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Medien So gut ist der neue „Polizeiruf“ aus München
Nachrichten Medien So gut ist der neue „Polizeiruf“ aus München
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00:15 13.09.2016
Auf der Suche nach dem bösen Wolf: Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Quelle: WDR Presse und Information/Bildk
München

Es waren einmal ... Jukeboxen. Kommissar von Meuffels hat immer wieder deren Verschwinden betrauert. Und hier nun auf dem bayerischen Land, in der urwüchsigen Landkneipe Zum Bachthaler mit ihrem blättrigen Putz und ihrem abgeschrappten Mobiliar findet seine Hamburger Kollegin und Noch-nicht-ganz-Geliebte Constanze eine echte Wurlitzer. Die ist auch noch gefüttert mit traumhaft altem Stoff, Kinks und so. Sie wählt „Anyone Who Had a Heart“ aus, den Verzweiflungsschrei der Britin Cilla Black, jemanden zurückzunehmen, der untreu war. Constanze ist auch verzweifelt, schmiegt sich ins Lied, raucht, trinkt Gin Tonic, eine Rückkehr zum Alkohol nach langer, freudloser, viel zu trockener Zeit.

Auf dem nächtlichen Nachhauseweg ins Wellnesscenter begegnet sie dann einem zottelig verkleideten Mann mit glühenden Augen. Sie rutscht vor Schreck ins Unterholz, wird ohnmächtig, wacht im Sanatoriumsbett auf. Von Meuffels ist da, eine Tote wurde gefunden, es ist die schnippische junge Empfangsdame. Tags zuvor noch hatte Constanze dem Meuffels am Telefon im Fall einer scheußlich zugerichteten Münchner Frauenleiche (keine Lippen mehr, Augen und Nase fehlten) den richtigen Tipp gegeben – hungrige Hauskatze. Und nun das: Das ländliche Opfer wurde offenbar von einem Wolf verstümmelt, den Bissspuren zufolge war der zwei Meter groß. Es war Vollmond. Braucht die bayerische Polizei Silberkugeln?

War Rotkäppchen gar nicht unschuldig?

Christian Petzold, der virtuose Verweber von fantastischen Stoffen mit der kleinbürgerlichen, engen Wirklichkeit, hat seinen zweiten Meuffels-„Polizeiruf“ gedreht. Im Kino glänzte sein „Gespenster“ mit einem wahrhaft unheimlichen Schluss, mit „Yella“ verlegte er Ambrose Bierce’ Gruselgeschichte „Zwischenfall am Eulenfluss“ vom amerikanischen Bürgerkrieg in die Gegenwart des deutschen Ostens. Mit „Wölfe“ deutet er nun im Fernsehen das Rotkäppchenmärchen um: Das unschuldige Mädchen war in Wahrheit eine Tierquälerin, der Wolf nicht böse, nur geschunden an Leib und Seele. Das rote Mäntelchen legt Petzold freilich der Constanze um. Eine Wolfsversteherin.

Nein, dieser preußisch-spröde Kommissar mit dem kleinen ruhigen Lächeln und den doppelbödigen Columbo-Fragen holt das Opfer nicht am Stück aus dem Wolfsbauch, so Brüder-Grimm-mäßig geht es bei Petzold nicht zu. Was der von Matthias Brandt erneut souverän gespielte Meuffels hier vor allem erlebt, ist das Ende seiner Einsamkeit, der Beginn einer Romanze, möglicherweise mehr. Vorsichtig tasten sich die schöne Constanze (Barbara Auer) und er zu der Möglichkeit eines gemeinsamen Urlaubs vor. Mit Filmegucken und Musikhören. Im Wellnesshotel, in das sich auch Meuffels einmietet, bleibt aber jeder respektvoll unter der eigenen Bettdecke.

Am Ende sind es zu viele Wölfe

Derweil also Liebe leise heraufzieht, erzählt Petzold noch von dörflicher Beschränktheit, Parallelgesellschaften und Fremdenhass. Ein Türke hat einen Hof gekauft, züchtet dort Hunde, hatte mal was mit der Toten, war mal Mitglied bei den Turkfaschisten Graue Wölfe, besitzt sogar einen zahmen Wolf. Der war’s, garantiert. Die unterbelichteten Dörfler rüsten sich mit Flinten wie in Hollywoods Horrorfilmen der Dreißigerjahre. Dracula? Frankensteins Monster? Werwolf? Müssen alle sterben. Nur ging’s damals mit Heugabeln zum Lynchmord.

„Wölfe“ heißt der Film, Plural, und es sind deren am Ende zu viele. Wo im Hausmärchen der alten Tage noch das Absurdeste für bare Münze genommen wird, muss Petzold arg konstruieren, um seine Krimimär mit der Realität zu verbinden. „Zufälle“ könnte der Film deshalb auch heißen. Und dass der Mörder des bösen Rotkäppchens am Ende auch noch den Namen Wolfgang trägt, lässt den Zuschauer fast auflachen. Unfreiwillige Komik? Oder hatte er etwa sadistische, böse Stiefeltern? In Märchen sind die ja gang und gäbe.

Und wenn er nicht gestorben ist? Na ja, sehen Sie am besten selbst.

Den Trailer zum „Polizeiruf 100: Wölfe “ finden Sie hier.

Von Matthias Halbig

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