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Medien Trotz und Vorurteil: Starke neue Netflix-Serie
Nachrichten Medien Trotz und Vorurteil: Starke neue Netflix-Serie
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15:55 10.05.2017
Eine Art Pippi Langstrumpf des Fin de Siècle: Szene aus der Serie „Anne with an E“ mit Amybeth McNulty. Quelle: Foto: Marvin Moore
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Berlin

Ein Reiter galoppiert am Strand entlang der Sonne entgegen. Der Wind weht, das Meer wogt, die prächtige Steilküste erstrahlt im Klang saftiger Geigen – wer sich seiner Programmauswahl an diesem Punkt des Abends unsicher ist, könnte glatt meinen, bei Inga Lindström gelandet zu sein oder Rosamunde Pilcher. Doch was hier läuft, ist nicht das ZDF, sondern Netflix. Der Reiter reitet zudem weder durch Südschweden noch durch Cornwall, sondern durch Prince Edward Island im Osten Kanadas. Und das Pferd trägt auch keinen Lover zur Liebsten, sondern den gramzerfressenen Matthew Cuthbert durchs entbehrungsreiche Leben des Jahres 1890.

Tolle Landschaftsaufmachungen sind eine Stärke der Serie. Quelle: Netflix

Zu dieser Zeit spielt eine Serie, die nur ganz zu Beginn an öffentlich-rechtliche Naturschauspielschnulzen erinnert. Gleich danach entfaltet sie eine Dramaturgie, die weit mehr will, als schöne Menschen bei schönem Wetter auf dem schönen Weg ins Happy End zu zeigen. Es geht um ein Waisenmädchen namens Anne, das nach schlimmer Kindheit bei einer alten Jungfer und ihrem Bruder landet. Die Odyssee der 13-Jährigen durch lieblose Kinderheime und Gastfamilien könnte also endlich ein Ende haben. Doch weil Matthew und Marilla Cuthbert einen Jungen geordert hatten, der auf ihrer Farm mit anpacken soll, scheint Annes Traum von einem echten Zuhause jäh zu platzen. „Ich kann mir vorstellen, dass ich schon jetzt eine Enttäuschung bin“, sagt sie, als ihr der abermalige Abschied droht, und hier könnte die Geschichte fast schon wieder vorbei sein.

Doch Lucy Maud Montgomerys Bestseller sah schon 1908 etwas anderes vor als die übliche Jugendliteratur jener Tage. „Anne of Green Gables“ nämlich, wie die Geschichte im Original heißt, lässt sich nicht unterkriegen. Verbissen kämpft der Teenager zu einer Zeit um Anerkennung und Liebe, um Abgrenzung und Akzeptanz, als die kurze Kindheit noch nahtlos ins vielfach freudlose Erwachsenendasein überging. Seit 1919 ist diese Coming-of-Age-Story mindestens sechsmal verfilmt worden. Doch nie zuvor wurde sie so nüchtern und zugleich so empathisch von allem Süßstoff befreit wie unter Regisseurin Niki Caro („Whale Rider“) nach einem Drehbuch der Emmy-Gewinnerin Moira Walley-Beckett („Breaking Bad“).

In „Anne with an E“, so stellt sie sich ihrer neuen Gastfamilie naseweis vor, kreieren die zwei Showrunnerinnen nämlich eine Art Pippi Langstrumpf des Fin de Siècle, die sämtliche Höhen und Tiefen der Pubertät durchleben darf, als der Begriff noch allenfalls bei Medizinern Verwendung fand. Dass er seiner Epoche dennoch nicht bloß übergestülpt wurde, liegt vor allem an Amybeth McNulty.

Ganz allein auf der Welt: Szene aus „Anne with an E“. Quelle: Marvin Moore/Netflix

Die rothaarige Schauspielerin mit dem blutarmen Teint verleiht ihrer Titelfigur einen anlehnungsbedürftigen Trotz, der angenehm nostalgisch wirkt, zugleich aber sehr gegenwärtig. All die köchelnde Wut über den zeitgenössischen Lauf einer ignoranten Welt ist dabei ebenso authentisch wie Annes tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit. Und da beides im Alter des hormonellen Umbruchs permanent miteinander ringt, wandelt jeder Konflikt mit der strengen Marilla (Geraldine James) oder mit sich selbst unablässig am Rande der Eskalation – die nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Als ihr Pflegevater (R. H. Thomson) die Ausreißerin im Pilotfilm fern der Farm auf einem Bahnhof findet, weist sie ihn lautstark mit „Ich bin meine eigene Familie jetzt, und ich bin alles, was ich brauche“ zurück, springt jedoch freudestrahlend in seine Arme, als er sie erstmals „meine Tochter“ nennt. Weil sie das aber nur formell, nicht biologisch ist, müssen sich beide fortan gemeinsam mit den Vorurteilen ihrer Nachbarschaft auseinandersetzen, die das Waisenkind mehr oder weniger ablehnt.

Damit liegt „Anne with an E“ ungefähr mittig zwischen der Serienlegende „Unsere kleine Farm“, die vor 33 Jahren das Thema Familienglück trotz Weltwirtschaftskrise unterhaltungstauglich gemacht hat, und den zahllosen Adaptionen von Oliver Twist, bei denen der Fokus meistens stärker aufs Elend seines Zeitalters gelegt wurde. An den Rändern von allzu heiler und arg kaputter Welt darf Anne Shirley, die sich bald Cuthbert nennt, nun viele jener Facetten des Erwachsenwerdens ausloten, die das Kinderfernsehen ansonsten gern weglässt. Und mit Jungs kriegt sie es natürlich auch bald zu tun – in dieser sehr leichtfüßigen und dabei oft tiefgründigen Serie übers Leben eines Teenagers, der keiner sein darf

Von Jan Freitag

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