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Nachrichten Medien So wird der neue „Tatort“ aus Dresden
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15:38 11.06.2017
2:0 für die Kommissarinnen: Karin Gorniak (Karin Hanczewski, l.) und Heni Sieland (Alwara Höfels) auf Verfolgungsjagd im Fußballstadion. Quelle: Foto: ARD
Dresden

Dresden, Altstadt: Vor einer Masse Menschen steht ein Mann in schwarzer Kleidung und predigt. Um ihn herum recken eben noch betroffene Jugendliche ihre Smartphone-Hände hoch und skandieren vor bekannter Dresdner Kulisse wie aus einer Kehle „Ich bin stärker“. So sieht das aus im „Tatort: Level X“ (Drehbuch: Richard Kropf, Regie: Gregor Schnitzler), wenn junge Menschen um einen Social-Media-Held trauern und sich zum sogenannten „social mourning“ treffen – „irgendwas mit trauern“, wie es sich die Polizei benutzerfreundlich übersetzt.

Die Drohne landet treu neben der Leiche

Die Andacht findet statt für einen 17-Jährigen, der sich online Simson nennt und dort Millionen Klicks erzielt. Simson ist ein „Prankster“, er spielt Leuten Streiche („Pranks“), filmt sich dabei und überträgt das live ins Netz. Mit seinem jüngsten Coup beginnt der Krimi: Simson filmt eine Rockergang mit einer Drohnenkamera, die Rocker sehen das, verfolgen ihn und diese Jagd verfolgt halb Dresden live im Stream. Drei Schüsse. Als Simson tot am Boden liegt, landet sanft die Drohne wie ein treuer Hund daneben.

Moderne Fahndung mit Hashtags

Die Rocker waren’s nicht, das können sie per Handyvideo beweisen. Wie ständig jeder jeden hier haben sie sich bei der Verfolgungsjagd gegenseitig gefilmt. Immerzu hält irgendwer die Smartphonekamera aufs Gegenüber, das Gerät mit einer Armlänge auf Abstand, die Finger waffengleich am Auslöser. Wir sind alle live und werden sofort Zeuge. Und wilde Spekulanten und hämische Keifer auch – so erleben es in ihrem dritten Fall die Kommissare Henni Sieland (Alwara Höfels), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, vor 50 Jahren in Dresden geboren, was er hören lässt). Später aber wird die Kripo Dresden „social-media“-aktiv und fahndet live mit Hashtags. Die „Tatort“-Stadt zeigt ihre Schätze des Barock, ein phänomenales Gotteshaus mit Pfarrwohnung, das Stadion und Platten. 2017 sind die allesamt vernetzt, sind Orte der Empfängnis und des Sendens, zumindest im Bereich der Datenübertragung.

Krimi driftet zuweilen ins Absurde

Simsons Digital-Kontrahent Scoopy (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) nimmt schnell den Platz des Toten bei Super7 ein, einer Agentur für junge Internetstars. Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) ist der, der sich gern reden hört und predigt. Davon, dass er in seinem „headquarter“ die „fanbase“ mit „content“ versorgt, dass Simson klickträchtig „delivered“ hat und der über seine Treuhandschaft fürs Geld der Teenies sagt, das sei „ganz normale ,business practice’ bei minderjährigen ,talents’“.

Das könnte man „too much“ nennen, weil der sonst humoristisch wohl dosierte „Tatort“ mit dieser Figur die zulässige Dosis überschreitet und auch an anderen Stellen leicht ins Absurde driftet. Apropos Dosis: Verdächtig ist auch ein dealender Arzt. Der ist im Besitz eines für Erpressung tauglichen Videos, das Simson mit Emilia (Caroline Hartig) zeigt, die bis dahin eine wertvolle Zeugin ist. Gegen den Vergewaltigungsvorwurf verteidigt sie Simson posthum als Freund. Die Mutter sagt: „Du kanntest ihn doch gar nicht. Nur aus dem Internet.“

Das Internet macht aus der Familie einen Punktehaufen

Seit nun rund 20 Jahren diskutieren Eltern das mit ihren Kindern, an immer neuen Plattformen, die hier „Allnow“ und „Profilebook“ und „wizzper“ heißen – den Medien der heutigen Jugend, die von Erwachsenen weder gut gekannt noch gut verstanden werden. Über die Kommissariatsleiter Schnabel befindet: „Der Fernseher hat aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht – und das Internet aus diesem Halbkreis einen Punktehaufen.“ Emilia hält in einer Liveschalte an ihre Fans dagegen: „Keine Generation vor uns hatte die Möglichkeit, sich so in der Öffentlichkeit auszudrücken, seine Meinung zu sagen, eine Stimme zu haben. Aber jetzt sind wir da und das müssen wir nutzen.“

Wie jeden Sonntagabend werden das auch diesmal wieder Hunderte Zuschauer während der Ausstrahlung bei Twitter kommentieren und bewerten, zu lesen auch im guten alten Videotext auf Seite 777. An einer Stelle stöhnt Schnabel einen Satz, der sicher schon öfter gedacht worden ist: „Kann denn nicht jemand dieses verdammte Internet einfach wieder abschalten? Wir ham’ doch vorher auch gelebt.“

Echt jetzt? Echt.

Von Michaela Grimm / RND

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