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Nachrichten Medien Warum RTL in der Krise steckt
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15:42 30.05.2018
Ratloser Moderator: Es gab eine Zeit, da bekam Günther Jauch jedes Mal den Grimme-Preis, wenn er mal seinen Studiohocker verließ. Heute wirkt „Wer wird Millionär?“ ebenso in die Jahre gekommen wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Supertalent“, „Der Bachelor“ oder „Bauer sucht Frau“. Quelle: Foto: RTL
Köln

Ein Mensch stellt Fragen und guckt unverbindlich. Ein Mensch antwortet. „Wie heißt eine beliebte deutsche Jägerzeitschrift? A: Ungezähmt und Reh; B: Feurig und Bock; C: Wild und Hund oder D: Enthemmt und Eber?“ Die Auflösung gibt’s nach der Werbung. Schmunzeljauch. Musik. Verschmitztes Grinsen. Dadadadadadada-dumm. Richtig ist C. So geht das seit knapp zwei Jahrzehnten.

Kaum zu glauben, dass diese Show mal das halbe Land elektrisiert hat. „Deutschland im Ratefieber“, jubilierten die Zeitungen 1999. „Wer wird Millionär?“ war ein nationales Phänomen der Nullerjahre. Nervöse Grundschullehrer, die sich schon bei der zweiten Frage blamierten, lösten Bildungsdebatten aus. Bis zu 30 Millionen Menschen sahen Woche für Woche Günther Jauchs Show – freitags, sonntags und montags addiert. Heute ist es noch ein Sechstel. Der Sender melkt seine alte Kuh „WWM“ unverdrossen mit zahllosen Blind-Date-, Zwillings-, Winnetou-, Zocker-, Highspeed-, Lehrer-, Weihnachts-, Undercover-, Vereins-, Klugscheißer-, Prominenten- und Zweite-Chance-Specials. Aber nichts, wirklich gar nichts ist mehr aufregend, überraschend oder ungewöhnlich am angejahrten RTL-Millionenspiel.

Selbst der alternde Quizmaster wirkt amtsmüde. „Im nächsten Jahr hätten wir die 20 Jahre voll“, sagte Jauch im Frühjahr der „Bild am Sonntag“. „Das hätte schon was. Bei ‚Stern TV’ habe ich die 20 auch geschafft.“ Deutet sich da ein Abschied an?

Das Fernsehgold von gestern

„Wer wird Millionär?“ steht beispielhaft für eine lange Reihe von Zombie-Shows bei RTL, deren Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist. Wie tapfere, angejahrte Hollywood-Diven mit falschen Wimpern und Kunsthaarperücken ziehen sie unverdrossen ihre Kreise, weil Ihnen niemand die Wahrheit sagen mag: Sorry, es ist vorbei. Der Sender klammert sich mangels frischer Ideen an das Fernsehgold von gestern. Jedes Steinzeit-Format, das auch nur ein Zehntelprozentchen über dem bröckelnden Senderschnitt liegt, behält seinen festen Platz im Sendeschema der Kölner. RTL sieht dadurch streckenweise aus wir sein eigener Nostalgie-Ableger RTL plus.

Beispiele: „Schwiegertochter gesucht“ ist inzwischen elf Jahre alt, „Let’s Dance!“ zwölf Jahre, „Bauer sucht Frau“ 13 Jahre, das Dschungelcamp „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ 14 Jahre, „Die ultimative Chartshow“ sogar 15 Jahre. Frauke Ludowigs Klatschmagazin „Exclusiv“ lief erstmals 1994, ebenso Birgit Schrowanges Montagsmagazin „Explosiv“. Das sind 24 Jahre. „Alarm für Cobra 11“ startete 1996, die Vorabend-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gar schon 1992. Alter ist kein Problem für Nachrichtenformate wie „heute“, „RTL aktuell“ oder „Tagesschau“. In der Unterhaltung aber ist Stillstand heute gefährlich.

Der Marktanteil schrumpft seit Jahren

Denn erstens erstarkt die milliardenschwere globale Entertainment-Konkurrenz mit Amazon Prime, Sky, Netflix, Youtube & Co. Und zweitens steckt das Geschäftsmodell des werbefinanzierten Fernsehens ohnehin in der Krise.

Auch Sat.1 muss kämpfen

Nicht nur RTL hat ein Innovationsdefizit: Auch Sat.1 droht in der Irrelevanz zu versacken. Im Unterschied zu RTL verfügt der einstige „Kommissar Rex“- und Harald-Schmidt-Sender nicht mal über gealterte Erfolgsformate, aus denen er noch letzten Honig saugen könnte. Zu den jüngsten Sat.1-Neuerungen gehören das Tauschexperiment „Plötzlich arm, plötzlich reich“, in dem Schlossbesitzer in den Plattenbau ziehen, und die von Lutz van der Horst moderierte Senioren-Datingshow „Hotel Herzklopfen“.

Der Marktanteil von RTL im Gesamtpublikum schrumpfte zwischen 2011 und 2017 von 14,1 auf 9,2 Prozent. In einer kosmetischen Hauruck-Aktion erweiterte man 2013 die werberelevante Zielgruppe von 14- bis 49-Jährigen auf 14- bis 59-Jährige. Der Grund: Das Durchschnittsalter der RTL-Zuschauer lag bereits bei 47 Jahren. Seit 2012 geht es beim werberelevanten Publikum bergab: Zuletzt lag der RTL-Marktanteil hier bei 12,2 Prozent. Immer mehr kleine Sender und immer mehr Zuschauer, die es zu den Streamingdiensten zieht – das macht allen großen analogen Sendern zu schaffen. Die acht großen deutschen Vollprogramme erreichten 2017 zusammen nur noch einen Jahresmarktanteil von 56,4 Prozent – das sind 3,3 Prozentpunkte weniger als 2016. In der Werbezielgruppe sind es noch 60,1 Prozent, 3,7 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Beides sind Negativrekorde.

Zwangswerbung auch in der Mediathek

Das analoge Privatfernsehen hat nur eine Überlebenschance: originäre Eventshows, die für Zuschauer flexibel und transparent zugänglich sind. Stattdessen gibt’s Formate aus dem Fernsehholozän, nicht vorspulbare Festplattenrecorder-Aufnahmen und Zwangswerbung selbst in der hauseigenen Mediathek TV NOW, für deren Sender-Livestreams auch noch 2,99 Euro im Monat fällig sind. Werbeblöcke statt Bingewatching? Das alles wirkt so, wie RTL in seiner wilden Jugend auf Teufel komm raus nicht wirken wollte: gestrig. Wie ein Expunk auf dem Treppenlift. Beim Sender sieht man das naturgemäß anders: „Die erfolgreiche Weiterentwicklung von TV-Sendungen ist eine hohe Kunst des Fernsehmachens“, sagt RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer. „Diese Kunst beherrschen wir besser als andere.“ Keines der langlaufenden Erfolgs-Formate sehe heute noch so aus wie zum Start.

Und dennoch: „Deutschland sucht den Superstar“ etwa, die germanisierte Ausgabe der Lizenzshow „Pop Idol“, startete im Jahr 2002. Zu einer Zeit also, als es noch Telefonzellen gab. 12,8 Millionen Menschen sahen das Finale der ersten Staffel – damals noch in der naiven Annahme, dass Dieter Bohlens Dilettantendiffamierung tatsächlich einen Star gebären könnte. Seither hat der Tötenser Kinderbeschimpfer mit wechselnden Schmuckblondinen an seiner Seite die Jugend des Landes flächendeckend erniedrigt und 15 „Superstars“ generiert, die letzte Pophoffnung vor vier Wochen – eine 16-Jährige, deren Name schon Geschichte war, als das Glitzerkonfetti den Studioboden noch nicht erreicht hatte. Ein bronzebrauner Achtziger-Jahre-Macho bimst zitternden Geschöpfen den popkulturellen Neoliberalismus ein? Das ist so weit weg vom Zeitgeist wie Sat.1 von der Marktführerschaft.

TV-Tricks aus der Mottenkiste

Jeder, der sich nur halbwegs in einem Rhönrad halten oder halbnackt auf Rollschuhen zu „Bolero“ Sandbilder malen kann, dürfte sich in der Krawallparade „Das Supertalent“ schon dem Votum der überzuckerten Jury und der bezahlten Claquere im Publikum gestellt haben. Der elf Jahre alte Jahrmarkt-Mix aus miesen Zirkusnummern, Bodenturnen in Latex und holprigen Gesangsversuchen nutzt alle Tricks aus der TV-Pathos-Mottenkiste (künstlicher Herzschlag!). Nur noch 3,37 Millionen Menschen sahen das Finale der elften Staffel. Trotzdem laufen gerade die Castings für Staffel Nummer zwölf. Und dass die Lästersause „Der Bachelor“ ein hitzig diskutierter Aufreger war, ist auch schon ein paar Tage her: Die RTL-Kuppelshow läuft seit 2003, das US-Original seit 2002. Bitter für RTL: Die innovativeren Formate laufen inzwischen bei der kleinen Senderschwester Vox – die Start-up-Parade „Die Höhle der Löwen“ etwa oder die Popshow „Sing meinen Song“.

„Wir wollen unseren Zuschauern Inhalte anbieten, die sie nur bei uns bekommen, damit sie sich – trotz immer mehr Angebot, ob werbefinanziert oder kostenpflichtig – weiter für uns entscheiden“, sagt Eickmeyer. Die RTL-Relikte allerdings stammen fast alle aus den Nullerjahren, als es im Privatfernsehen vor allem zwei Erfolgsrezepte gab: Erstens die Illusion von Transparenz bei der Stargenese (Casting). Und zweitens das zynische, nur mühselig als „Lebenshilfe“ bewimpelte Vorführen bedauernswerter Geschöpfe, um dem hämenden Zuschauer ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen (Reality-TV). Über beide Rezepte ist die Zeit hinweggeweht. Ende Juni will RTL seine Neuheiten für die TV-Saison 2018/19 vorstellen.

Von Imre Grimm

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