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Spaßmacher erledigt Eidechse - Helge Schneiders im Wendekreis seines neuen Films

Spaßmacher erledigt Eidechse - Helge Schneiders im Wendekreis seines neuen Films

Während die elektronischen von der Anwesenheit des Mülheimer Entertainers Helge Schneider erzeugt wurden, stammten die großen echten von der heftigen Gewitterkulisse, hinten im oberen Elbtal.

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Bernhardiner, Helge Schneider und Tyree Glenn jr. (v.l.) mit Waschmaschinen im Schnee.

Quelle: Bernd Spauke/PR

Blitze allerorten. Perfekte Stimmung für die Voraufführung der neuen Krimikomödie "00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse" in belebender Anwesenheit des Haupthelden?

Mitnichten. Denn der Streifen entführt in eine trostlose Melange aus Essen-Duisburg-Mülheim und dem andalusischen Almeria, wo dem Musiker während Dreh und Filmmusik auch noch schnell die neue Platte namens "Sommer, Sonne, Kaktus" einfiel, die er am 21. August hier zu Gehör bringen wird. Sagt er. Die reale Reifezeit für die Scheibe betrug sechs, für den neuen Film gar neuneinhalb Jahre, denn die sächsische Premiere von "Jazzclub - Der frühe Vogel fängt den Wurm" in der Leipziger Moritzbastei war im Frühjahr 2004. Einerseits greift der Film in Retromanier den Zeitgeist wieder auf, andererseits bietet der neue Schneider ein großangelegtes Sittengemälde einer überbesetzten und überreifen Polizeistation in einem fiktiven Krisenprovinzkaff.

Assistiert von Pete York als Agent Smith und Ira Coleman als Agent Cole zieht Roy Schneider gegen das Böse ins Feld, bewaffnet mit fuchsfarbenem Minispitz namens Zorro, nachts mit Orgel oder Memoiren hämmern beschäftigt und mit den Zahlen 1 bis 6 fast Lotto-Millionär. Da nähert sich der frisch ausgebrochene Franzose Jean-Claude Pillemann, genannt "Die Eidechse", schleichend, geifernd, zischend sowie spuckend gespielt von Rocko Schamoni, dem Revier. En passant liefert das Werk subtile Gesellschaftskritik, vor allem gegen das permanente Rauchgebot in Behörden.

Der livehaftige Maestro, der sich vor der Dresdner Präsentation am Dienstag zum Mitternachtskino bei den Filmnächten am Elbufer mit Engelsgeduld ewig gleichen Lebensfragen immer wieder neu widmete und mitternachts, passend zum Wetter mit weißem Bademantel bekleidet, bejubelt wurde, die internette Fanfotoserie "Helge and me" per Barpräsenz plus Sanftmut bereicherte, kam eigens "zu Fuß von Oslo", um über Kapstadt nach Brasilien zu wandern, wo es köstlichen Eintopf gäbe. Dank des Unwetters war nur der überdachte Teil sehr gut gefüllt - seine Fans sind erstaunlich jung und überwiegend männlicher Natur, ihr Tenor samt Beifall warmherzig, nicht überbordend.

Die Auflösung, also wie der coole Kommissar nach Nihil Baxter nun die schlüpfrige Eidechse erlegt, sei nicht verraten, aber herrlich anmutend sind die drei Schlussszenen schon: Zwei der drei Gangster schmoren in Ketten im Polizeikeller, regelmäßig gequält von 00 Schneider per andalusischer Gitarrenvariationen. Der eine grapschte Tunten an den Po, der andere überfiel einen Zigarettenkiosk und klaute ein Huhn zur Farmgründung. Beide erlegte der Edelkriminalist ohne nähere Ermittlungen, sondern indem er schnell und unrasiert in Frauenkleider schlüpft, sich an den nächsten Tatort stellt und sie brutalst möglich über ihre Unrechte aufklärt. Dazu ein ausführliches Ausdruckstänzchen in der Tiefgarage und ein gemütlicher Sonnenuntergang am betonierten Strand, während aus dem Meer gerade der dritte Bösewicht voll bepackt heranschleicht. Es ist der abgestürzte Trickbetrüger Antoine St. Exupéry, vormals als Helges Tante Tyree aus Amerika (Saxophonist Tyree Glenn jun. mit Kokosnussbrüsten) mit dem Lottoschein getürmt...

Das Filmrezept heißt schlicht 90 Minuten voller Helgespäßchen, es gibt kaum Szenen ohne den drehbuch- und filmmusikschreibenden Regisseur als Hauptdarsteller. Schneider-Fans werden den Film auch aufgrund der zahlreichen absurden und meist ins Nichts laufende Nebenstränge, der Einbettung seiner Freunde und der Musikerszene sowie der permanent mitsprudelnden Musikperlen mögen, für Neulinge taugt wohl eher das anstehende Konzert in genau zwei Wochen am selben Ort. Wer dann nicht kann: Das Leipziger Konzert vier Tage später gilt zwar als ausverkauft, dafür gibt es aber in der Görlitzer Kulturbrauerei am 6. September noch genug Platz.

Den Filmstarttermin kann sich der Fan auch leicht merken: 10.10. Bis dahin sollte seitens des Verleihs oder der Kinos über Preisermäßigungen oder Sondervorführungen für Mitglieder der Polizeigewerkschaften nachgedacht werden. Denn rund die Hälfte der Zeit beherbergt der Film im Polizeirevier von Almeria spanisch vorkommende Tipps für die künftige Arbeit. Auch Tatortkommissare können von 00 Schneider viel lernen - vor allem wie man abgeklärt Interviews führt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.08.2013

Andreas Herrmann

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