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Nachrichten Medien Portugals Liebeslied berührt Europa
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01:25 14.05.2017
Salvador Sobral hat den Eurovision Song Contest 2017 mit seinem berührenden Stück „Amor pelos dois“ gewonnen.  Quelle: dpa
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Kiew

 Es ist, als habe sich der zerstrittene Kontinent nach einem solchen Moment der Ruhe gesehnt, nach 180 Sekunden Andacht und schlichter Schönheit. Mit seinem leisen, versonnenen Liebeslied „Amor pelos dois“ (Liebe für zwei) hat Salvador Sobral aus Portugal beim Eurovision Song Contest in Kiew Europa direkt ins Herz getroffen. Zwischen all den glutvollen Diven und halbnackten Partyjungs wirkte der 27-Jährige mit seinem melancholischen, berührenden Auftritt wie ein verletzliches Wesen von einem anderen Stern. „Erlöser“ bedeutet sein Vorname – die andächtige Stille während seines Auftritts, die Tränen im Publikum selbst bei Konkurrenten im Green Room, verrieten etwas über die Gefühle, die er in drei Minuten hervorzurufen fähig war. 758 Punkte bekam Sobral. Ein einziger Triumph. Den Eurovision Song Contest im Minuteprotokoll können Sie hier nachlesen.

Auf Platz zwei landete der erst 17-jährige Bulgare Kristian Kostov mit seiner Elektronummer „Beautiful Mess“ (615 Punkte). Die drei moldawischen Rat-Pack-Tänzer vom SunStroke Project holten sich mit dem Partysong „Hey, Mamma“ eher überraschend Platz drei (374 Punkte). Der Italiener Francesco Gabbani dagegen, über Wochen haushoher Favorit des Wettbewerbs, musste sich am Ende mit Platz sechs begnügen, noch hinter Schweden.

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Ein 27-jähriger Melancholiker entzückt einen ganzen Kontinent: Salvador Sobral aus Portugal hat mit seinem zarten Liebeslied „Amor Pelos dois“ den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew gewonnen. Und Deutschland? Erlebte eine historische Pleite. Kleiner Trost: Levina wurde mit „Perfect Life“ diesmal nicht Letzte.

Historische Pleite für Deutschland

Und Deutschland erlebte eine historische Pleite: Schon wieder eine miserable Platzierung: Platz 25. Insgesamt sechs Punkte gab es. Drei von den Jurys (danke, Irland). Drei vom Publikum. Da ist es kein Trost, dass es diesmal nicht die rote Laterne war. Den letzten Platz holte sich – nur einen Punkt dahinter – Spanien. Eine bittere Schmach, die so niemand erwartet hatte.

Es war ein Durchmarsch für Portugal. Von Anfang an regnete es Juryliebe, neunzehnmal gab es zwölf Punkte. Auch das Publikumsvoting entschied er für sich. Kurz vor ein Uhr nachts stand Sobral, umweht von Glitzerkonfetti, vor knapp 10.000 Zuschauern auf der Bühne im International Exhibition Center in Kiew und wirkte, als betrachte er den Zirkus um sich herum mit den Augen eines staunenden Kindes. Wohin mit den Händen? Wohin mit den Gefühlen? „Wir leben in einer Welt von Fast-Food-Musik“, sagte er vor 120 Millionen TV-Zuschauern. „Musik ist aber kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl, sie bedeutet etwas.“

Jazzsänger ist er eigentlich, die ganz große Bühne ist gar nicht so sein Ding. Es geht um die Liebe in dem Song, den ihm seine zwei Jahre ältere Schwester Luisa auf den Leib geschrieben hat – zum großen Finale, nach seinem Sieg, teilte sie die Bühne mit ihm. Keine pathetische Ballade lag vorn, nicht der italienische Partysong, kein moderner Clubsound trafen den Zeitgeist, sondern Sobrals leises Liebeslied. Aus fast allen Ländern bekam er Punkte.

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Wer ist Salvador Sobral?

Der gebürtige Lissabonner brach sein Psychologiestudium ab, um Musiker zu werden. Die Familie verbrachte einige Jahre in den USA, nach der Rückkehr studierte er Jazz an der renommierten Akademie „Taller de Musics“ in Barcelona. Seine großen Inspirationen: Chet Baker und der brasilianische Bossa-Nova. Sein Siegeszug durch Europa ist sicher.

Norwegens Daft-Punk-Elektropopnummer mit Seppelhut (Platz 10) holte die Topwertung der deutschen Jury. Und auch die erst 17-Jährige Blanche aus Belgien, die in Wahrheit Ellie Delvaux heißt, schnitt gut ab (Platz 4). Lange galt sie als Mitfavoritin – allein, es mangelte ihr doch etwas an Präsenz.

Überhaupt gab es in diesem Jahr einen Trend weg von der pompösen Materialschlacht, hin zu reduzierten Inszenierungen. Balladen dominierten den Wettbewerb, viele Partysongs überstanden die beiden Halbfinals nicht. Es ist, als sei dem Kontinent nicht nach Party zumute, sondern nach Einkehr. Erfreulich gut kam der ungarische Roma Joci Pápai („Origo“) an. Sein Song war ein bunter Folklore-Zirkus-Rap-Mix inklusive Blechkannentrommelei und schmerzvoller Bauchtänzerei (Platz 8).

Die musikalische Bandbreite war enorm – nicht nur beim Kroaten Jaques Houdek („My Friend“), in dessen voluminösem Körper allein sich gleich drei Musikstile verbargen: klassische Oper, Michael-Jackson-Falsettgesang und solider Pop. Den häufigen Vorwurf an den ESC, nur Albernheiten und Einheitsbrei zu zeigen, widerlegte die Show 2017. Aus dem plüschigen Schlagerfestival von einst ist längst – von einzelnen putzigen Skurrillitäten abgesehen – eine Leistungsshow für zeitgenössischen Pop geworden.

Spanien landet auf dem letzten Platz

Mehr hatte sich auch der blondgelockte katalanische Charmebolzen Manel aus Spanien ausgerechnet, aber sein Jack-Johnson-Verschnitt fasziniert höchstens kichernde Touristenmädchen aus Herne. Letzter Platz. Auch der 17-jährige Australier Isaiah („Don’t Come Easy“) hatte mit seinem sehr, sehr traurigen Lied über sehr, sehr viele traurige Gefühle einen schlechteren Stand als seine Vorgänger. Immerhin: Platz 9.

Und Levina? Der Startplatz 21 war perfekt, die Favoriten waren im Programm weit entfernt – Levina hatte deutlich bessere Startbedingungen als ihre Vorgängerinnen Jamie-Lee und Ann Sophie. Und auch die Inszenierung in gleißendem Schwarzgrauweiß entsprach endlich mal voll und ganz dem, was sich die deutsche Delegation so vorgestellt hatte. Ihr Vortrag war fehlerfrei und elegant, aber eben nicht unvergesslich. Dafür kann sie nichts. Es ist grundsätzlich die richtige Entscheidung des NDR, die Suche nach einem geeigneten Song mit der Suche nach einem Interpreten zu verknüpfen. Allerdings muss ein Lied eben nicht dem deutschen Geschmack entsprechen, sondern dem europäischen. Wer jemals in einem osteuropäischen Hotelzimmer einen Musiksender gesehen hat, der weiß, wie weit entfernt vom deutschen Popdurchschnitt der Mainstreamgeschmack von weiten Teilen Europas entfernt ist. Die Konsequenz kann nicht sein, jetzt mit Dudelsack, Alphorn, Ethnotrommeln, halbnackten Rappern, Waschweibern und Eiskunstläufern anzutreten. Aber: Ein bisschen mehr Lebendigkeit bei der Inszenierung, ein bisschen mehr Lebensfreude – warum denn nicht? Drei vollständige Pleiten in Folge können am deutschen ESC-Team nicht spurlos vorübergehen.

Es hat schon spritzigere ESC-Finalshows gegeben

Optisch war der ESC ein greller Stilmix aus seifig grinsenden Muskelprotzen (Israel), überdrehten Hardrockern, die als Bösewichte ungefähr so glaubwürdig waren wie die Minions (Ukraine) und diversen Tülldiven mit dünnem Nerven-, dafür aber umso pompöserem Bühnenkostüm. Warum genau Rumänien eine jodelnde Blondine mit einem rappenden Huckeduster schickte, hat die Forschung noch nicht abschließend beantwortet. Aber was soll’s? Der bizarre Mix machte Spaß. Der Lohn war: 7). Der ESC hat seine eigenen Gesetze. Und eines davon lautet offenbar: Die Bereitschaft eines Künstlers, sich vollständig zum Horst zu machen, ist nicht zu unterschätzen. Was uns zu der Frage führt, warum sich die Griechin Demy bei ihrem „This Is Love“ von zwei halbnackt in Wasser herumpatschenden Tanzherren unterstützen ließ.

Und die Inszenierung? Es hat schon spritzigere ESC-Finalshows gegeben. Die drei ukrainischen Moderatoren arbeiteten sich eher mühselig an ihren Kärtchen ab, zu oft gab’s die Stille nach dem Gag. Das erste rein männliche Moderationstrio der ESC-Geschichte blieb blass. Auch der Show selbst war anzumerken, wie spät sie zustande kam: Das Intro blieb sparsam: Flaggeneinzug der Teilnehmer und dann dreieinhalb Minuten Gerede? Ernsthaft? Das war’s? Weiter entfernt von Stefan Raabs pompösem Opening 2011 kann man kaum entfernt sein. Zu brav, zu artig war das alles – da hatte eindeutig die ukrainische Politik ihre Hand im Spiel, die manche frische Idee kurzfristig als „zu riskant“ kippte.

Der ESC 2017 war hochpolitisches Popereignis, bei dem der Geist Putins immer über den Wassern schwebte. Die Abwesenheit Russlands ist ein Desaster für die Europäische Rundfunkunion. Im Juni, wenn das Glitzerkonfetti zusammengefegt und sich die Gemeinde in alle Welt verteilt hat, wollen die Verantwortlichen über Sanktionen entscheiden. Denkbar, dass sowohl Russland (für die Nichtübertragung des ESC im Fernsehen) und die Ukraine (für die Hartherzigkeit beim Einreiseverbot für Julia Samoilowa) der Zorn der EBU trifft. Möglich aber auch, dass man am Ende Gnade vor Recht ergehen lässt und mit milder Nachsicht auf die friedensstiftenden Absichten des ESC verweist, Regularien hin oder her.

Von RND/Imre Grimm

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