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Intimität in Zeiten des Internets

Gänsehaut per Klick Intimität in Zeiten des Internets

Sie heißen Maria, Ally und Heather Feather – ihre Stärke: Menschen per Flüsterstimme ein Gefühl von Verbundenheit vermitteln. ASMR heißt das neue Netz-Phänomen.

Zuhören und spüren: Bei ASMR sollen akustische Signale ein körperliches Wohlgefühl auslösen – derzeit der Trend im Internet.

Quelle: Illustration: RND/Patan

Hannover. Es ist ein angenehmes Gefühl von Kribbeln am Hinterkopf oder am Rücken. Wie ein wohliger Schauer. Ausgelöst wird dieses Gefühl durch Geräusche: etwa Flüstern, Haare-Bürsten oder sanftes Fingernägel-Klackern auf einer Tischplatte. Ein allerseits bekanntes Gefühl, das durch den Austausch Betroffener im Netz einen Namen bekommenen hat und nun auch als Youtube-Phänomen bekannt geworden ist: Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR. Es gibt Millionen von Videos, unzählige Nutzer und regelrechte Stars unter den Video-Bloggern. Die berühmteste Vloggerin ist die in den USA lebende Russin Maria, die als Gentle Whispering (siehe Infokasten) mit ihren Videoclips Millionen Aufrufe und Hunderttausende Follower hat.

Zugegeben, es klingt im ersten Moment etwas bizarr oder sogar banal. Viele sprechen in Bezug auf dieses Phänomen auch von „Kopforgasmus“, was ASMR sehr schnell in eine sexuelle Richtung schiebt, in der es nicht passend einsortiert ist. Vielmehr geht es um Intimität, um Bekümmerung und um Wertschätzung, frei erhältlich per Mausklick. Die meisten Vlogger sind Frauen, aber es gibt auch Männer, die ihre Clips anbieten. In den YouTube-Videos versuchen sie, bei ihren Zuschauern vor dem Rechner dieses Kribbeln zu erzeugen. Viele Darsteller sprechen den Zuschauer mit direktem Blickkontakt an, reden ihm gut zu und wollen ihm das Gefühl geben, dass es jetzt nur um ihn geht. Bei anderen Protagonisten sieht man nur den Oberkörper bis zum Kinn. Dann liegt der Fokus noch stärker auf den Geräuschen.

Maria von Gentle Whispering

Maria von Gentle Whispering: Die gebürtige Russin wird gern mal mit ihren Zuschauern kreativ, zeigt, wie man sich beim Handtücher-Falten entspannen kann oder einen Hochzeitsstrauß bindet.

Quelle: Instagram/YouTube

Ein akustisches Spiel mit Nähe und Distanz

Durch das ruhige Flüstern ins Mikro wird sofort eine entspannende Stimmung erzeugt. Vielen dienen die ASMR-Videos tatsächlich als Einschlafhilfe. Die Protagonisten erzählen unterschiedlichste Geschichten, die vor allem beruhigend und weniger auf Spannung aus sind. Ein bisschen so, als wolle man als fürsorgliche Mutter sein Kind in den Schlaf flüstern. Oder als wolle man einer guten Freundin, die einen harten Arbeitstag hatte, eine kurze Wellness-Auszeit ermöglichen. Das Mikrofon fängt durch die Nähe zum Sprecher jedes Zungenschnalzen und Atmen ein, was ebenfalls sehr auf Beruhigung abzielt. Neben dem leisen Erzählen kommen dann noch andere Trigger hinzu: das Streichen über Bürstennoppen, über Haut, das Kratzen auf Stoffen, das Knistern von Seidenpapier. Es ist ein akustisches Spiel mit Materialien, mit Nähe und Distanz.

Die Forschung tut sich noch schwer mit ASMR

Wissenschaftlich befindet sich ASMR auf unerforschtem Terrain. Das beginnt schon damit, dass das Kopfkribbeln nicht bei jedem Menschen gleichermaßen ausgelöst werden kann. Forscher haben noch keine Herangehensweise gefunden, das Phänomen repräsentativ zu ergründen. „Menschen erleben sensible Phänomene durch einen akustischen Reiz. Das heißt, Akustik wandelt sich in etwas Spürbares“, erklärt Neurologin Claudia Müller und ordnet das Phänomen ASMR aus medizinischer Sicht der Synästhesie zu.

Synästhesie wiederum beschreibt die Münchner Fachärztin als eine Koppelung von zwei oder mehreren physisch getrennten Bereichen der Wahrnehmung. Folglich können zum Beispiel rein akustisch erkennbare Töne das taktile Gefühl von Streicheln auf der Haut auslösen – was eben bei ASMR als Kopfkribbeln zutrifft. Dieses Gefühl ist nicht gleichzusetzen mit dem allgemein bekannten Gänsehautgefühl, das häufig durch Musik ausgelöst wird. Während das Gänsehautgefühl nur wenige Sekunden andauert und eher als aufregendes Gefühl eingeordnet wird, kann das Kopfkribbeln bei ASMR weitaus länger anhalten und löst körperliche Entspannung aus. So wie ASMR wurde auch die Synästhesie lange als Mythos infrage gestellt, bis Forscher in den 1990er-Jahren Methoden fanden, wissenschaftlich zu messen.

Nicht nur im Internet: ASMR als Life-Behandlung

Ein Erkunden des Phänomens findet aber von künstlerischer Seite her statt. The Agency ist eine junge deutsche Performance-Gruppe, die mit Formaten des Neoliberalismus experimentiert. Dazu zählen auch die ASMR-Videoclips. Im Rahmen eines Festivals an den Münchner Kammerspielen hat The Agency tatsächlich die fiktive Agentur „ASMR Yourself“ aufgezogen – mit dem Angebot eines Life-ASMR-Erlebnisses. Damit sollte das Youtube-Phänomen zurückgeführt werden in ein Life-Phänomen. Mithilfe eines Fragebogens wurden die Trigger der Theatergäste analysiert: etwa Flüstern, Fingernägel-Klackern, Rascheln mit Papier. Eben die Dinge, mit denen in den Youtube-Videos gespielt wird. Und am Ende wurde jeder Gast an einen perfekt abgestimmten ASMR-Artisten vermittelt, der eine Life-ASMR-Behandlung geliefert hat.

Intimität als abrufbare Dienstleistung

„Wir wollten herausfinden“, erklärt Rahel Spöhrer von The Agency, „inwieweit Intimität künstlich inszeniert werden kann. Intimität als eine Dienstleistung, die abrufbar ist.“ Die Reaktion der Theatergäste war sehr ambivalent. Auf der einen Seite waren viele begeistert über die komplette Zuwendung. „Aber natürlich wussten die Gäste“, so Rahel Spöhrer, „dass wir Performer emotional distanziert sind. Und das wiederum führte zu starker Irritation und dem Bewusstsein, wie manipulierbar man ist.“ – Der Gast erkennt innerhalb der Performance seine Sehnsucht nach emotionaler Intimität und die Bereitschaft, selbst auf inszenierte Nähe anzuspringen. Das löst den inneren Konflikt aus.

Allerdings schätzt Rahel Spöhrer die Intention der Youtuber anders ein als die des Kunstprojektes von The Agency, nämlich viel persönlicher. Denn das Phänomen ASMR wird beschrieben als eines, das man hat oder eben nicht. Viele der Leute, die die Videos machen, kennen das Kribbeln selbst. Es gab aber nie einen Namen dafür. Seit einigen Jahren gibt es ihn nun: Autonomous Sensory Meridian Response. Ein Titel, der nach Wissenschaftlichkeit sucht. Und mit dessen Akronym ASMR jetzt Menschen auf der ganzen Welt ihre Erfahrungen teilen und bei anderen mittels Video das Gefühl erzeugen können. Banal? Pornografisch? Auf alle Fälle entstand eine Internetcommunity, die riesig ist. Und die im Vergleich zu anderen Communitys unglaublich freundlich und wertschätzend im Umgang ist. Unter den Clips stehen kaum Hasskommentare, wie es sonst im Netz zum Standard gehört. Stattdessen finden sich viel Lob und Dankbarkeit. Eine Post-Internet-Intimität. Wenn das mal kein Phänomen ist!

Das sind weitere Stars der ASMR-Szene

Ally von ASMR Requests

Ally von ASMR Requests: Die US-Amerikanerin mit dem verbindlichen Lächeln flüstert Gutenachtgeschichten und Rollenspiele zu Themen wie Schönheit und Körperpflege ein.

Quelle: Instagram/YouTube

Heather Feather

Heather Feather: Die ASMR-Künstlerin verfolgt einen eher esoterischen Ansatz, experimentiert mit Kerzen, Federn oder legt ihren Zuschauern die Karten.

Quelle: Instagram/YouTube

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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