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Nachrichten Medien Vom Wahren zur Ware: Wie RTL auf die Fernsehwelt abfärbte
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16:45 16.10.2017
Zur Neuausrichtung des Sender gehörte auch „Hans Meiser“, die erste tägliche Talkshow. Quelle: RTL
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Berlin

In der deutschen TV-Historie kommt dem Jahr 1992 eine besondere Bedeutung zu. Etwas pathetisch könnte man feststellen: Dies war das Jahr, in dem das Fernsehen hierzulande seine Unschuld verloren hat. Vier Jahrzehnte, nachdem die Gründerväter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks das Erste Deutsche Fernsehen zum Hort des Wahren Schönen Guten erklärt hatten, reduzierte RTLplus das Medium auf seinen Warencharakter.

Natürlich wollten die Privatsender auch vorher schon Geld verdienen, aber erst Marc Conrad sorgte dafür, dass das Programm diesem Ziel rigoros untergeordnet wurde. Der Luxemburger hatte sich vom Praktikanten zur rechten Hand von Helmut Thoma hochgearbeitet.

Er verordnete RTLplus 1992 als neuer Programmdirektor eine Radikalkur „und richtete den Sender konsequent nach dem Vorbild kommerzieller amerikanischer Vorbilder aus“, erinnert sich Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger. Conrads Konzept sah vor allem die Durchformatierung der Programmstruktur vor.

Der Sender warb in jener Zeit mit dem Bonmot „RTL hat etwas für das Fernsehen völlig Neues entdeckt. Den Zuschauer.“ Kunde und somit auch König war jedoch nicht das Publikum, sondern die werbetreibende Wirtschaft, weshalb Conrad beispielsweise die beliebte Gameshow „Der Preis ist heiß“ aus dem Vorabend in den Vormittag verbannte. Der Programmdirektor, erläutert Hallenberger, „wollte den Werbekunden Zielgruppen garantieren, die jünger waren und mehr frei verfügbares Geld hatten als die Fans des Klassikers mit Harry Wijnvoord.“ Entscheidender für den Erfolg sei jedoch die Berechenbarkeit gewesen: „Dank Conrads Vereinheitlichung des Programms wussten die Zuschauer fortan genau, was sie wann zu erwarten hatten; und das an jedem Tag.“

Die Maßnahmen des Luxemburgers betrafen nicht nur die Struktur, sondern auch den Namen: Seit dem 31. Oktober 1992 heißt RTLplus offiziell RTL Television. Darüber hinaus hat kaum ein deutscher Programmdirektor in seinem Sender auch inhaltlich derartig Spuren hinterlassen wie Conrad. 1992 startete mit „Notruf“ eins der ersten Reality-Formate, mit „Gottschalk Late Night“ die erste Nachtshow nach US-Vorbild, mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ die erste industriell produzierte und täglich ausgestrahlte Serie sowie mit „Hans Meiser“ die erste tägliche Talkshow.

„Partizipativ“ nannte die Medienforschung diese neue Form von Gesprächsfernsehen. Zum ersten Mal, so Hallenberger, waren die Talkshowgäste keine Prominenten oder Experten, sondern Menschen aus der Nachbarschaft: „Die Sendungen hatten nichts mehr mit höflichem Austausch zu tun; es ging vor allem um Randale. Die gewünschte Zuschauerreaktion war nicht ‚So hab’ ich das noch nie gesehen’, sondern ‚Schlagt euch!’“

Ähnlich rührig wie Conrad war in dieser Zeit allein Günter Struve, der als ARD-Programmdirektor dafür sorgte, dass das Erste fleißig imitierte, was bei RTL Erfolg hatte; wenn auch mit gewisser Verzögerung. Ab Januar 1994 zeigte die ARD mit „Brisant“ (MDR) das erste öffentlich-rechtliche Boulevardmagazin, ab Februar erforschte Pfarrer Jürgen Fliege jeden Nachmittag die Abgründe des menschlichen Daseins. Die Vorabendserie „Marienhof“ wurde in eine „Daily Soap“ umgewandelt und ab Januar 1995 im täglichen Doppelpack mit „Verbotene Liebe“ ausgestrahlt. Gleichzeitig distanzierte sich das Privatfernsehen in den Neunzigern von seinen krawalligen Anfängen. Zuvor hatte sich der Sender bewusst vom hoheitlichen öffentlich-rechtlichen Fernsehen absetzen wollen und daher Programmfarben bevorzugt, die bei ARD und ZDF keine Chance hatten, darunter die legendäre Tortenshow „Alles Nichts Oder?!“ mit Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder (1988 bis 1992) oder die Erotikshow „Tutti Frutti“ (1990 bis 1993). Nun setzte RTL auch mit der Satiresendung „RTL Samstag Nacht“ (1993 bis 1998) neue Maßstäbe.

Wechselseitige Anpassungen gab es auch bei den Nachrichten. „Tagesschau“ und „heute“ wurden etwas bunter, „RTL aktuell“ wurde seriöser, zumal Peter Kloeppel, seit 1992 Chefmoderator der Sendung, nie im Verdacht stand, Effekthascherei zu betreiben.

Dank Conrads Wirken ist RTL seit 1992 ununterbrochen Marktführer im Segment der für die Privatsender relevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren.

Von Tilmann P. Gangloff/RND

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