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"Level X" - Lehrstunde über das Internet

Tatort aus Dresden "Level X" - Lehrstunde über das Internet

"100.000 schauen zu, und keiner hat was gesehen." – Der dritte Dresdner Tatort versucht sich an der großen Thematik des fremden und bösen Internets und bedient sich dabei wie bei den Vorgängern an allerhand Klischees.

Ermittlerin Heni Sieland (Alwara Höfels) betrachtet Simsons (Merlin Rose) Leiche.

Quelle: Gordon Muehle/dpa

Dresden. In der Welt von YouTubern, Prankstern und Fanbases kennen sich die Dresdner Tatort-Ermittlerinnen Henni Sieland (Alwara Höfels)  und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) genauso wenig aus wie so mancher Zuschauer. So kommt es eigentlich ganz gelegen, dass erneut ein Sonntagskrimi versucht, dem Publikum die Jugend von heute zu erklären. Soweit so gut. Allerdings merkt selbst ein Internetneuling, wie sich beim Drehbuch von „Level X“ an sämtlichen Klischees bedient wurde, die der Social Media-Begriff zu bieten hat.

So haben wir das Opfer – den 17-jährigen Prankster Simson - der sein Geld mit den Live-Streams seiner Streiche verdient, aber eigentlich doch lieber etwas Anständiges werden will; seinen unsympathischen Manager, der lediglich am „Big Business“ interessiert ist und dabei mit mehr Anglizismen um sich wirft, als ein normaler Mensch vertragen kann; sowie Simsons angeblich besten Freund, der neidisch auf den Erfolg seines Kumpels ist und nach dessen Tod versucht „aus Scheiße Geld zu machen“, wie Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) gleich zu Beginn feststellen muss.

Um die Liste potenzieller Verdächtigter auszubauen, kommt noch Simsons Vater hinzu, der (wie heutzutage üblich) nicht viel von konservativen Erziehungsmethoden hält; ein korrupter Arzt, der die unverhältnismäßige Entlohnung von Medizinern und Internetstars anprangert und nicht zuletzt die Pfarrerstochter Emilia, die von Simson vergewaltigt und dabei gefilmt wurde. Als das Video im Netz auftaucht, versucht sich die Schülerin aus Verzweiflung umzubringen, wird aber im letzten Moment von den Kommissarinnen gerettet. Als Mörder stellt sich schlussendlich Emilias „Nicht-so-richtig-Freund“ (wie ebenfalls heutzutage üblich) heraus, der sich in Selbstjustiz geübt hat.

Für Neu-Dresdner oder die, die es werden wollen, ersetzt der Film dabei nahezu eine Stadtrundtour durch die historische Altstadt. Ein anfänglicher Streich am Elbufer, die anschließende Flucht über die Brühlsche Terrasse, der Mord auf dem Schloßplatz, die folgenden Ermittlungen vor dem Fürstenzug und in der Uni-Klinik sowie eine rasante Verbrecherjagd im Stadion sind dabei nur einige der Stationen. Zwischendrin erinnern die regelmäßig aufleuchtenden Tweets immer wieder daran, dass wir uns dem großen, bösen Internet nicht entziehen können. Auch immer dabei: Tausende von Live-Zuschauern, die in der Bahn, in der Innenstadt oder von Zuhause in Echtzeit über sämtliche Ereignisse informiert werden.

So bekommt der Zuschauer das Gefühl, man wolle ihn in regelmäßigen Abständen vor den tiefen Abgründen des Internets warnen. Das Internet ist aber, auch wenn es schwer zu erfassen ist, nichts völlig Neues. Man kann es auch nicht, wie Schnabel verzweifelt fordert, „einfach abschalten“. Es gehört also schon ein wenig mehr dazu, als das Internet einfach nur als Ursprung allen Übels zu verteufeln. An sich ist der Gedanke nicht schlecht, dass Jugendliche nur noch in der virtuellen Welt existieren und dabei das wirkliche Leben vergessen. Auch das Ermittlerinnen-Duo hat sich mittlerweile in seiner Rolle eingefunden und überzeugt zunehmend an der Seite des ebenfalls weniger überspitzt dargestellten Kommissar Schnabel. Bleibt nur noch das ewige Spiel mit dem Klischee, das nach dem nun mehr dritten Versuch endlich in die hinterste Ecke vergraben werden darf. Gleich neben die elend sächselnden Gastrollen, die ebenfalls alles andere als lustig sind.

jbü

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