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Medien Was kommt nach dem Radio? Der NDR-Chef antwortet
Nachrichten Medien Was kommt nach dem Radio? Der NDR-Chef antwortet
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00:00 31.08.2017
Internetradio ist ihm zu wenig: NDR-Hörfunkchef Joachim Knuth. Quelle: NDR Presse und Information
Hannover

Der NDR-Hörfunkchef Joachim Knuth spricht im Interview über die digitale Radiozukunft und den Deutschen Radiopreis in der Elbphilharmonie.

Herr Knuth, die Radiobranche sucht nach einem Nachfolger für UKW, aber der Ausbau des Digitalradios DAB+ stockt. Die Privaten zögern, die Hörer sind verunsichert – und viele meinen, man sollte das Geld lieber gleich ins Internetradio stecken, statt in eine Brückentechnologie. Warum sollte man sich ein DAB+-Radio kaufen?

Es geht um Vielfalt, um Klangqualität und um die Störungsfreiheit und Sicherheit des Empfangs. Das ist ein gravierender Unterschied zu Streams über das Internet. Wir beim NDR haben eigens drei Zusatzangebote geschaffen, um DAB+ attraktiver zu machen: das Schlagerradio NDR Plus, NDR Info Spezial als eine Art Phoenix des Radios und NDR Blue als Welle für neue Musik.

Ist DAB+ nicht einfach eine Art künstliche Lebensverlängerung gegen die Vernunft? Sollte man die Maschinen nicht einfach abschalten und akzeptieren, dass die Zukunft Internetradio heißt?

Wir sind zuversichtlich, dass die Nachfrage für DAB+-Radios relativ zügig nach oben geht. Die Signale weisen in diese Richtung. Erforderlich ist aber auch, dass alle neu verkauften Radios, insbesondere auch in Autos, DAB+-fähig sind. Das würde vieles erleichtern. Da ist die Politik gefordert. Und dann werden wir uns gemeinschaftlich als deutsche Radiobranche entscheiden müssen, ob wir diesen Weg beschreiten – ob also DAB+ der neue Standard wird.

Warum trommeln Sie überhaupt so intensiv für DAB+? Fürchten Sie einen Bedeutungsverlust des Radios, wenn es nur noch per Internet ausgespielt wird?

Wir haben als Radiomacher ein Interesse daran, dass die Eigenständigkeit des Mediums Radio erhalten bleibt. Uns geht es auch um die Anfassbarkeit, die haptische Eigenständigkeit des Radiogerätes. Wenn Radio nur noch eine von zahlreichen Unterfunktionen auf Smartphones oder Tablets würde, wäre das nicht so wahnsinnig attraktiv. Das gäbe diesem Medium eine Flüchtigkeit, die es nicht verdient.

Jetzt klingen Sie ein bisschen wie ein Grammophonhersteller 1952.

Nein, das finde ich nicht. Wenn Sie die Empfangsfähigkeit sicher halten wollen, brauchen Sie ein eigenes Gerät und eine eigene Ausspieltechnologie. Internetradios sind nicht empfangssicher. Ich habe selbst Situationen erlebt, in denen das Netz überlastet ist. Dann ist der Empfang weg. Ich halte die Vorteile von DAB+ für beachtlich. Wenn wir auf die nächsten Jahrzehnte gucken, könnte das die technologische Lösung sein für die Zeit nach dem aktuellen Standard UKW – einer der letzten analogen Inseln – und dem, was dann möglicherweise irgendwann kommt.

Sie sprechen jetzt selbst von einer Zwischenlösung. Der Ausbau des DAB+-Netzes kostet 600 Millionen Euro. Ist es das wert?

Wir haben ja schon viel getan. Und selbst bei Privatsendern, die lange skeptisch waren, denkt man inzwischen über einen Einstieg nach. Ich sehe eine leichte Tendenz hin zu einer Einigung auf DAB+. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Standard kommt. Wichtig wird sein, dass das auch in Autos serienmäßig eingebaut wird. Ich selbst habe DAB+ im Auto und kann nur sagen: Das ist ein echter Zugewinn.

In der Medienwelt wird das Radio gern mal übersehen oder als Anachronismus belächelt. Auch deshalb wurde 2010 der Deutsche Radiopreis ins Leben gerufen, um senderübergreifend für größere Aufmerksamkeit zu sorgen. Ist der Plan aufgegangen?

Der Radiopreis hat sich stark entwickelt – als Gemeinschaftsleistung der Branche. Wir wollten 2010, dass er eine dauerhafte Institution wird. Es wäre misslich gewesen, wenn wir damals nur eine Stichflamme in den Himmel gejagt hätten, und dann wäre wieder Schluss gewesen. Ganz wichtig für die Glaubwürdigkeit ist, dass die vom Grimme-Institut gestellte Jury wirklich unabhängig arbeitet. Kein Programmdirektor oder Geschäftsführer mischt sich da ein. Und man kann ja wirklich nicht sagen, dass wir in Deutschland als Radio, das jeden Tag 60 Millionen Menschen hören, was Preise angeht an einer Übersättigung gelitten hätten – im Unterschied zu der Preisflut in anderen Mediengattungen. Insofern war die Etablierung des Radiopreises sehr attraktiv für Bewerber, Sender, Radiomacher, öffentlich-rechtliche wie private. Es gab eine Interessenssymbiose. Das hat dem Preis gutgetan.

Was wird bei der nächsten Verleihung am 7. September anders sein als sonst?

Wir gehen in die Elbphilharmonie. Wir waren sieben Jahre im Schuppen 52 am Südufer der Elbe in Hamburg und haben auf das Wachsen und Werden des Konzerthauses geschaut. Wir sind die erste große deutsche Gala, die da reingeht. Daraus ergibt sich auch ein etwas anders akzentuiertes Programm: Zu Beginn spielt die NDR Radiophilharmonie aus Hannover – gemeinsam mit drei der erfolgreichsten deutschen Popstars des Jahres: Wincent Weiss, Johannes Oerding und Adel Tawil. Nigel Kennedy wird ein Solo spielen – unverstärkt. Und ganz am Ende wird die Abba-Legende Benny Andersson am Klavier „Thank You For The Music“ spielen. Und wir haben eine erfreulich bunte Mischung von Laudatoren, dazu gehören Schauspieler Jan Josef Liefers, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und Comedian Michael Mittermeier. Aber es bleibt ein einmaliges Unterfangen: 2018 sind wir wieder im Schuppen.

Der Radiopreis würdigt Qualität – aber verstehen Sie, dass sich Menschen vom Formatradio abwenden, weil sie diese Dauerbespaßung, diese zwanghaft gute Laune nicht mehr ertragen?

Ich finde nicht, dass wir gerade eine Hochzeit des starr montierten Formatradios erleben. Ich finde eher, dass das Radio seine Überraschungseffekte, das nicht Planbare, das, was nicht in Stundenuhren eingefräst wird, wieder stärker ausspielt als noch vor einiger Zeit. Nehmen wir die Morningshow von Kuhlage und Hardeland bei N-Joy. Da wissen Sie zwar, was Sie musikalisch erwartet – aber nicht, was die beiden Protagonisten anstellen. Die Überraschungen und die personalisierte Ansprache – das ist das, was uns von Musikprogrammen unterscheidet, die Sie sich selbst zusammenstellen können. Und wir haben historische Bestzahlen bei NDR Kultur und NDR Info. Das zeigt, dass dieses Medium trotz ungeheurer Konkurrenz mitnichten tot ist.

Das zeigt auch, dass Hörer journalistische Angebote würdigen, also erarbeitete Qualität und nicht nur Berieselung. Die ARD ist beim Hörfunk genauso wenig auf die Quote angewiesen wie beim Fernsehen. Warum findet zum Beispiel Musikjournalismus trotzdem nur in der Nische statt?

Peter Urban läuft immerhin bei NDR2 – das ist nicht gerade unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Aber spätabends. Und er ist die letzte echte Popautorität des NDR. Da ist sonst niemand. Was machen Sie denn bloß, wenn er irgendwann wirklich aufhört?

Peter Urban ist eine besondere Autorität. Und vielleicht endet ja auch insgesamt die Zeit der ganz großen Autoritäten. Wichtig sind für uns Analyse, Orientierung, Einordnung. Ich glaube, da sind wir dem nicht unähnlich, was auch gute deutsche Regionalzeitungen leisten.

Allerdings sind Ihre Angebote im Netz schwer zu finden. Die Audiomediathek des NDR ist noch ein ziemlich rudimentäres Gebilde. Und sie ist nach Sendern sortiert! Was interessiert’s den Onlinehörer denn, ob ein Thema, das ihn interessiert, bei NDR1 Welle Nord oder NDR Kultur lief?

Wir werden für unsere journalistischen und künstlerischen Radioangebote in diesem Jahr noch ein Gemeinschaftsangebot der ARD präsentieren. Mit einer App – der „ARD-Audiothek“ – wollen wir die besten Wortinhalte aus unserem Programm bündeln. In dem Thema ist Bewegung drin. Details werden wir im Herbst vorstellen.

ARD und ZDF sollen den Ministerpräsidenten im September erklären, wie sie 400 Millionen Euro im Jahr einsparen sollen. Als Hörfunkchef sind Sie auch für die Orchester des NDR zuständig. Wenn von Streichungspotenzial die Rede ist, stehen die Orchester regelmäßig weit oben. Können Sie eine Bestandsgarantie für die nächsten zehn Jahre abgeben?

NDR-Intendant Lutz Marmor und ich haben eine Bestandsgarantie für die Musikensembles abgegeben für den Zeitraum, den wir absehen können. Wir haben zwei außerordentlich gute Symphonieorchester: die NDR Radiophilharmonie in Hannover und das NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg. Das gemeinsame Ziel von Lutz Marmor und mir ist, dass die Ensembles unter dem Dach des NDR auch im nächsten Jahrzehnt erhalten bleiben. Ich kann nur davor warnen, solche Orchester abschaffen zu wollen. Das wäre ein großer Verlust für die Kultur in Norddeutschland.

Von Imre Grimm/RND

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