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Nachrichten Medien Medien und das Problem Populismus
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15:31 07.11.2016
Viele Meinungen, wenig Fakten – Talkshows wie die von Anne Will befördern häufig die Kontroverse, seltener den Diskurs. Quelle: ARD
Berlin

Ein Zuhörer, der bloß da ist, weil er seine Frau begleiten wollte, beruflich aber weder mit Politik noch mit aktueller Berichterstattung zu tun hat, staunt, wie intensiv Journalisten ihre Arbeit reflektieren. Er hatte das nicht vermutet und steht damit wohl nicht allein. Hineingeraten war er in die Konferenz, zu der Deutschlandfunk, die Bundeszentrale für politische Bildung und die Bundespressekonferenz nach Berlin geladen hatten. Zwei Tage wurde dort diskutiert, wie die aktuelle Berichterstattung zu bewerten und mit Populismus umzugehen ist, und was getan werden könnte, um mit Fakten den Nebel diffuser Emotionen und Falschbehauptungen besser zu durchdringen.

Wieder andere Meinungen zulassen

Mit welchen Tricks spielt ein Donald Trump im US-Wahlkampf – und könnte Ähnliches auf uns zukommen, wenn 2017 Bundestagswahl ist? Wie vermeidet man, über jedes Stöckchen zu springen, das einem linke wie rechte Politiker hinhalten – ohne sich verdächtig zu machen, Dinge zu verschweigen? Vor allem aber: Was kann man tun, um die Fähigkeit zum Diskurs zu stärken, Menschen wieder dazu zu bringen, andere Meinungen zuzulassen, mit Argumenten zu arbeiten, einander zuzuhören?

Teils seltsames Verständnis des eigenen Berufes

Bisweilen förderte die Konferenz zutage, dass mancher, der sich Journalist nennt, tatsächlich ein zweifelhaftes Berufsverständnis hat. Zum Beispiel, als der Journalist Jafaar Abdul-Karim, bekannt durch seine preisgekrönte Sendung „Shababtalk“ bei der Deutschen Welle, davon sprach, wie wichtig es sei, nicht zum „Refugee-Journalist“ zu werden: „Ich bin nicht der Araber, der auch Journalist ist, sondern der Journalist, der unter anderem Arabisch kann“. Darauf lege er Wert, also gebe er immer beiden Seiten eine Stimme. Daraufhin fragte ihn Ebru Tasdemnir, eine freie Kollegin, die mit dem Netzwerk „Neue deutsche Medienmacher“ Traineeprogramme für publizistischen Nachwuchs betreut, ob er nicht gerade dadurch, dass er beide Seiten zu Wort kommen lasse, zur Polarisierung beitrage? Abdul-Karim stutzte, bevor er antwortete: „Nein, das ist normal“. Seine Verwunderung, daran erinnern zu müssen, was seit jeher zum Handwerkszeug eines glaubwürdigen Journalisten gehört, war so verständlich wie offensichtlich.

Der Unterschied zwischen Journalismus und Aktivismus

Kopfschütteln erntete auch Annika Reich, die sich als „Aktivistin mit journalistischem Background“ bezeichnet und dazu aufrief, Flüchtlinge als positiv Agierende und nicht als passive Opfer zu zeigen, „je häufiger desto besser“. Schreiben, was ist, lautet die Regel, nicht schreiben, wie man es gerne hätte. Das unterscheidet Journalismus von Aktivismus.

Zu Recht vorgetragen wurde die Kritik, Redaktionen seien hierzulande zu homogen besetzt, wodurch sie die Vielfalt der Hautfarben, Religionen und Herkünfte in der Gesellschaft zu wenig spiegele. Selbstkritik kam auch aus den Reihen der Politik. Etwa die, dass Karriere üblicherweise in der Innenpolitik gemacht wird. Posten in der Außenpolitik würden nachrangig behandelt, obwohl Außenpolitik objektiv wichtiger geworden ist. Hinzu komme eine Fixierung auf den Westen durch selten gewordene Sprachkenntnisse jenseits des Englischen. Die Folgen seien fehlende Sachkompetenz, Unwissen über Länder in Osteuropa und Asien und schlechtere Auslandsbeziehungen, selbst zu einem Nachbarland wie Frankreich.

Soziale Netzwerke, die Stammtische von heute

Der Missstand leistet Verschwörungstheorien Vorschub, gegen die argumentativ schwer anzukommen ist. Am gravierendsten, klagten mehrere der Referenten und Diskutanten, sei jedoch die schwindende Diskursfähigkeit. „Diskurse werden weniger komplex und alternativloser geführt“, sagte Ralf Müller-Schmid von D-Radio Wissen. Soziale Netzwerke trügen dazu bei, dass sich Menschen nur noch unter Gleichgesinnten bewegen. Andere Kommunikationsorte gingen dagegen verloren: Auflagen sinken, Stammtische verschwinden, Vereine wie Parteien leiden unter Mitgliederschwund.

Ein Rat lautete, Institutionen sollten sich öffnen. Anstatt sich hermetisch abzuriegeln, sollten sie rausgehen, Veranstaltungen organisieren, den Menschen zuhören. Politik in ihrer Auswirkung auf konkrete Lebenssituationen zu vermitteln, war ein zweiter Vorschlag. Der dritte lautete, es nicht bei abstrakten Faktenchecks zu belassen, um Verschwörungen und Lügen zu entgegnen, sondern Fakten in emotionale Geschichten einzubetten, an die sich Menschen besser erinnern.

ZDF regt an, offensiver auf Digitales statt auf lineares TV zu setzen

In eine ähnliche Richtung wies das ZDF in einer weiteren Veranstaltung im Anschluss an die Konferenz. Vorgestellt wurde ein Gutachten zur Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wieder ging es um die Frage, wie zivile Diskurse zu organisieren seien, gehört doch zu seiner gesetzlichen Aufgabe, zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen. Niemand könne die Menschen zwingen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu nutzen, um sich zu informieren, sagte der Gutachter Dieter Dörr, wohl aber müsse es möglich sei, sie dort zu erreichen, wo sie sind, und das sei heutzutage im Netz. Das ZDF verbindet damit die Forderung, regulatorische Hindernisse zu beseitigen, um (im Zweifel auf Kosten des linearen Fernsehens) im Digitalen offensiver agieren zu können.

Von RND/Ulrike Simon

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