Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Medien Tommie Smith und eine gereckte Faust
Nachrichten Medien Tommie Smith und eine gereckte Faust
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:43 21.02.2018
Der frühere US-Sprinter und Olympiasieger Tommie Smith hält in der Semperoper den Friedenspreis in den Händen. Quelle: Oliver Killig/dpa-Zentralbild
Dresden

Den Preis stemmt er mit seiner Rechten Richtung Bühnenhimmel. Es wirkt spielerisch. Und es ist ein Spiel, vielleicht. Dann aber eins mit ernstem historischen Hintergrund, weil es an eine frühere Geste angelehnt ist, für die derselbe Mann – nun im Wortsinn Träger des Dresden-Preises – vor fast genau 50 Jahren teuer bezahlt hat: mit dem Ende seiner Sportler-Karriere, die trotz vieler Erfolge noch riesiges Potenzial hatte. Er bezahlte auch mit finanzieller Unsicherheit, einer zerbrochenen Ehe, mehr noch aber mit dem, was man heute mit dem fast lächerlich anmutenden Begriff Shitstorm bezeichnet.

Denn dieser Mann wurde beschimpft, erniedrigt, mit Gewalt und Mord bedroht. Weil er seine Hand, die in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, als Faust nach oben streckte, den Kopf gesenkt, ohne Schuhe, in schwarzen Strümpfen. Das tat er nicht irgendwo, sondern an einem Ort und zu einer Zeit, in der Öffentlichkeit nicht so einfach zu bekommen war wie heute: bei einer Siegerehrung der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt. Tommie Smith heißt der damals 24-Jährige – und er ist nicht ganz allein mit seiner stillen Revolte gegen Rassendiskriminierung.

Es ist der 16. Oktober 1968. Am Vormittag gewinnt Smith in Weltrekordzeit das olympische Sprintfinale über 200 Meter. Sein Landsmann John Carlos wird Dritter, zwischen den beiden platziert sich der Australier Peter Norman. Bei der anschließenden Siegerehrung kommt es zu dem weltbekannt gewordenen Foto des Protestes auf dem Podium. Während die Hymne der USA abgespielt wird, recken Smith und Carlos die Fäuste, als Zeichen gegen Rassendiskriminierung. Ohne Schuhe protestieren sie ebenfalls gegen die grassierende Armut unter der schwarzen Bevölkerung. Ein in jeder Form bemerkenswertes Statement. Denn beide exponieren sich, riskieren viel – und werden dafür büßen. Nicht nur das Publikum im Stadion buht. Umgehend werden beide, vor allem auf nachdrückliches Betreiben des IOC-Präsidenten Avery Brundage, eines Landsmannes, von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Beider Karrieren in der Leichtathletik enden damit auch – obwohl Carlos 1969 zumindest noch ein gutes Lauf-Jahr haben wird.

Gestern nun stand Tommie Smith auf der Bühne der Semperoper und nahm den Dresden-Preis in Empfang, für eben jene Tat, die in der besten Tradition des Bürgerrechts steht. Günter Wallraff war sein Laudator – und er erinnerte vor allem an die Zeit, in der 1968 dieser Protest still explodierte. Ein halbes Jahr vor der Siegerehrung war Martin Luther King in Memphis erschossen, bei Rassenunruhen ein Jahr zuvor waren in Detroit 43 Menschen getötet worden. In dieser Lage diesen Aufstand mithilfe einer Geste auf großer Weltbühne durchzuziehen, dazu bedarf es Mut, der bereit ist, alles zu wagen. Eines gänzlich anderen Mutes also als der, den sich heute mancher umhängt, wenn er meint, Dinge zu sagen, die sonst angeblich ungesagt blieben.

Für Wallraff ist die Geste Smiths „der Sieg der Kühnheit über die Verzagtheit“. Und weiter: „Seine Tat hat die Zeit überdauert.“ Sie wirkt sogar noch, möchte man anfügen, wie es Colin Kaepernick beweist. Der American-Football-Spieler initiierte 2016 den Protest gegen Rassismus, als er beim Abspielen der Nationalhymne vor Spielbeginn erst sitzen blieb, dann kniete. Kaepernick wurde im selben Jahr entlassen und hat seither keinen neuen Verein, obwohl er als einer der besten Spieler auf der Position des Quarterback galt und gilt.

Smith sprach gestern von „aufrichtiger Demut“, mit der er den mittlerweile zum neunten Mal vergebenen Dresden-Preis entgegennehme. Er, der nach seinen Jahren als Sportler schließlich Soziologie studierte, ließ einen Gedanken zurück, der trotz der aktuellen Gegebenheiten in seiner Heimat eine durch nichts zu erschütternde Hoffnung in sich trägt: „Ein Überwinden der Zustände ist möglich.“ Smith steht mit seiner Entscheidung damals und seinem anhaltenden Engagement übrigens auch für etwas, das von vielen Sportfunktionären immer noch nicht gern gesehen wird: einer politischen Positionierung von Sportlern.

Eine weitere Geschichte soll hier noch kurz angerissen werden: die des Silbermedaillengewinners Peter Norman. Er war 1968 in das Vorgehen seiner beiden Kontrahenten eingeweiht und trug wie sie einen Sticker des „Olympic Project for Human Rights“ bei der Siegerehrung, einer Organisation, die sich den Kampf gegen die Rassentrennung auf die Fahnen geschrieben hatte.

Auch seine Karriere ging danach, salopp gesagt, den Bach runter. In seiner Heimat Australien galt er fortan als Paria, und obwohl er vier Jahre später die zeitliche Qualifikation für einen weiteren Olympiastart geschafft hatte, wurde er von seinem Verband nicht nominiert. Norman starb 2006 in Melbourne – zu seinen Sargträgern gehörten Smith und Carlos. Erst knapp sechs Jahre später rang sich das australische Parlament zu einer Entschuldigung durch, in der es Normans Mut würdigte, sich mit dem Protest von Smith und Carlos solidarisiert zu haben.

Von Torsten Klaus

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Er ist Filmfan durch und durch: Der Comedian Kaya Yanar präsentiert bei Sat.1 „Guckst du?! Kayas große Kinoshow“. Der türkischstämmige Entertainer aus Frankfurt am Main steht auf Thriller, liebt Jimmy Dean im Hollywoodklassiker „... denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann aber nicht allzu oft über Komödien lachen. Außer über die von Monty Python.

18.02.2018

So schnell hat es bisher kein Präsident geschafft als Cartoon-Verschnitt ins Fernsehen zu gelangen wie Donald Trump. Die US-Serie „Our Cartoon President“ ist ein bissiger Kommentar auf die aktuellen Zustände im Weißen Haus.

21.02.2018

TV-Moderator Jörg Pilawa und der Fernsehsender ARD wollen noch gut drei weitere Jahre zusammenarbeiten. Ende Februar beginnt die neue Staffel der von Pilawa moderierten Vorabendshow „Quizduell“. Weitere Projekte sind bereits geplant.

28.03.2018
Anzeige