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06:00 02.06.2017
Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) ermitteln in einer Neuköllner Schule bei der Lehrerin Lena Guhlke (Katrin Wichmann, links). Quelle: Foto: ARD
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Berlin

Jens Harzer ist der Mann, um den sich dieser „Tatort“ dreht, er spielt die Stadt Berlin glatt an die Wand, was einem erst mal glücken muss und eigentlich zuletzt Klaus Wowereit gelungen ist. Harzer spielt einen Schwulen, der so kultiviert und melancholisch von dem Ausbruch aus der Norm erzählt, dass dieser Ausbruch fast schon wieder als Normalität durchgeht.

In Berlin verlieren selbst Fußballfans die Contenance bei Helene Fischer

Das ist ein lässig aufgeführter Kraftakt, er besteht darin, der Traurigkeit das Weinerliche und dem Weltschmerz den Stachel zu nehmen. Das alles in der rohen Stadt Berlin, wo selbst die Fußballfans aus Frankfurt oder Dortmund im Pokalfinale ihre Contenance verlieren und die harmlose Helene Fischer von der Bühne pfeifen. In Berlin wird man zum Tier. Jens Harzer aber wird hier zum Menschen. Er schafft das mit den Mitteln von Jogi Löw, dessen doppelbödiges, süß-saures Lächeln er sich leiht.

Der Kleingarten gegen die Grandezza der Großstadt

Harzer spielt den Witwer Armin Berlow, der sich mit gutem Wein auskennt und generell ein tiefsinniges, lustbetontes Leben führt, das man bisher eher in Südfrankreich als in Berlin-Neukölln vermutet hat. Berlows Mann, Enno Schopper, ist offenbar erschlagen, dann mit Benzin übergossen und angezündet worden. Ein schwarzer Klumpen blieb übrig, gefunden wurde er in einem Kleingarten.

Kleingarten gegen die Grandezza der Großstadt, das ist die Spanne, die dieser gut gespielte, doch atmosphärisch mäßig ausstaffierte Film durchmisst (Regie: Vanessa Jopp, Drehbuch: Christoph Darnstädt).

Rubin mault wie immer

Armin Berlow und Enno Schopper lebten ihre Schwulenehe demonstrativ offen. Das war nicht leicht für Schopper, der in Neukölln an einer Gesamtschule unterrichtet hat. Der Migrantenanteil liegt dort bei 80 Prozent. „Fragen Sie doch mal, was man mit Schwulen hier im Kiez so macht.“ Diesen Zynismus richtet Berlow an die Kommissarin Rubin, gespielt von Meret Becker. Rubin trägt einen Namen, der schillert, doch die Farbe ihres Temperaments liegt bei Mattschwarz. Wenn sie ans Handy geht, mault sie, als würde ihr der Pizzadienst erklären, dass Pilze und Salami schon vergriffen sind. Sie ruft „Ja? Wooo‘n?“, wenn ihr jemand sagt, die Leiche von Enno Schopper sei gefunden worden. Wenn sie den Toten sieht, ruft sie „Boah!“, weil er komplett verkohlt ist.

Keinen Bock auf Nichts

Beim Sender RBB nennt man so was Berliner Schnauze, und Meret Becker, die Nina Rubin im fünften Fall verkörpert, macht das Beste draus: Sie spielt diese Ermittlerin als eine Frau, die keinen Bock hat, eigentlich auf nichts, doch sich nicht wehren kann gegen die Liebe, die in ihr lodert – was diese Stadt mental präzise auf den Punkt bringt. Berlin gibt sich wie Nina Rubin: demonstrative Unlust im Gepäck, aber irgendwo brennt Liebe, die sich Luft macht, gerne laut und ruppig.

Schopper und Berlow ist das Auto mal vor Jahren angezündet worden, „die Schwulenkarre abfackeln“ hieß das an der Schule. Auch der damals 14 Jahre alte Duran (Justus Johanssen) war dabei, 3,7 Prozent Alkohol im Blut. Wenn er aufhört zu saufen und sich aufs Abi vorbereitet, erstattet Schopper keine Anzeige, so ging damals der Deal. Seither geht Duran bei Schopper und Berlow ein und aus wie ein Pflegekind. Durans Freundin Jasna (Lisa Vicari) behauptet nun, sie habe Schopper beobachtet, wie er Duran sexuell belästigt. Duran ist nun verschwunden.

Vorurteile pflastern die Ermittlungen

Ist alles Augenwischerei, das Image vom geläuterten Migranten und dem selbstlosen Schwulen? Stellen sich die Außenseiter selbst ein Bein? Und vor allem: Was geschah mit Schopper? Gerüchte und Vorurteile pflastern die Ermittlung. Dass sie nicht im Morast der stillen und gerade in dieser Stille starken Folge „Amour fou“ versinkt (wenn er laut wird, lässt der Film schnell nach), ist Jens Harzer zu verdanken, dem Kraftzentrum des Stückes. Er unterstreicht die These: Oft sind es die abgedimmten, fast verschlossenen Charaktere in der „Tatort“-Reihe, an deren Schicksal man auch noch am nächsten Morgen denkt.

Von Lars Grote/RND

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