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Panorama 40 Minuten Stillstand in Fahrradstraße – „Beim 1001. Mal ist Schluss“
Nachrichten Panorama 40 Minuten Stillstand in Fahrradstraße – „Beim 1001. Mal ist Schluss“
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11:46 27.12.2018
Auf dieser Fahrradstraße in Hannover kam es zum „Nase-an-Nase-Vorfall“. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Vorderrad an Stoßstange: So standen sich eine 47-jährige Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer im November 40 Minuten lang gegenüber. Nichts ging mehr, bis die Polizei kam, auf Twitter erregte die Aktion die Gemüter. Im Interview berichtet die Südstädterin nun erstmals selbst, warum sie sich so geärgert hat, ob sie selbst eigentlich Auto fährt – und ob sie so etwas noch einmal tun würde.

Mitte November haben Sie bundesweit Schlagzeilen gemacht, als Sie mit dem Rad in der Kleefelder Straße etwa 40 Minuten lang einen Lkw blockiert haben. Würden Sie das nochmal tun?

Als Radfahrerin werde ich täglich dazu gezwungen, auf meine Rechte im Verkehr zu verzichten, deshalb beharre ich schon aus reinem Selbstschutz nicht darauf. Das wäre im Straßenverkehr ziemlich gefährlich, besonders gegen einen Lkw. Und meistens habe ich ehrlich gesagt auch gar nicht so viel Zeit, wenn ich mich über die Rücksichtslosigkeit anderer ärgere. Aber in dieser Situation habe eindeutig nicht ich den Lkw blockiert, sondern der Lkw mich – da ist mir einfach der Kragen geplatzt.

Der mir entgegenkommende Lkw-Fahrer zeigte nicht den Hauch von Unrechtsgefühl. Kein Zögern beim Einfahren in die Straße, kein Gesprächsangebot während des Wartens, obwohl er ganz offensichtlich im Unrecht war. Auf seiner Spur parkten Autos, er hat sie überholt und mir damit in der engen Straße den Weg versperrt. Auch wenn er später behauptet hat, er habe mich nicht gesehen: Das stimmt nicht, und sein Verhalten war extrem rücksichtslos.

Was wäre gewesen, wenn der Lkw-Fahrer ein Signal der Entschuldigung gegeben hätte für sein Fehlverhalten?

Der Ton macht die Musik. Natürlich wäre ich ausgewichen, wenn er ausgestiegen wäre und gesagt hätte: „Sorry, ich habe Sie nicht gesehen, aber können Sie bitte ausweichen.“ Oder irgendein anderes Signal des Verständnisses. Ich denke, ich bin ein vernünftiger Mensch. Aber es gab einfach Null Reaktion von ihm.

„Beim 1001. Mal ist Schluss“

Die Straßenverkehrsordnung fordert erstens gegenseitige Rücksichtnahme und sagt außerdem, dass in einer Begegnungssituation derjenige ausweichen soll, für den es einfacher ist. Hätten nicht Sie ausweichen müssen?

Es geht um gegenseitige Rücksichtnahme. Wer sagt, dass immer der Radfahrer Rücksicht nehmen muss? Hier saßen drei Männer im Führerhaus. Auch für die wäre es also kein Problem gewesen zurückzusetzen, denn einer von ihnen hätte als Einweiser aussteigen können. Die Männer haben aber einfach im Fahrzeug gesessen und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Stehenzubleiben war eine ziemlich unverschämte, fast kindlich-trotzige Haltung vom Fahrer – und die hat auch bei mir Trotz ausgelöst. Radfahrer erleben solche Situationen täglich vielfach – aber die meisten lassen es nicht auf eine Eskalation ankommen, sondern stecken zurück. Wenn man aber 1000 Mal ausweicht, dann ist beim 1001. Mal Schluss.

Viele Autofahrer könnten ähnliche Geschichten von rücksichtslosen Radfahrern berichten. Fördert nicht genau dieses Denken – „beim 1001. mal ist Schluss“ – die zunehmende Verrohung im Verkehr?

Nein. Ich bin mir sicher, dass die steigende Gereiztheit auch damit zusammenhängt, dass es schlicht immer enger wird auf den Straßen. Wir haben immer mehr Autos – die werden übrigens auch immer größer –, und wir haben glücklicherweise auch immer mehr Radfahrer. Natürlich wäre vieles durch eine entspanntere Sicht lösbar, aber Radfahrer müssen von Autofahrern auch als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen und akzeptiert werden. Was mir wichtig ist: Es gibt nicht „die Autofahrer“ oder „die Radfahrer“. Es sind alles Individuen, und da gibt es auf beiden Seiten viele, die sich richtig verhalten, und auf beiden Seiten einige, die sich falsch verhalten. Der Unterschied ist aber: Autofahrer sitzen gut geschützt in einem tonnenschweren Stahlkonstrukt. Wenn Radfahrer auf ihrem Recht beharren, dann bedeutet das für sie im Zweifelsfall Lebensgefahr.

In der Situation im Zooviertel kam nach 40 Minuten die Polizei und entschied, dass Sie ausweichen sollen und der Lkw freie Fahrt bekommen muss.

Das war sehr enttäuschend. Der Polizist war von Anfang an genervt, und mir ist natürlich klar, dass die anderes zu tun haben, als sich um so eine Blockade zu kümmern. Aber ich hatte ihn ausdrücklich aufgefordert, dass er den Lkw-Fahrer darauf hinweist, dass er sich falsch verhalten hat, als er ein parkendes Auto überholt hat, ohne auf den Gegenverkehr zu achten. Ganz abgesehen davon, dass es sich um eine Fahrradstraße handelt, in der Radfahrer noch zusätzlich Vorrang haben. Stattdessen bekam ich vor den Augen des Lkw-Fahrers, der jetzt endlich ausgestiegen war, geradezu eine Standpauke. Das war schon bitter.

Eine Woche später hat ein Mercedes-Fahrer in einer ganz ähnlichen Situation nahe dem Lister Platz einen Busfahrer blockiert, der einen auf seiner Spur haltenden Wagen überholen musste. Da verhängte die Polizei sogar ein Bußgeld gegen den renitenten Mercedes-Fahrer, Sie dagegen kamen mit einer mündlichen Verwarnung davon.

Die Situation dort war doch eine völlig andere. Einem Bus würde ich immer Vorfahrt gewähren, der hat doch gewissermaßen einen öffentlichen Auftrag, wenn er Menschen durch die Stadt bringt. Bei mir dagegen hat der Lkw-Fahrer klar signalisiert: Ich bin stärker, ich nehme mir mein Recht, die Radfahrerin soll gefälligst warten. Ich finde die beiden Situationen unvergleichbar.

Ihr Vorfall passierte auf einer Fahrradstraße. Sie haben anschließend kritisiert, dass Hannovers Fahrradstraßen unsicher seien. Warum?

Da gibt es tatsächlich ein Problem. Für Radfahrer sind Hannovers Fahrradstraßen strukturell nichts anderes als alle anderen Nebenstraßen in Tempo-30-Zonen. Außer, dass man theoretisch nebeneinander herfahren darf – wenn man nichts gegen ein Hupkonzert von Autofahrern hat, die die Regeln nicht kennen. Das Problem ist, dass Hannovers Fahrradstraßen mit einem Zusatzschild für Kraftverkehr komplett freigegeben sind, das ist eine ärgerliche Ausnahme. Hamburg versucht, in allen Fahrradstraßen die Rechts-vor-links-Regelung außer Kraft zu setzen, damit Radfahrer in den Straßen durchfahren können. Das wäre auch für Hannover gut. Und hier müssten Stadt, die Polizei, Fahrschulen mehr darüber aufklären, was es bedeutet, eine Fahrradstraße zu benutzen, die Markierungen, die Sichtbarkeit müsste verbessert werden, und die Polizei sollte die Rechte der Radfahrer dort auch durchsetzen.

Fahren Sie nach dem Vorfall eigentlich noch gerne Rad in Hannover?

Auf jeden Fall. Ich besitze einen Führerschein und fahre auch gelegentlich Auto, aber im Alltag bin ich nur mit dem Rad unterwegs. Aber ich würde immer einen Umweg in Kauf nehmen, um möglichst viel auf Routen ohne Autoverkehr zu fahren, etwa durch die Eilenriede. Es ist sicherer und schöner – und es kommt einem kein Lkw entgegen, der einem den Weg versperrt.

Von Conrad von Meding/RND

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