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Nachrichten Medien Warum das Radio eine Zukunft hat
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15:37 05.06.2018
„Vinylplatten sind ja auch wieder im Kommen“: NDR-Hörfunkchef Joachim Knuth (l.) und NDR-Info-Leiterin Claudia Spiewak glauben fest an die Kraft des guten, alten Radios. Quelle: NDR
Hamburg

Das Radio hat es nicht leicht im modernen Medienzeitalter. Es gilt als altbackenes Nebenbeimedium für Charttpop und Zwangsbespaßung durch delirierende Morgenmoderatoren. Doch in der Nische erblüht der alte Rundfunk zu neuem Leben. Der Nachrichtensender NDR Info etwa feiert seinen 20. Geburtstag. Sein Sendekonzept galt 1998 als revolutionär: Nachrichten alle 15 Minuten, ein durchgetaktetes Zeitschema mit Rubriken für Wirtschaft, Sport, Regionales und Kultur. Dazu gibt es musikalische Liebhabereien und ein kulturelles Rahmenprogramm für Jazztraditionalisten und Hörspielfreunde. Ein Gespräch über Randgruppen, Newsjunkies und die digitale Zukunft des ältesten elektronischen Mediums der Welt.

NDR Info wird 20 Jahre alt. Das ist natürlich ein Grund zum Feiern. Trotzdem die Frage: Tagsüber Nachrichten, abends Jazz – wie passt das zusammen?

Joachim Knuth: Dieser Zweitakt ist das Besondere an diesem Programm. Tagsüber geht’s um Aktualität und Nachrichten. Und abends machen wir ja nicht bloß Jazz, sondern senden viel Verwandtes zum Inforadio: Kommentare, Glossen, ein Forum, das „Zeitzeichen“ als historische Aufarbeitung eines Stichtags, am Wochenende Features und Hörspiele. Und dazu kommen eben Jazz und Musikspezialitäten, die es anderswo nicht gibt. Wir sind in der deutschen Nachrichtenradiolandschaft bewusst ein Unikat. Und wir sind damit sehr gut gefahren: Wir haben die höchste Reichweite seit 1998.

Claudia Spiewak: Wenn uns Menschen abends einschalten, haben sie in der Regel auch Muße zum Zuhören. Da können wir mehr Vertiefung bieten als im Tagesprogramm. Wir gehen davon aus, dass abends, nachts und am Sonntag das Informationsbedürfnis nicht so kurz getaktet ist wie tagsüber.

„Der Jazz ist uns lieb und teuer“

Aber ist das nicht ein Trugschluss? Ihr Slogan heißt: „Wissen was die Welt bewegt“ – und nicht „Jazz, der die Welt bewegt“. Der News-Tag endet doch heute nicht mehr um 22 Uhr. Da gibt’s dann aber musikalische Liebhabereien.

Spiewak: Die Frage ist sehr nachvollziehbar. Aber es ist eben auch eine Entscheidung gegen das Primat des Formatradios. Formatradio würde ganz klar bedeuten: Viertelstündliche Nachrichten rund um die Uhr, 24/7. Wir entscheiden uns stattdessen für Vielfalt. Das gilt Inhaltlich wie formal. Sie werden bei NDR Info fast alle Genres finden, die Radio überhaupt zu bieten hat.

Vor allem am Wochenende aber wirkt NDR Info, als musste man 1998 eine Menge Traditionen vom Vorgängersender NDR 4 herüberretten. Haben Sie Sorge, die Jazz-Lobby zu erzürnen?

Knuth: Der Jazz ist uns lieb und teuer. Und er hilft uns auch, das Programm klar zu positionieren. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Jazzfreunden und Infofreunden. Aber Sie haben recht: Wir kommen aus der Tradition eines Einschaltradios. Das betrifft ja auch den „Ohrenbär“ für Kinder, der um 19.50 Uhr zwischen Nachrichten und der „Tagesschau“ mindestens einen so großen Bruch darstellt wie der Jazz. Aber das sind eben besondere Kanten, die wir uns leisten wollen. Kantig sein ist nichts Schlechtes. In den Anfangsjahren waren wir übrigens viel stringenter als heute, was die Formate angeht. Radio verändert sich. Und der Überraschungseffekt hebt uns eben ab von anderen. Bei uns gibt’s auch mal etwas, womit Sie, lieber Hörer, jetzt nicht gerechnet haben. Das wird im Radio immer wichtiger.

Joachim Knuth und Claudia Spiewak

Joachim Knuth (59) war beim NDR zunächst Referent des Intendanten Jobst Plog, ab 1995 arbeitete er für NDR 4, 1998 wurde er Wellenchef des neu gestalteten NDR Info. Seit 2008 ist er Hörfunkdirektor des NDR und Initiator des Deutschen Radiopreises. Claudia Spiewak (63) war Skandinavien-Korrespondentin des ARD-Hörfunks. Seit Januar 2008 ist sie Programmchefin von NDR Info und Chefredakteurin des NDR-Hörfunks.

Stichwort Anfangsjahre: NDR Info ging – damals noch als NDR 4 Info – am 2. Juni 1998 auf Sendung. Einen Tag danach geschah das ICE-Unglück in Eschede. Was bedeutete das damals für die Redaktion?

Spiewak: Ich saß an dem Tag am Mikrofon, ich war noch Moderatorin. Wir waren ja noch analog unterwegs damals. Das heißt: Wir haben Tonbänder in Acryl-Wäschekörben von A nach B getragen, bis zu 20 Stück pro Stunde. Darauf war mal ein kurzer Augenzeugenbericht, mal ein O-Ton oder ein Korrespondentenbericht, aber das meiste an diesem Tag war live.

Knuth: Das war eine immense Herausforderung. Wir hatten ja keinerlei Erfahrung mit einer permanenten Aktualisierung eines laufenden Programms bei einem solchen Ereignis. Es war eine dramatische, emotional sehr fordernde und harte Probe, die man sich nicht wünscht.

„Was niemand hört, das kann nicht relevant sein"

Was ist denn dem Start von NDR Info vorausgegangen? Gab es ARD-internen Widerstand?

Knuth: Wir hatten die Entscheidung im Sommer 1997 auf einer Hörfunkklausur getroffen. Der Grund war: Wir waren mit dem damaligen Einschaltprogramm NDR 4 leidlich erfolglos. Wir lagen in der Tagesreichweite bei knapp über einem Prozent. Alle wussten: Das ist ein teures Programm mit vielen Mitarbeitern und relativ wenig Relevanz und publizistischem Gewicht. Wir mussten also etwas tun. Der Wandel hin zum neuen Schema mit Nachrichten alle 15 Minuten war natürlich radikal. Es gab vorher tagsüber Magazine mit ganz unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, es gab Features, wir hatten Kollegen, die aus der Schulfunktradition kamen. Und die mussten und wollten wir alle in dieses neue Schema integrieren. Das war viel Überzeugungsarbeit. Aber es war auch klar: Wenn wir das Programm erhalten wollen, müssen wir etwas verändern. Zur Relevanz gehört eben auch ein Publikum. Was niemand hört, das kann nicht relevant sein.

Spiewak: Viele fragten damals: Werden wir, wenn wir ein so schnell getaktetes Informationsradio machen, an Tiefe und Substanz verlieren? Um genau das zu verhindern, haben wir die Fachredaktionen erhalten. Das war entscheidend. Die sind jetzt noch wichtiger als vorher. Sie arbeiten eben nur nicht mehr allein auf eine Sendung zu, die irgendwann Ende der Woche läuft, sondern ordnen das Geschehen je nach Anlass zum Beispiel aktuell im Studio ein. Es ist also schon ein Formatradiosender, aber eben einer mit Gehalt.

Zum Start hatte NDR Info einen Tagesreichweite von 1,1 Prozent, jetzt sind es 4,9 Prozent.

Knuth: Die Gesamtzahlen sind interessant: 657.000 Hörer schalten täglich bundesweit mindestens einmal ein. Das ist der bisher höchste Wert.

Das sind umgerechnet 30.000 Hörer in der Stunde. Reicht Ihnen das?

Knuth: So darf man nicht rechnen.

Spiewak: Das wäre Werbereichweitendenken.

Knuth: Das verteilt sich in mehrere Ballungszeiträume über den Tag. Wir sind mit mehr als 650.000 Hörern sehr zufrieden, und die hören ja im Schnitt gut eineinhalb Stunden!

Die Schwankungen im NDR-Gebiet sind stark. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum in Schleswig Holstein 6,9 Prozent und in Hamburg 6,2 Prozent der Radionutzer NDR Info hören und in Mecklenburg-Vorpommern nur 2,4 Prozent, Tendenz stark sinkend?

Spiewak: Das Hamburger Umland spielt eine große Rolle. Viele pendeln aus Schleswig-Holstein nach Hamburg. Und bei allen Infoprogrammen gilt: Ihr Publikum ist unter Städtern besonders groß.

In Niedersachsen liegt die Tagesreichweite von NDR Info bei 4,3 Prozent, Tendenz steigend.

Knuth: Sehr erfreulich! Das zeigt: Ein sehr guter Markt für uns, nicht nur in Hannover.

Der Durchschnittshörer ist männlich und 52 Jahre alt

Wer hört überhaupt Nachrichtenradio? Wie sieht ihr Durchschnittshörer aus? Sind das alles Journalisten auf dem Weg zur Arbeit?

Spiewak (lacht): Nein, da müssen bei 650.000 Hörern noch ein paar andere dabei sein. Einige unserer Hörer sind in der Tat überdurchschnittlich informationsinteressierte sogenannte Multiplikatoren und Meinungsführer, die aufgrund ihrer Stellung oder Profession in besonderem Maße informiert sein müssen und wollen. Dazu kommen aber auch sehr viele Menschen, die einfach so ein besonderes Interesse haben, gut informiert zu sein. Der NDR-Info-Hörer ist im Schnitt 52 Jahre alt, eher männlich als weiblich und wohnt in einem urbanen Umfeld.

Sie sprachen die Fachredaktionen an. Könnten Sie nicht möglicherweise mehr Hörer haben, wenn Sie den Kulturbegriff etwas erweitern würden über Literatur, Theater und Film hinaus? Nicht nur Belletristik oder Fernsehtipps aus dem eigenen Kosmos, sondern auch mal Graphic Novels, neue Netflix-Serien?

Spiewak: In der Kultur ist sicher noch Luft nach oben, auf jeden Fall. Nichts ist ja in Kulturredaktionen so umstritten wie der Kulturbegriff. Neue Serien besprechen wir seit einiger Zeit gelegentlich, wir verlassen auch zunehmend die Sphäre des öffentlich-rechtlichen Kosmos‘, weil alles andere ja tatsächlich beschränkt wäre. Wir probieren gerade aus, was uns über den traditionellen Kanon hinaus noch beschäftigen kann.

Knuth: Dehnung und Weitung sind nicht nur für die Kultur wichtig, sondern auch für Politik, Wirtschaft und Sport. Wir können nicht mehr bloß abbilden, was ist, sondern sollten Hintergründe liefern, Personalisierungstendenzen hinterfragen oder die großen Sportprobleme beleuchten wie Korruption und Doping. Aber es bewegt sich schon viel. Als wir 1998 anfingen, waren wir zum Beispiel von Comedy und Satire Lichtjahre entfernt – und das ist heute ein verlässlicher, hoch nachgefragter und sehr beliebter Bestandteil unseres Inforadios.

Das Radio hat es nicht leicht im Medienreigen. Instagram, Snapchat, Selfies, iPhone-Clips – die Bedeutung von Bildern nimmt im Netzzeitalter stetig zu. Das Radio behauptet sich trotzdem. Woran liegt das?

Knuth: Wir sind immer dann besonders stark, wenn das Auge gebunden ist. Und es ist häufig gebunden, nicht nur beim Autofahren. Deshalb gibt es derzeit eine kleine Renaissance des Radios und des Hörens insgesamt, die auch dazu führt, dass so viele Anbieter auf Podcasts setzen. Wir sind als Medium heute stärker, als wir es noch vor zehn Jahren dachten. Wir sind ausgesprochen vital. Das hat mit dem Boom des Hörens zu tun. Manche sagen ja schon: Hören ist das neue Lesen. Das wertet trotz der aktuellen Bilderflut auch das Radio und Audioangebote insgesamt wieder auf. Und unser Anspruch ist heute nicht mehr, dass wir die die Schnellsten sind. Das erledigen die Pushmeldungen auf dem Smartphone. Unser Anspruch ist heute: Wir wollen erklären, einordnen und analysieren, was hinter der Nachricht steckt.

„Wir wollen wieder mehr Livereportagen machen“

Die große Stärke des Radios, sagen Radiomacher seit jeher, sei es, sehr schnell live senden zu können. Warum gibt es dann trotzdem – außer im Sport – so wenige Livereportagen?

Spiewak: Bei unserer Geburtstagstour durch den Norden haben wir genau das gerade getan. Wir sind in mittelgroße Städte gefahren und haben live vom Marktplatz gesendet, aus Heide, Wismar oder Cuxhaven. Im Inforadio ist das zurzeit aber tatsächlich nicht sehr verbreitet. Wir wollen aber versuchen, Livereportagen wieder zu einem prägenden Merkmal zu machen. Das ist absolut sinnvoll und notwendig. Dieser Reiz, wirklich live dabei zu sein, ist schon eine besondere Qualität von Radio.

Knuth: Zum Echtzeitjournalismus gehört dann aber auch die Ehrlichkeit, zuzugeben, dass man als Reporter eine Frage auch einmal nicht beantworten oder ein Ereignis nicht bewerten kann. Wir müssen mit der Unvollständigkeit des eigenen Wissens aufrichtig umgehen.

Was ja für alle Medien gilt.

Knuth: Das stimmt. Es ist aber besonders wichtig, wenn Sie live auf Sendung sind.

Lange Zeit gab es beim Formatradio den Traum vom durchgehenden, aufregungslosen und unterbrechungsfreien Geräuschteppich. Man wollte Ausschaltgründe eliminieren statt Einschaltgründe zu schaffen. Heute sind die Radiowelten fein sauber aufgeteilt: hier die Musik für die Massen, dort das Wort für eine Minderheit. Ist das nicht eine Art Kapitulation des Mediums Radio?

Knuth: Ich sehe das anders. Ich finde, dass wir Wort und Musik zum Beispiel bei NDR2 ganz gut verbinden. Wir trauen uns da Dinge, die wir uns vor zehn Jahren noch nicht getraut hätten. Zum Beispiel machen wir einmal die Woche abends von 19 bis 20 Uhr eine Schwerpunktsendung zu einem Thema. Da packen wir viel mehr Wort rein, als es die sogenannte Formatuhr erlauben würde. Wir gehen auch am Samstagnachmittag bei der Bundesliga in die Vollen. Außerdem versorgen wir die Zielgruppen der sogenannten Massenprogramme ja auch mit für sie relevanten Kulturangeboten – mit Film-, Musik- und Büchertipps etwa, allerdings gleitend über den Tag und nicht in Rubriken. Ein Teil der Radiokunst ist es ja, Menschen etwas zu bieten, das sie nicht gesucht haben, ohne dass sie abschalten. Unsere große Chance ist der Überraschungseffekt. Aber es muss hochwertig, raffiniert und intelligent gemacht sein.

„Machen Sie das Grammophon nicht so schlecht“

A propos intelligent: Kann es sein, dass die Hörerschaft von Informationsprogrammen auch deshalb wächst, weil erwachsene Hörer von der Zwangsbespaßung und der permanenten guten Laune im Popradio zunehmend genervt sind?

Knuth: Das würde ja bedeuten, dass – Ihren Ansatz zu Ende gedacht – wir beispielsweise bei NDR2 gegen Verluste anarbeiten müssten. Das ist nicht der Fall. Das Programm ist eine unverändert starke Marke mit hoher Reichweite. Radiohörer sind sehr markentreu. Ein Hörer schaltet laut jüngster Media-Analyse im Schnitt pro Tag 1,6 Programme ein – es gibt also kaum Zapping wie beim Fernsehen. Viele haben ihren Lieblingssender und dazu eine komplementäre Ergänzung, die sie gelegentlich nutzen, also etwa einen Popsender und NDR Info für die Nachrichten zwischendurch. Große dauerhafte Wanderbewegungen sehe ich nicht.

Wie groß ist denn die theoretische Zielgruppe für ein Infoprogramm wie NDR Info?

Knuth: Wir haben immer gesagt: Eine Fünf vor dem Komma wäre für NDR Info in einem flächigen Sendegebiet wie dem des NDR sehr gut. Wir haben nur zwei Großstädte, die mehr als 500.000 Einwohner haben, nämlich Hamburg und Hannover. Jetzt sind es 4,9 Prozent.

Was ist denn nach dem formatierten Pop-Radio der nächste große, globale Radiotrend? In der Hierarchie der Medien gilt das Radio ja inzwischen als eine Art Grammophon, Innovation ist seine Stärke nicht.

Knuth: Machen Sie das Grammophon nicht so schlecht, Vinylplatten sind ja auch wieder im Kommen. Und wir Radioleute sind zuversichtlich, dass uns permanent etwas Neues einfällt. Zwei Beispiele: Wir spüren, wie groß die Nachfrage nach Podcasts ist, und liefern eine Vielzahl von Angeboten – etwa mit einer neuen Reihe unserer eigenen Korrespondenten in Neu-Delhi oder Singapur, die sehr persönlich über ihre Arbeit und ihr Leben berichten. Noch ein neuer Ansatz bei uns ist der sogenannte „Contructive Journalism“ – wir beleuchten also nicht nur die Krise, sondern versuchen mit großem Rechercheaufwand, Lösungsansätze zu finden. Dies journalistisch sauber aufzuarbeiten, ohne zu einem Abnicker oder Schönredner zu werden, ist die große Herausforderung.

„Aggressiver Haltungsjournalismus ist nicht unser Weg“

Spiewak: Aber die ganz große neue Idee für linear ausgestrahltes Radio kann es nicht geben – weil in diesem Stück Schnee schon alle Spuren gefurcht sind. Talk? Machen wir ja. Ereignisberichterstattung? Kann man nicht 18 Stunden am Tag anbieten. Und das amerikanische Modell mit aggressivem Haltungsjournalismus bis hin zu Provokationsagenten, die nichts anderes tun, als den Hörern links und rechts eine zu scheuern? Das ist nicht unser Weg. Unsere große Aufgabe wird es sein, die Stärken des Radios ins Netz zu transportieren.

Das führt automatisch zum Thema DAB+, dem digitalen Nachfolger des UKW-Radios, für den Sie massiv trommeln. Der Ausbau kostet 600 Millionen Euro, Millionen Hörer brauchen neue Radiogeräte. Ist DAB+ nicht eine Art künstliche Lebensverlängerung? Sollte man die Maschinen nicht einfach abschalten und akzeptieren, dass die Zukunft Internetradio heißt?

Knuth: Gegenrede: Die Zahl der DAB+-Geräte im Markt wächst. Wer einmal DAB+ hört, bleibt dabei. Wir werden die Nutzung sehr bald genau messen können. Aber über ein genaues Abschaltdatum für das UKW-Netz zu reden, das ist derzeit kontraproduktiv, dafür muss die Marktsättigung mit DAB+-Geräten noch höher sein.

Da könnte die Autoindustrie helfen. Die wird ohne politischen Druck aber kaum freiwillig DAB+-Chips in ihre fabrikneuen Modelle einbauen.

Knuth: Die Zahl der Autohersteller, die DAB+ in ihre Neuwagen einbauen, wächst, weil die Nachfrage wächst. Es gibt gute Gründe, sich jetzt nicht in die Ecke zu setzen und zu sagen: Das wird nichts mit DAB+. Es geht nicht um eine Brückentechnologie für fünf Jahre, wir sprechen hier von mehreren Jahrzehnten. Ich bin überzeugt, dass es parallel verschiedene Ausspielwege geben kann: eine digitale Terrestrik mit eigenständigen Geräten, die man auch anfassen kann, und dazu Streams im Netz.

Dafür müssten Sie aber erstmal die private Radiokonkurrenz ins DAB+-Boot holen. Die ist mehrheitlich nicht begeistert von der Aussicht, noch einmal Millionen in eine neue Plattform parallel zum Internet zu stecken.

Knuth: Da gibt’s schon einige, die dabei sind. Die Privatradiowelt ist in dieser Frage ja auch nicht monochrom unterwegs. Es gibt Gruppen mit großem Interesse, die bereits investieren. Und viele Kollegen sagen: Der „Point of no return“ ist schon überschritten.

„Kann mir nicht vorstellen, auf welchen Sender wir verzichten sollen"

Kein Zurück gibt’s auch in Hamburg-Lokstedt, wo der NDR einen gemeinsamen Nachrichtenstandort für Hörfunk, Fernsehen und Onlinemedien plant, der 2020 seinen Betrieb aufnehmen soll. Was ist das Ziel?

Knuth: Wir denken, dass wir gemeinschaftlich stärker sind. Wir glauben, dass durch solche Formen von Vernetzung eine Gestaltungskraft entsteht, die über das hinausgeht, was jedes Programm und jede Redaktion einzeln für sich selbst erreichen kann.

Die ARD steht derzeit heftig unter Reformdruck. Die unabhängige Finanzkommission KEF und die Politik werfen Ihnen mangelnden Sparwillen vor. Fürchten Sie, dass im Zuge dieser Kritik einer der 64 Radioprogramme der ARD geopfert werden könnte?

Knuth: Ich kann das für den Norden beantworten. Der NDR ist für vier Bundesländer zuständig. Wir haben für diese Bundesländer vier Zentralprogramme und je ein Landesprogramm. Das heißt: Wir verfügen für vier Länder über acht Radioprogramme. Ich kann mir nicht vorstellen, auf welchen Sender wir da verzichten sollen. Mindestens 50 Prozent der Inhalte in unseren Zentralprogrammen machen wir spezifisch für den Norden und aus dem Norden. Diese Grundversorgungskraft zu erhalten hielte ich für eine gute Idee.

Von Imre Grimm

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