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Medien „Tatort“ – Selb ist die Frau
Nachrichten Medien „Tatort“ – Selb ist die Frau
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12:00 20.10.2017
Besessen in Bremen: Linda Selb vom BKA (Luise Wolfram) sammelt Informationen über die Hauptverdächtige. Quelle: Foto: ARD
Bremen

Das Kleid in diesem „Tatort“ ist nicht bezahlt, das interessiert vielleicht die Polizei, aber nicht Maria Voss (Nadeshda Brennicke). Sie hat es gestohlen, es passt wie angegossen, doch finanziell ist es nicht ihre Kragenweite. Sie überlebt als Hochstaplerin, in Bremen ist das nicht nur Frevel, sondern eine Sünde. In Hansestädten rechnet man mit spitzem Stift, das ist dort guter alter Kaufmannsbrauch – was indes wenig daran ändert, dass die Zahlen des Bremer Haushalts so rot sind wie der Mantel von Frau Voss.

Bremen – die unsichtbare Stadt

Von Bremen ist fast nichts zu sehen in der kühlen „Tatort“-Episode „Zurück ins Licht“. Irgendwo hängt mal ein Werder-Schal, sonst ist das Gesicht der Stadt offenbar nicht weiter wichtig. Es geht um Bremens wunde Seele, die hinter ihrem „Reiß-dich-mal-zusammen“-Habitus verborgen liegt. Der norddeutsche Verhaltenskodex scheut die offene Emotion, doch gar nicht selten züchtet er deswegen im Verborgenen eine Besessenheit heran.

Die Besessenheit tritt in dem Film gleich doppelt auf, nicht nur auf der Verbrecherseite, sondern auch bei den Ermittlern. Linda Selb (Luise Wolfram) ist eine BKA-Kollegin, die den Kommissaren Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen), die mit den Jahren die Schwermut eines sinkenden Dampfers verkörpern, unter die Arme greift.

Selb nimmt die Zeitlupe aus dem Bremer „Tatort“

Selb ist die feuchte Fantasie der Radio-Bremen-Redaktion, die ein paar Stellschrauben justieren musste, weil die zeitlupenhafte Detektivarbeit von Lürsen/Stedefreund einen Imageschaden für Sender und Stadt in Aussicht stellte. Radio Bremen warf Linda Selb in den Ring, eine blonde Femme Fatale mit Zügen eines Models, ihre Arbeitstemperatur liegt unter null. Auch sie wirkt besessen, hat die mentale Steifheit einer Festplatte, doch so stellt man sich im Land da draußen halt die Bremerinnen vor: Sehr gerader Gang und unablässig konzentriert, als sei das Leben eine Abiprüfung.

Wenn Linda Selb es eilig hat, ruft sie: „Gib mir eine Minute 13.“ Sie wirkt zuweilen wie die Frau aus einer Comicwelt, was dem Bremer „Tatort“ gut tut. Gerade ist sie schwanger von Stedefreund. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine mit Gefühlen, darum wird sie in dem Film sehr kurz gehalten.

Das Wunder einer Auferstehung

Die eigentliche Story dreht sich um das Wunder einer Auferstehung. Maria Voss wurde verletzt bei einem Unfall, „Sie werden nie wieder laufen können“, sagen ihr die Ärzte – dieses Urteil stellt der Film (Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Christian Jeltsch und Olaf Kraemer) gleich an den Anfang, wie ein Mantra. Voss kommt trotzdem wieder auf die Beine. Mit Disziplin, von der sie überholt und ausgehöhlt wird. Ihr Ehrgeiz steigert sich ins Ungesunde, sie schwindelt sich in eine große Wohnung, sie flüstert, predigt, schreit als Motivationscoach, ohne dem Tempo ihrer Sätze folgen zu können.

„Sie wollten auch mal mehr als das hier, oder?“, raunt sie Stedefreund hinüber, der ja schon mit dieser kleinen bösen Bremer Welt mitunter überlastet wirkt. Doch Stedefreund ist einer, der bisher noch für jede schöne Frau ein Lächeln übrig hatte.

Toter Chef im Hafen

Maria Voss wird aufs Präsidium gebeten, weil sie als Letzte mit dem Chef eines Pharma-Handels sprach. Er ist verschwunden – nun, ein knappes Jahr danach, findet man ihn tot im Hafen. Dieser Fall wird eher am Rande abgehandelt, weil Nadeshda Brennicke mit ihren Mänteln, Kleidern und dem mondsüchtigen Blick allein den Fokus auf sich zieht. Für den Toten bleibt kein Platz. Der Ex- oder Schon-wieder-Mann von Voss hat ein Verhältnis mit Judith Bergener (Victoria Fleer), der Witwe des toten Pharma-Chefs. Das Kriminelle spiegelt sich im Amourösen wider, die Liebe ist verknotet, die Menschen legen nur noch Finten. „Wenn Sie so viel Glück haben, warum sieht man das nicht in Ihren Augen?“, fragt Stedefreund die überschminkte Voss. Leider tragen diese Fragen nicht zur Lösung bei, sondern führen ins Vorabendprogramm, wo man Mörder mit den Mitteln eines Küchenpsychologen fängt.

Ist so ein „Tatort“ groß genug für beide Frauen, Voss und Selb, die mit Dämonen flirten? Sie werden dargestellt von aufregenden Schauspielerinnen – was den Film am Ende trotzdem nur auf Durchschnitt hebt.

Von Lars Grote / RND

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