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Medien „Polizeiruf 110: Kindeswohl“ – Bukow völlig von der Rolle
Nachrichten Medien „Polizeiruf 110: Kindeswohl“ – Bukow völlig von der Rolle
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10:10 06.04.2019
Verzweifelt auf der Suche: König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow (Charly Hübner) wollen die Jugendlichen Sami und Keno in Polen (mit Pawel Niczewski, 2. v. l., Pawel Adamski, 2. v. r., und Maria Dabrowska, r.) finden. Quelle: Foto: Christine Schroeder/NDR
Rostock

So kaputt, so verzweifelt und so innerlich zerfressen hat man Kommissar Alexander Bukow noch nie in einem „Polizeiruf 110“ erlebt. Und man muss schon weit zurückgehen, um überhaupt einen Ermittler eines ARD-Sonntagabendkrimis zu finden, der so extrem von der Rolle gewesen ist. Vielleicht der gute alte Schimanski, der ähnliche Auftritte gehabt hat. Vor ihm muss sich Bukow jedenfalls nicht verstecken.

Und wie es Charly Hübner gelingt, diese Figur so absolut glaubwürdig zu verkörpern, ist großartig. Doch sein Rostocker Kommissar ist in dieser ARD-Reihe ja sowieso der Mann für schwierige und schmutzige Fälle. Aber sein aktueller, der für ihn von Amts wegen eigentlich gar kein Fall ist, geht ihm wirklich mächtig an die Nieren, und jederzeit droht Bukow unkontrolliert zu explodieren.

Kein Wunder, schließlich geht es in der Folge „Kindeswohl“ um seinen Sohn Samuel (Jack Owen Berglund), um seine verkorkste Beziehung zu diesem pubertierenden Jugendlichen, und es geht um einen Mord, an dem Samuel indirekt beteiligt gewesen ist.

Eine Spirale der Gewalt im „Polizeiruf“

Der Haupttäter ist allerdings ein anderer: Samuels neuer Freund Keno (Junis Marlon), ein gewalttätiger „schwer erziehbarer“ Jugendlicher, der in einem privat betriebenen Kinderheim lebt. Und obwohl der aufbrausende Keno das genaue Gegenteil vom eher schüchtern-ruhigen Samuel ist, scheint Bukows Sohn das anarchische Gehabe seines Kumpels klammheimlich zu bewundern.

Gleich zu Anfang des Films kommt es beispielsweise zwischen den beiden zu einer handfesten Auseinandersetzung mit dem Türsteher einer Disco, bei der Keno körperlich den Kürzeren zieht. Als Rache werfen die zwei Jungs wenig später dann einen Brandsatz auf das betreffende Gebäude und werden dabei zufällig von Bukows Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) beobachtet, die sich dann den flüchtenden Samuel schnappt. Und Bukow selbst muss danach ziemlich bedröppelt seinen Sohn von der Polizeiwache abholen.

Doch das ist erst der Beginn einer elendigen Gewaltspirale, die sich immer schneller zu drehen scheint. In seiner Wohngruppe wird Keno wegen des Vorfalls bestraft und in einen spärlich eingerichteten Raum gesperrt – ohne Handy, ohne Internet.

Ein kaltblütiger Mord

Er tobt, und irgendwann gelingt es ihm zu fliehen. Gemeinsam mit Samuel, der wegen der hilflosen Erziehungsversuche seines Vaters auch abgehauen ist, macht er sich auf nach Polen. Dort lebt sein bester Freund Otto zwangsweise in einer ärmlichen Bauernfamilie, die mit Wissen des deutschen Jugendamtes den Jungen betreut. Doch ihre Flucht droht gleich zu Anfang zu scheitern, als sie unterwegs den joggenden Heimleiter treffen. Es kommt daraufhin zu einem kurzen Wortgefecht, bevor der Ausreißer Keno plötzlich eine Waffe zieht und den Pädagogen kaltblütig erschießt.

Natürlich begibt sich Bukow dann selbst auf die Suche nach seinem Sohn, an seiner Seite die Kollegin König, die ihn unter Kontrolle halten soll. Danach beginnt eine aufregende Odyssee durch eine klirrend kalte Winterlandschaft bis ins ländliche Polen. Und diese Kälte verstärkt noch diese frostige Geschichte, die bis zum bitteren Ende spannend bleibt.

Der „Polizeiruf“ klagt an

Aber dieser „Polizeiruf 110“ will mehr als nur unterhalten. Der Regisseur Lars Jessen und seine Mitdrehbuchautorin Christina Sothmann erzählen also nicht nur packende und teilweise richtig anrührende Beziehungsdramen – dazu zählt auch das äußerst angespannte Verhältnis zwischen Bukow und König. Ihr Film klagt vor allem an. Im Fokus der Kritik sind die völlig überforderten Jugendämter und das damit verstärkt einhergehende Engagement von privat betriebenen Einrichtungen in der Jugendhilfe.

Durch diese Privatisierung wird die Betreuung der Kinder und Jugendlichen abhängig gemacht von ökonomischen Rahmenbedingungen. Und das hat Folgen: Die Kinder und ihre Probleme, sagt Regisseur Jessen, würden so zu einem Gut, „mit dem die Menschen handeln. Das kann in der Konsequenz zu Missständen führen, wie wir sie in unserem Film beschreiben.“ Und so bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass es tatsächlich ein Skandal ist, dass eines der reichsten Länder dieser Welt solch ein System und solche Missstände zulässt – auf Kosten von Kindern und Jugendlichen.

Von Ernst Corinth/RND

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