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Tellkamp: "Ich hätte beim Drehen nur alle nervös gemacht"

Tellkamp: "Ich hätte beim Drehen nur alle nervös gemacht"

Für Uwe Tellkamp ist die Verfilmung eines eigenen Romanstoffes etwas Neues. Im DNN-Interview spricht der Schriftsteller aber nicht nur darüber, sondern auch über die Renaissance von Filmen über die DDR und die "Turm"-Fortsetzung "Lava".

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Uwe Tellkamp

Frage: Wie schwer war es, das Buch für die Verfilmung "loszulassen"?

Uwe Tellkamp: Gar nicht. Ich hatte eine kurze Begegnung mit dem Regisseur, Christian Schwochow, wir haben uns gut verstanden, und ich hatte Vertrauen. Ich kannte auch schon seinen Film "Novemberkind", wusste also etwa, wie er arbeitet.

Wann waren Sie überzeugt, das Projekt könne gelingen? Immerhin hielten einige das Buch für unverfilmbar...

In der Pause zwischen den beiden Filmteilen. Mit einigen Mitarbeitern der Produktionsfirma Teamworx und vom Suhrkamp Verlag nahm ich an einem sogenannten "pre-view" im Kino 66 in der Bleibtreustraße Berlin teil (die Bleibtreus sind eine interessante Schauspielerdynastie), und alle blieben sitzen, wollten nicht hinausgehen.

Waren Sie eingebunden in die Vorbereitungen und die Dreharbeiten?

Nein, ich war nicht eingebunden. Ich kannte das Drehbuch zwar, habe aber nicht daran mitgearbeitet und war auch bei den Dreharbeiten nicht dabei. Warum auch? Ich hätte nur im Weg gestanden und alle nervös gemacht.

Was empfanden Sie, als Sie die ersten Szenen des Films sahen?

Ein Gefühlsgemisch aus Spannung (wie haben sie's gemacht?), Beklemmung (hoffentlich geht's nicht schief) und Rührung (tscha, meine Lieben, das hat nun doch das eine oder andere mit uns zu tun).

Sie arbeiten derzeit an der "Turm"-Fortsetzung "Lava". Werden die Leser die Figuren des "Turms" darin wiederfinden? Wie sehen Sie die Chancen, dass auch "Lava" später verfilmt werden könnte?

Einige Figuren des "Turms" werden auch in der Fortsetzung eine Rolle spielen. Christian wird nach Leipzig gehen und dort sein Medizinstudium beginnen. Anne wird stärker hervorgehoben, sie engagiert sich bei den Bürgerrechtlern und in der Politik, wird wohl auch in der ersten frei gewählten Volkskammer der Noch-DDR sitzen. Ein Westdeutscher wird vorkommen, Mitarbeiter des Bundeskanzlers, an der europäisch-internationalen Dimension dessen beteiligt, was man heute die Wiedervereinigung nennt. Und es wird wohl auch zwei Erzählstränge geben, die noch einmal tief in die Vergangenheit führen - Christians Cousin erzählt die Geschichte Muriel Hoffmanns, einer Nebenfigur des "Turms", und jemand, der sich IM Nemo nennt, die Geschichte und vielleicht auch die Zukunft der Kohleninsel, des märchenhaft-finsteren Bürokratie- und Papierreichs.

Filme über die DDR laufen ganz dicht auf: "Barbara", der deutsche Oscar-Bewerber, "Wir wollten aufs Meer", "Sushi in Suhl", nun im Fernsehen "Der Turm". Worin könnte diese geballte Hinwendung an "ein versunkenes Land" begründet sein?

Das hat, scheint mir, mit der Gegenwart und ihrem Zustand zu tun, dann aber wohl auch mit Neugier, einer vielleicht ethnologisch zu nennenden Faszination von einer Lebenswelt, an die sich viele der hier Lebenden noch gut erinnern können, die aber nahezu komplett versunken ist. Die Seife, mit der wir uns wuschen, findet sich jetzt in Museen, ein alter Wartburg im Verkehrsmuseum (und ich erinnere mich noch daran, dass mein Vater als Saisonarzt an der Ostsee ein solches Modell als Dienstauto fuhr), Bücher, die uns prägten, stammen aus Verlagen, die es nicht mehr gibt, und vielleicht geht es bei diesem Interesse auch um den Mut von Menschen, gegen scheinbar unüberwindliche Widerstände und eine bleierne Zeit für Freiheit zu demonstrieren. Das ist von dem, was viele Menschen heute umtreibt, wohl nicht so weit entfernt.

Was haben Sie durch die Arbeit am "Turm" gelernt, was Sie vielleicht jetzt beim Schreiben an "Lava" geändert haben? Oder ist im Grunde alles fast unverändert geblieben?

Wie so manche Autoren, die sich dazu äußern, bin auch ich bei jedem neuen Buch immer wieder blutiger Anfänger. Allerdings interessiert mich beim "Lava"-Roman weniger die am "Turm" mancherorts kritisierte Ornamentik der Sprache (die dort ihren guten Sinn hatte und übrigens so furchtbar gar nicht ist), sondern mehr die Poesie der Konfliktlagen, der Figurenentwicklung, des Plots. Klares Schreiben ist für mich unbedingt ein Ziel. Man sollte es nicht mit Unmusikalität, Regieanweisung (Auftritt Beethoven. Jetzt. Sein Gesicht ist zerquält.) oder einem Schreiben verwechseln, das nicht vom guten Tischler, sondern vom Wühltisch eines Baumarkts stammt.

Gibt es einen bestimmten Stoff, eine ganz bestimmte Geschichte, die Sie unbedingt einmal in einem Buch verewigen wollen?

Ich habe manche Pläne, aber man soll nicht alles ausbreiten. Wohl nicht ohne Grund gibt es keine Muse der Plauderei. Interview: Torsten Klaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2012

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