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Medien Würden Sie noch mal beim ESC antreten, Michael Schulte?
Nachrichten Medien Würden Sie noch mal beim ESC antreten, Michael Schulte?
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12:52 09.07.2018
„Ich wusste, dass ich das theoretisch kann“: Michael Schulte. Quelle: dpa
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Herr Schulte, man kann nicht gerade behaupten, dass 2018 ein ereignisloses Jahr für Sie ist…

Aber wirklich! Das tut mir schon richtig leid für meine Freunde und Kollegen – die kommen aus dem Beglückwünschen gar nicht mehr heraus: Sieg beim Vorentscheid, Schwangerschaft meiner Frau, Vierter beim Eurovision Song Contest, Hochzeit… Es ist das beste Jahr meines Lebens.

Im Sommer wird ihr erstes Kind zur Welt kommen. Kann es sein, dass Lissabon in diesem Jahr gar nicht das Wichtigste für Sie war?

Schwer zu vergleichen. Es sind alles wahnsinnig tolle, einmalige Erlebnisse. Und jetzt fallen sie alle auf ein Jahr. Das war so nicht geplant. Aber es ist natürlich schön.

„Der Wahnsinn wird zur Normalität“

Der Abend von Lissabon liegt jetzt vier Wochen zurück. Haben Sie die Ereignisse im Kopf schon sortiert?

So langsam habe ich schon verstanden, was da passiert ist. Aber zu hundert Prozent werde ich das erst in ein paar Jahren realisieren. Es ist ja so: Wenn du einmal in diesem Film bist, fragst du ja nicht mehr: Was passiert hier? Wo bin ich? Der Wahnsinn wird auf eine seltsame Weise zur Normalität. Denn es ist ja dein Leben. Hätte jemand vor sechs Monaten gesagt: Du wirst am 12. Mai in Lissabon vor 200 Millionen Zuschauern Vierter beim ESC, hätte ich gesagt: Du bist ja verrückt. Aber wenn man dann erst Mal drin ist, ist es dein Leben und dein Weg. Und dann fühlt es sich normal an. Aber in ein paar Jahren werde ich daran zurückdenken und spüren: Wahnsinn. Völlig verrückt. Ich habe mich mit Leuten wie Guildo Horn, Stefan Raab und Lena in eine Reihe gestellt. Ich habe im Zentrum eines Ereignisses gestanden, das ich früher immer im Fernsehen gesehen habe. Und nicht nur das: Ich habe sogar eine bessere Platzierung als Guildo Horn oder Stefan Raab erreicht. Es ist das zweitbeste Ergebnis seit 1999 – und das erste Mal seit dem Sieg von Lena 2010, dass es mal wieder zwölf Punkte für Deutschland gab.

Warum haben Sie sich denn damals beim ESC-Vorentscheid beworben?

Ich hatte schon die Ahnung, dass ich da was reißen kann. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich habe geglaubt, dass ich in diese ESC-Welt gut reinpassen würde. Ich bin ein internationaler Typ, der internationale Musik macht. Das ist schon mal wichtig. Außerdem erkennt man mich schnell wieder durch meine Haare und meine Stimme. Und ich bin in der Lage, Menschen zu berühren, indem ich authentisch bleibe und mich so gebe, wie ich bin. Das ist das A und O am Fernseher. Eine Garantie gibt’s nicht. Aber ich wusste, dass ich das theoretisch kann. Ich dachte: Wenn ich die Chance bekomme, würde ich es liebend gern versuchen.

„Schneller Erfolg kann gefährlich sein“

Mit dem vierten Platz kam ein enormer Popularitätsschub. Robbie Williams hat mal gesagt: „Von Null auf Hundert berühmt zu werden, ist die irrste Bewusstseinsexplosion, die man sich vorstellen kann.“ Können Sie das nachempfinden?

Ja. Aber zum Glück war’s ja nicht ganz von Null auf Hundert bei mir. Ich bin jetzt seit zehn Jahren in der Musikbranche unterwegs und hatte auch schon mal ein Hoch, damals 2012 bei „The Voice“ – wenn auch nicht auf diesem Niveau wie jetzt. Aber ich habe schon gelernt, was es bedeutet, Erfolg zu haben. Das kam nicht ganz plötzlich. Zum Glück. Denn gleich mit dem ersten Song einen Hit zu haben, kann schwierig sein und sogar gefährlich. Man kann abheben – und durchdrehen.

Die Gefahr des Durchdrehens sehe ich bei Ihnen grundsätzlich nicht.

Das stimmt. Einmal, weil es nicht in meiner Natur liegt. Und außerdem, weil ich schon so lange dabei bin und meine Tiefs schon hatte. Man muss wissen, woher man kommt, um Erfolg so würdigen zu können, dass man nicht abhebt.

Das Abheben ist die eine Gefahr. Die andere ist, dass man zur Zielscheibe wird, zur Projektionsfläche für Menschen, die mit sich selber nichts anfangen können und dieses Defizit an öffentlichen Personen abarbeiten. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Die meisten Menschen sind total lieb und wollen mir ja auch nichts Böses, wenn sie mich ansprechen. Es gehört natürlich auch dazu, dass man sich seiner völligen Privatsphäre etwas beraubt fühlt. Ich saß zum Beispiel mit meiner Frau Katharina in einem Café beim Essen, da stellt sich jemand zwei Meter neben uns und macht ein Foto. Einfach so, ohne zu fragen. Ich finde, ein bisschen Respekt gehört dazu. Man ist ja kein Tier im Zoo. Aber ansonsten sind die Leute sehr lieb, fragen nach einem Foto, beglückwünschen mich.

„Ich war schüchtern und nicht sehr selbstsicher"

Blicken wir mal zurück: 2006 haben Sie die ersten Coversongs bei YouTube hochgeladen. Können Sie erklären, woher der Gedanke kam, dass das jemand sehen muss?

Ich habe schon als kleiner Junge gesungen, aber ich war schüchtern und nicht sehr selbstsicher. Ich habe das Singen geliebt, aber ich hatte nicht den Mut, mich auf eine Bühne zu stellen. Da kam YouTube gerade recht. Ich wollte einfach mal wissen, ob das den Leuten da draußen gefällt. Gar nicht mit dem Gedanken, dass ich unbedingt ein Star sein wollte. Aber ein Musiker aus Leidenschaft hat immer den Drang, erhört zu werden und seine Musik mit Menschen zu teilen.

Das heißt, Sie waren in der Schule nie der Typ, dem alle die Gitarre in die Hand drückten und sagten: „Spiel doch mal was Schönes!“?

Nee, ich war auch nie so der Lagerfeuerpartysänger. Ich habe halt auf YouTube mein Ding gemacht.

Vom schüchternen Youtube-Musiker zum Retter der deutschen ESC-Ehre: Michael Schulte

Auch er hat gelitten. So ist das als Fan. Da saß Michael Schulte Jahr für Jahr in heimischen Buxtehude vor dem Fernseher, verfolgte das Finale des Eurovision Song Contest aus Kopenhagen, aus Wien, aus Stockholm, aus Kiew. Und immer wieder landete Deutschland im Nirgendwo. „Ich liebe den ESC“, sagt er. Um so enttäuschender war das deutsche Drama der letzten Jahre: Letzter, Letzter, Vorletzter. Bis dann im Mai 2018 seine große Stunde schlug.

Es sprach nicht viel dafür, dass aus dem schüchternen, stillen Jungen, der 1990 in Eckernförde zur Welt kommt, mal der Retter der deutschen ESC-Ehre werden würde. Schulte wächst in Lindau an der Schlei auf, mit sieben bekommt er seine erste Gitarre. Sein Vater, ein Marinekapitän, zeigt ihm die ersten Griffe, der kleine Michael läuft singend und klampfend durchs Haus. Als er elf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Dollerup bei Flensburg. Dort macht er am dänischen Gymnasium Duborg-Skolen 2009 sein Abitur. Ruhig, unauffällig und unsicher sei er gewesen, sagt er heute. Bis 2006 das Videoportal Youtube in Deutschland startet. Schultes Karriere beginnt. Er hat sein Medium gefunden. Mit einer Webcam und einem miesen Mikrofon nimmt er Coversongs auf und lädt sie hoch. Er singt sich durch die Popwelt: Rihanna, Jeff Buckley, Chris Brown, Coldplay, Eric Clapton. Seine Stimme rührt immer mehr Zuschauer, er wagt sich an eigene Songs, die Fangemeinde wächst parallel zum Selbstbewusstsein. Sein Kanal verzeichnet inzwischen mehr als 57 Millionen Videoabrufe.

Schulte wird zur Youtube-Berühmtheit. Im Spiegel seines Internetpublikums beginnt er, die Besonderheit seiner Stimme und seiner Erscheinung zu erkennen. TV-Castingshows fragen an – er sagt ab. Das will er nicht, sich dort über das Musikalische hinaus zu entblößen. „Bei ,DSDS’ ging es nicht mehr um die Wertschätzung der Musiker“, sagt er. „Da ging es nur noch um Schicksale, Storys und Dramen.“

2011 entdeckt ihn Reamon-Sänger Rea Garvey – und lädt ihn zu einem gemeinsamen Auftritt auf der Kieler Woche ein. Zusammen schreiben sie für Schulte den Song „Carry Me Home“, der 2012 Platz acht der deutschen Charts erreicht. 2011 nimmt er bei „The Voice of Germany“ teil – und wird Dritter.

Auf ein Management verzichtet er lange: „Ich hatte auf Spotify trotzdem schon mehr als eine Million Streams im Monat. Warum sollte ich da 20 Prozent an einen Manager zahlen?“.

Schultes Karriere stagniert etwas, als 2018 seine Gelegenheit kommt: Er bewirbt sich beim NDR für den Vorentscheid zum ESC („Unser Lied für Lissabon“). „Ich habe geglaubt, dass ich in diese ESC-Welt gut reinpassen würde“, sagt er. Beim Songwriting-Workshop mit Produzenten, Komponisten und den anderen Kandidaten im Januar entsteht „You Let Me Walk Alkone“, eine berührende Ballade über die Kraft der Familie, ein Liebeslied für seinen Vater, der starb, als Schulte 14 Jahre alt war. Verabschieden konnte er sich damals nicht. Die Umstände des Todes möchte er für sich behalten.

Mit dem Lied gewinnt er den deutschen Vorentscheid und fährt nach Lissabon. Dort wird er Vierter – und von der europäischen Presse als authentischer Charakterkopf gefeiert, als „echtes“ Gegenmodell zu mancher Kunstfigur beim größten Musikspektakel des Kontinents. Dass ihn manche mit Ed Sheeran vergleichen, ehrt ihn mehr, als dass es nervt.

Er hat seine Familie gefragt, ob er den Tod des Vaters zum Thema machen durfte. Und er wusste: Der NDR würde diesen emotionalen Hintergrund nicht ausschlachten. „Für mich ging es immer nur um die Musik“, sagt Schulte. „Ich hätte mich da ja auch schon bei ,DSDS’ in die Show setzen und über den Tod meines Vaters erzählen können. Das hätte RTL sicher gefallen.“ Er hat es nicht getan. Es war so ein Bauchgefühl.

Wie kamen Sie an Ihre erste Gitarre?

Ich war sieben, als ich meine erste Gitarre geschenkt bekommen habe. Mein Vater hat selbst ein bisschen geklampft, er hat mir dann ein paar Akkorde gezeigt. Von da an habe ich mir das Spielen selbst beigebracht – genau wie das Singen. Unterricht hatte ich nie. Niemand hat mich getrieben. Ich habe das alles immer nur aus einer tiefen Leidenschaft gemacht. Ich hatte da Bock drauf.

Man sagt, dass es zutiefst menschlich sei, sich in den Augen von anderen spiegeln zu wollen, weil die Bewertung und Beurteilung durch andere hilft, sich selbst zu verorten. Was ist mit Ihnen passiert, als Sie die ersten positiven Reaktionen bekommen haben?

Das hat mich sehr motiviert. Ich habe viele, viele Songs hochgeladen.

„Das Sentimentale und Melancholische – das liebe ich“

Mit Ihrem guten Freund Max Giesinger haben Sie vor sechs Jahren „Somebody that I used to know“ gecovert. Es gibt da eine sehr schöne Zeile, die lautet: „You can get addicted to a certain kind of sadness.“ Können Sie damit etwas anfangen?

Ja. Ich liebe es, auch mal allein zu sein. Und ich mag sehr ruhige Musik. Wenn es um „eine bestimmte Art von Traurigkeit“ geht, muss damit ja nicht gemeint sein, dass es einem wirklich schlecht geht. Aber das Sentimentale und Melancholische – das liebe ich. Ich liebe Bon Iver, Ben Howard, London Grammar. Das ist Musik, die in Erinnerungen schwelgt, die zum Nachdenken anregt. Das höre ich gern. Aber es macht mich nicht traurig und ich bin auch nicht traurig. Es bringt mich einfach in eine angenehme Stimmung, die bei manchen Menschen einer Traurigkeit vielleicht ähneln würde. Deshalb verstehe ich den Satz total, auch wenn ich ihn nicht geschrieben habe. Was schön gewesen wäre.

Sie haben sich nie bei „Deutschland sucht den Superstar“ beworben, bei „The Voice“ dann später aber schon. Warum?

Ich wurde schon seit 2008 immer wieder von „DSDS“ angefragt, von „Supertalent“, von „X Factor“. Es gibt ja bei allen Castingshows diese Talentscouts, die im Internet und an Musikhochschulen potenzielle Teilnehmer suchen. Die fragten immer wieder, ob ich nicht mitmachen möchte. Ich habe mich immer dagegen entschieden.

„Bei ,DSDS' ging es nur noch um Schicksale“

Was hat Sie denn abgehalten?

Die Shows hatten sich schon zu sehr gewandelt. Bei „DSDS“ ging es nicht mehr um die Wertschätzung der Musiker, da ging es nur noch um Schicksale, Storys und Dramen. Die Musik rückte immer weiter in den Hintergrund.

Das ist eine bemerkenswerte Entscheidung für einen 18-jährigen Musiker. Haben Sie eine Erklärung für diese frühe Reflektiertheit?

Ich glaube, ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Ich habe damals schon sehr genau verstanden, was in diesen Shows passiert und dass ich das für mich nie wollte. Für mich ging es immer nur um die Musik. Ich hätte mich da ja auch schon in die Show setzen und über den Tod meines Vaters erzählen können. Das hätte RTL sicher gefallen. Bei „The Voice“ dagegen war das dann nicht ein einziges Mal Thema. Das gefiel mir an „The Voice“: Da saßen große Musiker in der Jury, und das klang alles sehr nett.

„Man muss seinem Herzen und seinem Bauchgefühl folgen"

Und dann hat Jurymitglied Rea Garvey Sie unter seine Fittiche genommen. Was ist das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?

Sich nicht zu verstellen. Und Dinge, die man nicht tun möchte, einfach nicht zu tun. Sich nicht verbiegen lassen, nur weil jemand sagt: mach das mal, dann wirst du erfolgreich. Darin hat er mich bestätigt: Wenn dich das nicht glücklich macht, dann hilft dir der Erfolg auch nichts. Man muss seinem Herzen und seinem Bauchgefühl folgen, sonst hat man Bauchschmerzen, und die wird man nicht los.

Kompromisse sind nicht so Ihr Ding?

Ich bin schon jemand, der gern entscheidet. Und der auch entscheiden möchte, was in seinem Namen in der Öffentlichkeit erscheint – ob Musik, Interviews oder Stellungnahmen. Da können gerne alle mitreden und ihre Meinung haben, aber letztlich bin ich derjenige, der da steht. Und ich will hundertprozentig dahinter stehen können. Wenn irgendetwas schiefgeht, kann ich mir die Schuld geben und niemandem sonst. Ich bin zwar eher ein unsicherer Typ, aber dadurch bin ich sehr nah bei mir und kenne mich gut.

Viele Künstler brauchen Jahre, bis es Ihnen gelingt, aus Erlebtem und Erlittenem glaubwürdige Kunst zu machen. Sie haben mit zehn Jahren begonnen, eigene Lieder zu schreiben – wissen Sie noch, warum? Und worum es im ersten Song ging?

Ja! Der hieß „We Are The Kids“ (lacht). Ich hab die Melodie noch im Kopf, aber den Text habe ich vergessen. Den habe ich mir mit meinem damaligen besten Kumpel im Kinderzimmer ausgedacht. Wir haben den dann auch vor unseren Geschwistern und Eltern im Wohnzimmer vorgeführt – Einlass ein Euro. Ich glaube, diesen Willen, etwas zu erschaffen, hat man – oder eben nicht. Eine Erklärung für diesen Impuls habe ich nicht.

„Mein Vater war so ein richtiger Seebär“

Können Sie mir erklären, was Sie an der Musik grundsätzlich fasziniert?

Musik ist sehr stark gekoppelt an Erinnerungen und Emotionen, die man abspeichern und auch wieder hervorrufen kann. Jeder kennt das, dass bestimmte Lieder für den Tod eines wichtigen Menschen stehen oder für eine schlimme oder schöne Herzschmerzphase. Das ist es, was Musik so besonders macht.

Sie haben viele Medien mit Ihrer ruhigen, besonnenen Art beeindruckt. Kein Schulte-Porträt, in dem es nicht hieß: „der stille Star, „der ruhige Norddeutsche“, der „Anti-Glamour-Popstar“ und so weiter. Ist das eine Eigenschaft, die Sie von Ihrem Vater haben?

Ja. Das Unaufgeregte, Entspannte. Das habe ich von ihm. Mein Vater war Kapitän zur hohen See bei der Marine. So ein richtiger Seebär, ganz ruhig und gelassen. Ein sehr nordischer Kerl, der das Leben in vollen Zügen genossen hat – die Familie, die Natur, die vermeintlich kleinen Dinge. So bin ich auch. Er war immer mit wenig zufrieden. Hauptsache, er hatte seine Frau und seine Kinder bei sich.

Sind Sie als Kind mal mit Ihm auf einem Schiff unterwegs gewesen?

Nein. Nie. Ich weiß auch gar nicht, ob das erlaubt ist bei der Marine. Das waren ja zum Teil weite Reisen, die waren im nördlichen Norwegen, am Kap der Guten Hoffnung in Afrika.

Und welche Züge haben Sie von Ihrer Mutter?

Ich glaube, vom Wesen her ähnele ich eher meinem Vater. Meine Mutter redet gern, sie ist sehr lebhaft und fröhlich. Aber auch sie hat dieses Ehrliche und Authentische. Und auch für sie ist die Familie das Wichtigste.

„Mein Lebensziel war es immer, Vater zu werden“

Im August werden Sie selbst Vater eines Jungen. Was für ein Vater wollen Sie sein? Welche Wünsche haben Sie an sich selbst?

Ich würde mir wünschen, dass ich das so schaffe, wie es mein Vater geschafft hat. Ich hab’s ja auch in meinem ESC-Song „You Let Me Walk Alone“ gesungen: Für mich war er der große Held meiner Kindheit – einfach, weil er so war, wie er war. Und wenn mein Sohn das eines Tages auch von mir behauptet, wäre das traumhaft. Mein größtes Lebensziel war es immer, eines Tages Vater zu werden. Ich hoffe, dass ich ein cooler Papa bin. Zumindest kann ich ihm mal coole Bilder aus Funk und Fernsehen von seinem Papa zeigen. Das trägt dann hoffentlich zu meiner Coolness bei.

Sie haben mal gesagt: „Ich kann auch sehr laut und verrückt werden, wenn ich auftaue.“ Zu welchen Gelegenheiten tauen Sie denn auf?

Das ist schon anders geworden als noch vor ein paar Jahren. Ich rede schon ganz gerne inzwischen und auch viel. Aber das Lustige, Laute und Abgedrehte – das passiert nur im Freundeskreis oder Zuhause. Wir albern schon auch herum.

Verlangen Sie viel von sich selbst?

Ich bin schon sehr, sehr, sehr, sehr selbstkritisch. Ich gebe mich nicht schnell zufrieden mit Sachen, die ich so mache. Ich habe immer hohe Ansprüche und Ziele, die ich erreichen möchte. Andererseits bin ich, was Erfolg angeht, auch genügsam.

„Warum soll ich 20 Prozent an einen Manager zahlen?"

Können Sie eine To-Do-Liste im Kopf einfach zusammenknüllen?

Ich kann sie wegschieben. Aber irgendwann will ich sie dann auch erledigen.

Sie haben lange auf ein eigenes Management oder einen PR-Profi verzichtet. Hat das mit der Sorge zu tun, dass jemand Sie dazu bringen könnte, etwas zu tun, das Sie nicht wollen?

Ich hatte das Gefühl, ich benötige keine Hilfe, weil ich alles selbst im Griff hatte. Das war ja noch auf einem Level, auf dem ich mich sehr gut selbst managen konnte. Das hat ja auch funktioniert. Ich hatte auf Spotify trotzdem schon mehr als eine Million Streams im Monat. Warum sollte ich da 20 Prozent an einen Manager zahlen?

Konnten Sie von den Einnahmen bei Spotify und YouTube leben?

Ja. Aber eben auch deshalb, weil ich viel selbst gemacht und nichts an einen Manager abgeben musste. Man muss schon auch schlau wirtschaften und viel selbst machen. Inzwischen kriege ich das nicht mehr alleine gewuppt. Auf dem Level, auf dem ich jetzt bin, sollte man als Künstler auch nicht mehr allein über Gagen verhandeln. Da braucht man einen Manager, der auch mal den Bad Cop spielt.

Wie sieht denn Ihre weitere Karriereplanung aus? Was kann man tun, damit die aktuelle Aufmerksamkeit nicht wieder erlischt?

Live spielen! Live überzeugen. Vieles hängt davon ab, dass Menschen auf deine Konzerte gehen und hinterher sagen: Geil, der kann ja was! Auch die nächste Single wird sehr wichtig. Ich schreibe gerade daran, sie soll Ende September erscheinen. Aber das ist ja ganz logisch: Nach einem solchen Ereignis muss der Hype ein wenig abflauen. So etwas kommt nicht wieder.

„Ich kann mir vorstellen, noch einmal mitzumachen“

Würden Sie denn noch mal antreten wollen beim ESC?

Ich liebe diese Veranstaltung. Ich habe sie immer geliebt. Und wenn man einmal so nah dran war wie ich in diesem Jahr, wird man immer ein Teil davon sein. Ich kann mir durchaus vorstellen, noch einmal mitzumachen – mit 30 oder 40 Jahren, wer weiß? Wenn Deutschland mal wieder in einer schwierigen Phase ist, kann man gerne an mich denken (lacht). Das war ein tolles, intensives Abenteuer. Ich würde das definitiv nicht verneinen, noch einmal der deutsche ESC-Vertreter sein zu dürfen – wenn man mich lässt. Vielleicht verspüre ich irgendwann den Drang, noch einmal so einen ultimativen Kick zu erleben.

Im Moment läuft die Bewerbungsphase für den deutschen Vorentscheid 2019. Was würdest du jungen Künstlern raten, die überlegen, ob sie teilnehmen sollen?

Sie müssen Seele mitbringen und Persönlichkeit. Und natürlich gute Songs. Das Gesamtpaket ist wichtig. Jeder hat seine Geschichte. Ich glaube, dass der Wettbewerb jetzt in Deutschland ganz neuen Schwung bekommen hat. Das Team ist toll, die machen einen großartigen Job. Die Betreuung der Künstler ist hervorragend. Ich freue mich auch für dieses Team sehr darüber, dass die Durststrecke jetzt beendet ist und der ESC wieder einen besseren Ruf hat – auch im Kreis der Künstler. Deutschland ist eine ESC-Nation, sehr viele Menschen haben da Bock drauf. Ich habe SMS bekommen, in denen sich Leute dafür bedankten, dass ich den Spaß am ESC zurückgeholt und den Wettbewerb wieder zurück ins Bewusstsein geholt habe. Das freut mich sehr. Und ich kann auch anderen Musikern nur sagen: Es macht Freude, ein Teil davon zu sein.

Sie sind Musiker und wollen sich für den ESC 2019 bewerben? Hier gibt es mehr Informationen

Von Imre Grimm

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