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06:00 05.05.2017
Missverständnis: Herr Toprak (Günter Spörrle) hält Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) für den Neuen vom Reinigungstrupp. Quelle: BR
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München

Dienstschluss. Meuffels stand nur noch für eine letzte Zigarette vor der Tür. Und die alte Dame im altrosa Morgenmantel hatte das Taxi zur Wache mit einem falschen Fünfziger bezahlen wollen. Da sprang er eben ein, der Polizist als Freund und Helfer, streckte das Geld vor, bot sich auch gleich an, sie nach Hause zu fahren. Nur weiß die verwirrte Frau Strauß gar nicht, wo sie zuhause ist, wohl aber, dass dort zuletzt „alles voller Blut und der Mann tot“ war. Erschlagen. „Zack, ging alles ganz schnell.“ Im Altenheim findet der Hauptkommissar aber nur gedämpfte Nachtroutine vor - kein Anzeichen von Gewalt, nur der streitbare Herr Urban sei am Nachmittag auf den Kopf gefallen und verschieden, berichtet ihm eine der drei Pflegekräfte. Aber gestorben werde hier ja alle naselang. Ein paar Blutspritzer auf einem der Blumenbilder im Flur machen Meuffels indes stutzig. Als die beim nächsten Vorbeigehen weggewischt wurden, glaubt er, hier sei doch ein Mörder zu überführen, und beschließt, die Nacht im Heim zu verbringen.

Ein Krimi vom Altwerden

Ein kleiner Fall für Meuffels, den Einzelgänger, der sowieso selten Besseres zu tun hat. Nach dem bizarren und überladenen Mystery-Stück „Wölfe“ (Regie: Christian Petzold) und dem Paranoiadrama „Sumpfgebiete“ (Regie: Hermine Huntgeburth) geht es in dem Sozial-Fall „Nachtdienst“ geradezu ruhig und gewöhnlich zu. Rainer Kaufmann, der 1990 mit dem Kurzfilm „Der schönste Busen der Welt“ reüssierte und mit den Ingrid-Moll-Verfilmungen „Die Apothekerin“ (1997) und „Kalt ist der Abendhauch“ (2000) Krimierfahrungen sammelte, erzählt dann auch nicht so sehr vom Morden und Totschlagen als vom Altwerden in Deutschland. Seltsam berührt ist der Held. Die Einsamkeit des Kommissars trifft auf noch weit unerträglichere Einsamkeiten.

Keine Zeit für Langsamkeit

Und so ist dieser „Polizeiruf“ eher intensiv und bedrückend als spannend. Der Pflegenotstand ist zugleich Menschlichkeitsnotstand. Pfleger und Gepflegte leben in permanter Doppeltragödie. Kleine Momentaufnahmen traut sich der Regisseur und zeigt eindringlich, wie der Mensch in Deutschland gegen Ende seines Seins zur Randfigur wird. Man lebt außerhalb der Familie, außerhalb jedweder Wahrnehmung, und wird – wenn man Glück hat – gelegentlich von Leuten besucht, mit denen man einst das Leben teilte, die aber immer wieder heimlich auf die Uhr gucken, weil sie keine Zeit für diese Langsamkeit haben. Braunbeige sind die abweisenden Flure, Stahlrohrbetten stehen in Zimmern ohne Aussicht, verwahrte, notdürftig betreute Menschen putzen Zähne in blauem Licht. Jeder Quadratzentimeter hier ist eine Endstation Sehnsucht nach den Tagen, an denen man noch teilhatte. Und der Zuschauer riecht förmlich den Odem dieses Platzes, einen Dunst aus Honigbonbons, Desinfektionsmittel, Exkrementen und Tod.

Rabenschwarzer Humor

Die großartige Elisabeth Schwarz bringt als Frau Strauß eine zarte Komik in die Darstellung einer würdevoll Vergesslichen. Sonst ist der Humor hier rabenschwarz. „Die Leiche liegt in der Gurke“, verweist Meuffels sein Team auf die Zimmertüren, die zur Orientierung mit Obst- und Gemüsebildern beklebt sind. Ein zorniger Greis drückt ihm eine schmutzige Windel in die Hand. Und in einer Traumsequenz begegnet er seinem alten, schlurfenden Alter Ego, das ihn abschätzig ansieht und „Arschloch!“ knurrt. Der stille Kriminalphilosoph, der sanfte Schmunzler, erschrickt vor seiner Zukunft. Ach ja, den Totschlag klärt er dann auch noch auf, aber diesmal wäre es Meuffels wirklich lieb, er könnte einmal über seinen Kriminalerschatten springen und den Täter laufen lassen.

Dass aus dem kleinen ein riesengroßer Fall wird, deuten allerdings bereits die ersten, vorgreifenden Bilder des Films an, die man zunächst ins Reich der Fantasie verbannt hatte. Ein ziemlich fassungsloser Meuffels stand da in einem Zimmer des Altenheims, während ein Spezialkommando in schwarzer Vermummung an der Tür vorbeihuschte. Das Finale kommt einem zwar komplett unrealistisch vor. Schockierend ist es trotzdem.

Von Matthias Halbig/RND

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