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Nachrichten Medien Netflix: Stoff für viele gute Comicserien
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18:00 13.08.2017
Millars Sternenmär: Der Comic „Empress“ erzählt von Emporia, die mit ihrem Leibwächter vor ihrem Mann, einem Weltraumdiktator, flieht. Stoff für eine Netflix-Serie? Quelle: Millarworld
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Hannover

Netflix liebt nichts mehr als Sensationen. Beorderte vorige Woche mal einfach so die TV-Legende David Letterman aus dem Ruhestand. Der US-Supertalkmaster mit dem Vader-Abraham-Bart bekommt nach zwei Jahren ab 2018 eine Netflix-Talkshow. Und einen Comic-Verlag haben sich die Flixe dann auch noch gekauft. Millarworld gehört ab jetzt zu Netflix, das Wall Street Journal sprach von einem Kaufpreis zwischen 50 und 100 Millionen Dollar. Ab jetzt kann Netflix wie verrückt neue Comic-Serien herstellen.

Millarworld: Zu Unrecht im Schatten von Marvel und DC Comics

Aber will die jemand? Und wer ist Millarworld überhaupt? Ist der Deal nur ein Sensatiönchen? Im Sektor der Comicverfilmungen zählen doch eh nur Marvel (Heimat von „Avengers“ und „X-Men“) und DC (der Hort von Superman und Batman), oder? Bei denen hatte sich der schottische Comicautor und Firmenchef Mark Millar (48) auch schon verdingt. Er schrieb in den Neunzigerjahren Storys für die DC-Horrorserie „Swamp-Thing“ (über ein Mensch-Sumpfpflanzen-Monster) und stellte sich in der Graphic Novel „Superman: Red Son“ (2001) die Geschichte des Helden vom Planeten Krypton zur Abwechslung mal in der Sowjetunion vor.

2001 wechselte er zu Marvel, für die er bis heute arbeitet, und rief dort die „Ultimates“ ins Leben, ein gefeiertes Reboot der „Avengers“, schrieb erfolgreich an „Spider-Man“ oder den „Fantastischen Vier“ und schuf 2007 mit der „Avengers“-Story „Civil War“ das in den USA erfolgreichste Comicbuch der Nullerjahre. Und: Millar brachte 2008 „Old Man Logan“ hervor, die berührende und düstere Geschichte des alt und krank gewordenen Klingenfinger-Mutanten Wolverine.

Der Film „Kick-Ass“ war der Comicfilm-Hit des Jahres

2004 gründete er für eigene Projekte Millarworld, wo unter anderem „Kick-Ass“ erschien. Dieser Comic wurde in bislang zwei Filme gepackt und gibt eine Vorstellung davon, wie Millarworld/Netflix-Serien aussehen könnten: unglamourös, realistisch, intelligent, witzig. Millar erzählt darin von dem schwächlichen 17-jährigen Dave Lizewski, im Film gespielt von Aaron Taylor-Johnson, der sich ein hässliches Neoprenkostüm kauft und ohne Superkräfte dem Bösen den Kampf ansagt, um ein Mädchen zu beeindrucken. „Kick-Ass“ war die Comic-Film-Überraschung 2010. Was nach Teenie-Romanze klang, war voller knallharter Kill-Billereien im Tarantino-Stil, die zeigten, was passiert, wenn echte Menschen sich zu sehr von zu heftigen Comics inspirieren lassen. Spätestens mit Auftauchen des rabiaten, elfjährigen Hit-Girls (Chloë Moretz) färbte sich die Leinwand hämoglobinrot (wie danach bis zu Marvels „Deadpool“-Film von 2016 nicht mehr).

Ein vergnüglicher Mix aus Fantasy und Realismus

2014 zählte die Agentengeschichte „Kingsman“ mit Taron Egerton und Colin Firth dann zu den besten Comicverfilmungen (eine Fortsetzung kommt am 28. September in die Kinos). Und 2017 waren bislang nicht mal der zweite Auftritt der „Guardians of the Galaxy“ so stark wie „Logan – The Wolverine“, die Verfilmung von Millars „Old Man Logan“. Nur die von den Comics stark abweichende Verfilmung von „Wanted“ (Superschurken beherrschen den Planeten) mit Angelina Jolie funktionierte 2008 nicht.

Millars Mix aus Fantasy und Realismus ist bestens im Geschäft. Und wenn auch „Kick-Ass“, und „Kingsman“ wegen bereits an Hollywood verkaufter Rechte nicht Gegenstand des Netflix-Deals sind – gibt es doch weitere Millar-Comics wie „Empress“ (über die flüchtige Gattin eines Weltraum-Diktators), „Supercrooks“ (Loser-Schurken planen letztes großes Ding), „Chosen/American Jesus“ (über einen jungen, der glaubt, der Gottes Sohn zu sein, der aber der Spross von dessen Antipoden ist) und „Huck“ (einfach gestrickter Superheld will nur lokal begrenzt wirken), die bei den großzügigen Netflix-Budgets eindrucksvolle Serien abgäben.

Der Deal ist wichtig nach der Kündigung von Disney

Einen „modernen Stan Lee“ nannte Netflix Chief Content Officer Ted Sarandos den Schotten und zog bewusst den Vergleich mit dem legendären 94-jährigen Superheldenschöpfer von Marvel. Für Netflix ist der Millar-Deal wichtig. Disney, seit September 2016 in punkto Streaming im Netflix-Boot, möchte künftig in eigener Regie streamen und geht 2019 schon wieder von Bord. Vielleicht stehen damit auch Veränderungen bezüglich Netflix‘ hochwertiger Comic-Serien wie „Daredevil“, „Luke Cage“, „Jessica Jones“ und (ab dieser Woche) „The Defenders“ an. Denn die kommen von Marvel, und die Marvel Studios gehören seit 2009 zum Hause Disney. Gekauft von der Micky Maus für vier Milliarden Dollar. Dagegen war Millarworld für Netflix ein Schnäppchen.

Von Matthias Halbig / RND

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