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Medien Klöckner: „Ich kann es nicht mehr hören“
Nachrichten Medien Klöckner: „Ich kann es nicht mehr hören“
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09:38 07.06.2018
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Quelle: imago/photothek
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Hannover

Lade die richtigen Gäste ein, und die Diskussion wird munter. Besonders wenn es ums Thema Islam geht. Doch nicht nur die Talk-Teilnehmer verfügten über reichlich Gesprächsstoff. Maischbergers Sendung mit dem Titel „Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?“ sorgte schon im Vorfeld für Aufregung. Nach heftiger Kritik hatte der WDR den Thementitel der Sendung kurzfristig noch geändert. Hunderte Facebook- und Twitter-Nutzer hatten den Talkshow-Machern vorgeworfen, mit ihrem ursprünglichen Thema „Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?“ Stimmung gegen Moslems zu machen. Die neu betitelte Sendung lief im Anschluss an den ARD-Film „Unterwerfung“ nach dem Roman des französischen Bestsellerautors Michel Houellebecq. Darin wird das Bild einer westlichen Gesellschaft gezeichnet, die sich nach und nach islamisiert. Ein fiktiver Filmstoff, doch wie steht es mit der bundesdeutschen Wirklichkeit? Ansichtssache – wie die Diskussion bei „Maischberger“ am Abend zeigte.

Wenn Frau Klöckner sauer wird

Mit Julia Klöckner, CDU-Landwirtschaftsministerin, und Haluk Yildiz, Gründer und Vertreter der Migrantenpartei BIG im Bonner Stadtrat, hatten sich zwei Gäste gefunden, die wahrlich als Rederivalen taugten. Yildiz, der immer wieder die Stigmatisierung des Islams beklagte, erhielt von der CDU-Politikerin zunächst einmal den Rat, sich „locker zu machen“ und nicht gleich angegriffen zu fühlen. Im Gegenzug warf Yildiz der CDU-Politikerin im Verlauf der Sendung vor, sich im Hinblick auf die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit nicht auf dem Boden des Grundgesetzes zu bewegen. Da wurde Frau Klöckner aber richtig sauer – beim Grundgesetz hört bei vereidigten Politikern der Spaß auf.

Mit dem Thema Handschlag-Verweigerung überspannt Yildiz den Bogen: „Im Islam gilt es als respektlos, wenn ein Mann einer Frau die Hand gibt“, redet er vor sich hin. Auch die „rituelle Waschung für das nächste Gebet“ sei damit „ungültig“.

„Ich kann es nicht mehr hören!“, schimpft Klöckner. Hinter der Argumentation stecke nur eines: Ein ganz bestimmtes Menschenbild und das sei mit westlichen Werten und dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Keine Angst vor der Islamisierung

Nach Klöckners Auffassung gebe es im Umgang mit dem Islam zu oft „einen vorauseilender Gehorsam“. Ihr Beispiel: Kein Schweinefleisch in der Kita, Laternenfest statt St.-Martins-Fest. Detailreich wurden in der Runde diese Beispiele aufgearbeitet – von allen Seiten. Der „Spiegel“-Autor Jan Fleischhauer hingegen gab zu Protokoll, keine Angst vor der Islamisierung der Gesellschaft zu haben, das sei eine zu hysterisch geführte Debatte. Er versuchte abzudriften, das Thema zu wechseln und auf die Flüchtlinge zu sprechen zu kommen. Dazu gab ihm Sandra Maischberger aber keine Chance. Auch seine Kollegin, die „taz“-Journalistin Bettina Gaus, halte eine Verwandlung Deutschlands in eine islamische Gesellschaft für „absurd“. Sie sei Optimistin und glaube an die Gesetze in diesem Land. Und darauf berief sie sich häufiger.

Echter Glaube statt „homöopathische Form des Christentums“

Einig war sich ihr Jan Fleischhauer mit Haluk Yildiz zumindest darin, dass sich das Verhältnis zum Islam seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 grundlegend geändert habe. Ein Teil des Unbehagens gegenüber Muslimen rühre außerdem daher, so der Journalist, dass diese Menschen an etwas glaubten – im Gegensatz zu dem Großteil der deutschen Bevölkerung, die höchsten eine „homöopathische Form des Christentums“ praktiziere.

Haluk Yildiz spricht von „Lügenpropaganda“

Ein weiterer und kein ganz unbekannter Talkgast, Necla Kelek, wurde nicht müde, den Islam zu kritisieren. Die Autorin und türkeistämmige Soziologin ist selbst Muslima, eignet sich also gut für solche Talkrunden. Kelek betonte, dass der Islam eine politische Religion sei, eine von Männern dominierte: „Der Islam war immer eine Herrenpolitik“, sagte sie. Frauen würden nicht Kopftuch tragen, um Allah zu gefallen – nein, nur wegen der Männer. Im Übrigen werde doch schon viel getan für die Muslime. Keine andere Gruppe fordere so viel, meinte Necla Kelek und sprach von einer Gegengesellschaft. Kaum verwunderlich, dass solche Aussagen nicht von Haluk Yildiz unkommentiert blieben: Das Wort „Lügenpropaganda“ fiel.

Eine Annäherung, gar Erhellendes blieb aus

Lange wurde darüber diskutiert, ob es frauenverachtend oder eben kulturell bedingt sei, warum ein Teil der muslimischen Männer Frauen nicht die Hand reichen würden. Auch bei diesem Aspekt kam man sich nicht wirklich konstruktiv näher. Warum zum Schluss der Sendung noch kurz das Thema Söder und seine christlichen Kreuze in Behörden angeschnitten wurde, wirkte etwas angehängt und dann auch thematisch überborden. Wirklich Erhellendes, gar eine Annäherung blieb wie zu erwarten aus. Die Toleranz endet – wie so oft – bei der eigenen Meinung.

Von Heike Manssen/RND

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Die Gesprächsrunde ist noch nicht ausgestrahlt – doch schon im Vorfeld gibt es Ärger. Hunderte Facebook- und Twitter-Nutzer hatten den Talkshow-Machern vorgeworfen, mit ihrem ursprünglichen Thema „Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?“ Stimmung gegen Moslems zu machen.

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