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Medien Shahak Shapira über seine Twitter-Aktion und Vong
Nachrichten Medien Shahak Shapira über seine Twitter-Aktion und Vong
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14:22 15.08.2017
„Hass im Internet ist schwer greifbar“: Shahak Shapira. Quelle: Verlag
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Nach Ihrer jüngsten Sprayaktion vor der Hamburger Twitterzentrale war der Aufschrei groß. Ihnen wurde Vandalismus vorgeworfen und gar mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung gedroht. Weshalb stören die Hassbotschaften im Netz viele nicht weiter, während solch eine analoge, geradezu altmodische Graffiti-Aktion die Gemüter erhitzt?

Das wird wohl daran liegen, dass die Großzahl von Menschen, die mir jenen Unsinn unterstellten, noch nie Diskriminierung und Hass selbst erleben mussten. Wenn dir jemand sagt, dass Menschen online Schwule nach Auschwitz schicken wollen, und du dich stattdessen über „Vandalismus“ mit abwaschbarer Kreide aufregst, hast du halt andere Prioritäten im Leben. Aber um fair zu sein: Der Hass im Internet ist für uns alle schwerer greifbar. Da hilft es, wenn man sich anschaut, wie Terroristen sich dort teilweise ungehindert radikalisieren, bis sie ihre Tweets und Posts in Taten umsetzen. Jüngstes Beispiel ist der Neonazi-Täter in Virginia, der gerne Hakenkreuze auf seinem Facebook-Profil teilte.

Was erwarten Sie von dem geplanten Facebook-Gesetz?

Das Gesetz betrifft auch Twitter. Und so wie Twitter gerade arbeitet, erwarte ich für sie sehr hohe Strafzahlungen.

Sie kritisieren die Auswüchse der Netzkultur immer wieder, mit der Aktion Yolocaust Anfang des Jahres etwa auch den Selfiewahn angesichts von Spaßbildern vor dem Berliner Holocaustmahnmal. Zugleich verdanken Sie dem Internet Ihre Popularität. Ist das für Sie ein Widerspruch?

Das Internet hat keine feste Ideologie oder eine homogene Kultur. Es ist nur ein Medium wie jedes andere. Ich liebe und hasse das Internet genau wie alles andere auf der Welt. Was es mit uns macht ist das Interessante, und damit befasse ich mich oft.

Die aktuellen Schlagzeilen kommen pünktlich zum Erscheinen Ihres neuen Buches. Ein Marketingclou?

Nach meiner Aktion Yolocaust haben mehrere Menschen versucht, mir den PR-Vorwurf zu machen. Es hieß, mein Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen“ wäre dank Yolocaust zum Bestseller geworden, obwohl die Platzierung auf der Bestsellerliste schon zwei Tage vor Erscheinen des Projekts stand. Ironischerweise beinhalteten die Artikel meiner Kritiker immer ein großes Porträt, eine Kurzbiografie und einen prominenten Link zu ihrem eigenen Buch.

In dem Buch „Holyge Bimbel“ nehmen Sie eine neue Internetsprache aufs Korn und schreiben in diesem Duktus die Bibel um. Da heißt es dann: „Am firsten Tag talkte God: Es werde 1 nices Light.“ Weshalb wählten Sie ausgerechnet die Bibel?

Ich wollte eine Geschichte, die genauso lächerlich wie die Sprache ist.

Wenn es ein Buch gibt, das es verdient hat, in Vong geschrieben zu werden, dann ist es die Bibel.

Könnte es mit den arg entstellten Wörtern und Sätzen ähnlich sein wie mit den Hassbotschaften: Jenseits des WWW – also auch in Buchform – sind sie noch schwerer zu ertragen?

Gar nicht. Jeder, der die originelle Bibel gelesen hat, wird die Holyge Bimbel für ihre Klarheit und Direktheit zu schätzen wissen.

Wie ist Ihr Selbstverständnis: Aktionskünstler, Aktivist, Journalist, Autor?

An erster Stelle betrachte ich mich so, wie die Öffentlichkeit mich betrachtet: als das erotischste Sex-Symbol unseres Jahrhunderts.

Auf Ihrer Website zeigen Sie sich mit Schläfenlocken. Welche Rolle spielt Ihr Judentum für Ihre Identität, oder ist es in erster Linie Teil Ihrer öffentlichen Rolle?

Das ist eine Rolle, die ich los werden möchte. Ich habe sie mir auch nicht selbst verliehen, sondern die Nazis und Islamisten, die mich in diesem Land angegriffen haben. Ich habe sie aber angenommen, gerade deswegen. Allerdings hätte ich nicht erwartet, dass man mich dann darauf reduziert und aus mir immer den Quotenjuden machen möchte, der sich nur über sein Judentum definiert, und nur für Judenwitze und Antisemitismusdokus gut ist. Es nervt mich, wenn man mich zum Beispiel als „jüdischen Satiriker“ tituliert, als müsste man Juden immer noch kennzeichnen. Ich habe noch nie den Titel „christlicher Comedian“ bei einem Dieter-Nuhr- Interview gelesen. Wir haben in Israel auch eine ganz andere Beziehung zum Judentum, und ich bin eh leidenschaftlicher Atheist. Mittlerweile nehme ich keine Angebote an, die diese Rolle involvieren und versuche mich mit Judenwitzen zurückzuhalten. Aber das mit der Webseite ist ein guter Punkt, ich werde das Foto austauschen.

In Ihrem autobiografischen Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen“ berichten Sie, wie Sie als 14-Jähriger aus Israel in eine NPD-Hochburg in Sachsen-Anhalt zogen. Wie, denken Sie, wird es mit der AfD nach der Bundestagswahl weitergehen?

Vielleicht wird die AfD ein paar Sitze im Bundestag erringen können. Mir persönlich wäre es aber lieber, wenn die sehr gute Partei DIE PARTEI für Satire im Bundestag sorgt, denn eine Satirepartei reicht völlig aus.

Ihr Großvater väterlicherseits gehört zu den Opfern der Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972. Welche Folgen hatte dies für die Sicht Ihrer Familie auf die Beziehung zwischen Israels und Palästinensern?

Gar keine, soweit ich beurteilen kann. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der die Menschen noch bereit waren, all den Hass und die Opfer für den Frieden hinter sich zu lassen. Außerdem wurde mein Großvater, soweit bekannt, von den deutschen Polizisten bei ihrem „Befreiungsversuch“ erschossen.

Von Nina May

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