cool gelten oder weil sie sich über den Preis von anderen Schülern abgrenzen wollen. Gebrauchsgegenstände werden mit Bedeutungen aufgeladen. Es geht um Haben und Sein. Sein ist ohne Haben heute kaum mehr zu denken. Was wir besitzen, bestimmt auch, was wir sind. Wie groß ist unsere Wohnung, wie schnell unser Auto, wie hoch unser Gehalt? “Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass Individuen zu einer sozialen Identität kommen, ohne diese in einem Ensemble persönlich konsumierter Güter auszudrücken“, betont der Sozialphilosoph Axel Honneth.

Plädiert für viel Ordnung im ­Leben: Die Schwedin Margareta Magnusson hat ein Buch über “Döstädning“ geschrieben. Quelle: Simon and Schuster/AP

Geld, Konsum und Besitz dienen auch dazu, uns mit unseren Mitmenschen zu vergleichen: Wie groß ist die Wohnung, wie schnell das Auto, wie hoch das Gehalt unseres Nachbarn? “Ob wir zu viel oder zu wenig haben, ob wir das Bedürfnis haben, zu kaufen oder zu konsumieren, hängt häufig von einer subjektiven Perspektive ab, die sich je nach Situation schnell verändern kann“, sagt der Psychologe Jens Förster. Identität entsteht schließlich häufig erst durch Abgrenzung und Vergleich.

Der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen hat in seinem Werk “Theorie der feinen Leute“ bereits 1899 Prestige als eine entscheidende Motivation für das Anhäufen von Dingen definiert. Der Prestigegewinn durch Besitz kann allerdings nur dann gelingen, wenn man diesen öffentlich zur Schau stellt. Wenn man ihn zeigt. Und sei es bei der Party im eigenen Wohnzimmer. Es geht dem Menschen nach Veblen darum, immer mehr zu haben als andere. Aus diesem Grund könne es nie eine glückliche Konsumgesellschaft geben, denn selbst wenn wir alles haben, was wir benötigen, werden wir irgendwann merken, dass da jemand ist, der mehr besitzt als wir.

Entrümpeln als Wettbewerbsverweigerung

Wer entrümpelt, wer einen Großteil seines Eigentums dem Wertstoffhof oder einer sozialen Einrichtung übergibt, verlässt also diese Wettbewerbslogik. Der Blick in das Wohnzimmer des Minimalisten ist ein Blick in eine große Leere. Wer die Philosophien der Wegschmeißweltmeister ernst nimmt und letztlich nur das behält, was er benötigt, muss gegebenenfalls die spöttischen Blicke und Fragen der Nachbarn aushalten: Schau mal, Schatz, hatte die den Pulli nicht vorgestern schon an? Ach, Sie haben nur ein Auto?

Erinnerungen, Zukunftsprojektionen, emotionale Aufladungen, soziale Vergleiche – es finden sich immer gute Gründe, einen Gegenstand nicht wegzuschmeißen. Entrümpeln ist ein Kampf zwischen uns und den Dingen, die sich gegen ihre eigene Beseitigung wehren. Aufräumapologeten wie Marie Kondo oder Margareta Magnusson würden dazu allerdings mit den leicht abgewandelten Worten von Andreas Bourani antworten: “Das ist alles nur in deinem Kopf.“

Das Mantra des Möchtegernentrümplers lautet: Für alles, was man wegschmeißt, könnte der Tag noch kommen, an dem wir bereuen, dass wir es einst weggeschmissen haben. Der Tag, an dem wir das ganze Zeug vielleicht noch gebrauchen können. Allein: Der Tag wird wahrscheinlich niemals kommen.

Ratgeber kennen nur zwei Extreme

Also: Alles neu macht der Mai. Sperrmüll bestellen, Entrümpelungsfirma beauftragen. Oder? Ja und Nein. Es spricht ja nichts dagegen, sich zu vergegenwärtigen, dass die Räume im Keller durchaus begehbar sein dürfen und keine Museen des eigenen Lebens sind.

Aber die Ratgeberliteratur des Minimalismus suggeriert, dass es nur zwei Extreme gibt: absolutes Chaos und absolute Ordnung. Verbunden mit dem Image des ordentlichen Menschen als gut, strukturiert, zupackend, erfolgreich und dem Bild des chaotischen Menschen als schlecht, unorganisiert, lebensunfähig, messiehaft. Allenfalls das Durcheinander in der Wohnung von Künstlern und Genies gilt gesellschaftlich als einigermaßen akzeptabel. Da wird Chaos dann zum kreativen Chaos.

Aber die empfohlene absolute Ordnung lässt Wohnzimmer in der Idealvorstellung zu perfekt durchgestylten Ausstellungsräumen werden. Die meisten Menschen können aber schlichtweg nicht in Zimmern wohnen, wie sie in Innenarchitektur- und Design-Hochglanzmagazinen abgebildet sind. Aus verschiedenen Gründen nicht. Einer sind Kinder, die ganz bestimmt nicht überlegen, wer ihre Sachen nach ihrem Tod (über den sie ja überhaupt noch nicht ernsthaft nachdenken) weggeräumt. Kinder machen sich ja nicht einmal Gedanken darüber, wer ihnen zu ihren Lebzeiten hinterherräumt.

Unordnung in der Privatsphäre ist Privatsache

Was wir unter der Fahne des Aufräumkults am Ende anstreben, sind möglichst dingbefreite Räume. Es drängt sich aber der Eindruck auf, dass wir, anstatt mit mehr äußerer Ordnung zu mehr innerer Ordnung zu kommen, unsere eigene innere Leere nach außen transportieren und innenarchitektonisch umsetzen. Chaos hat auch seine schönen Seiten. Aber in Hochzeiten von Minimalismus und Döstädning gilt: Wer das Chaos liebt oder zumindest in ihm leben kann, steht unter ständigem Rechtfertigungsdruck.

Mit dem Minimalismus als Idealvorstellung hat der hohe Anspruch eines guten und richtigen Lebens letztlich auch die Wohnstube erreicht. Essen, rauchen, Alkohol trinken, reisen – in vielen Bereichen des Alltags sind die moralischen und sozialen Standards bereits sehr hoch. Wenn wir genießen, genießen wir häufig nur noch mit fadem Beigeschmack. Wir entwickeln uns, so könnte man zuspitzen, zu einer Gesellschaft mit schlechtem Gewissen. Nun sollen wir auch noch bei jedem Stapel im Wohnzimmer und jedem überflüssigen Gebrauchsgegenstand Gewissensbisse haben?

“Nur zu Hause ist der Mensch ganz“, schrieb einst der Dichter Jean Paul. Er ist dort auch deshalb ganz, weil er so sein kann, wie er will – und nicht, wie soziale Standards und die Marie Kondos dieser Welt ihm einreden. Wie viel Unordnung in der Privatsphäre herrscht, ist Privatsache. Es kann durchaus auch in unaufgeräumten Wohnungen aufgeräumte Menschen geben. Der Stuhl bleibt.

Von Kristian Teetz

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