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Medien Krimi zum „Fall Mirco“: Warum wurden die Eltern so kritisch dargestellt?
Nachrichten Medien Krimi zum „Fall Mirco“: Warum wurden die Eltern so kritisch dargestellt?
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21:45 22.10.2018
Wo steckt Mirco? Eine Arbeitskollegin von Sandra Schlitter (Silke Bodenbender, 2. v. r.) hat sein Fahrrad am Rande einer Landstraße gesehen. Die Ermittler Ingo Thiel (Heino Ferch, l.) und Mario Eckartz (Felix Kramer, 2. v. l.) treffen sich mit Sandra und ihrem Mann Reinhard (Johann von Bülow, r.) an der Stelle. Quelle: Kerstin Stelter/ZDF
Grefrath

Es war einer der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte: Am 3. September 2010 verschwand in der Nähe von Grefrath in Nordrhein-Westfalen der zehnjährige Mirco nach einem Besuch im Skatepark im fünf Kilometer entfernten Ortsteil Oedt. Zwei Tage später fanden Fußgänger Mircos grünes Fahrrad zwischen Grefrath und Oedt auf einem Feld – nur 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt.

Es begann die größte Suchaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Beamte sicherten Hunderte Proben, glichen Datenbanken ab, forschten mit Hundestaffeln, elektronischen Geräten und forensischen Mitteln nach Hinweisen auf den Täter. An der Suchaktion beteiligten sich mehr als 1000 Polizeibeamte. Auch Tornado-Kampfjets der Bundeswehr mit Wärmebildkameras kamen zum Einsatz. Taucher überprüften die Gewässer der Umgebung – doch von dem Jungen fehlte zunächst jede Spur.

Bewegender Appell im Fernsehen

Die Eltern richteten sich in einem bewegenden Appell per Fernsehen direkt an den Täter und baten um Hinweise („Gib uns bitte unser Kind zurück oder sage, wo wir Mirco finden können“). Auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ wurde der Fall thematisiert. Insgesamt gingen an die „Sonderkommission Mirco“ unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel 9986 Hinweise ein.

Ein Zeuge gab an, in der Nähe des Fundortes des Fahrrads einen VW Passat B6 beobachtet zu haben. Die Polizei überprüfte mehrere Tausend zur Beschreibung passende Fahrzeuge. Das führte sie auf die Spur des 45-jährigen, bis dahin völlig unauffälligen Familienvaters Olaf H. aus Schwalmtal. Eine Faser in der Beugefalte des Rücksitzes seines Passats überführte ihn. Er führte die Ermittler schließlich zur Leiche von Mirco.

Das Urteil: Lebenslange Haft für Olaf H.

Olaf H. wurde im September 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht erkannte auch auf besondere Schwere der Schuld. Sein Motiv: Frust im Job.

Im ZDF war am Montagabend die Verfilmung des Falls zu sehen: „Ein Kind wird gesucht“ zeichnete akribisch die Kleinarbeit der Ermittler nach. Das Drehbuch basierte auf zwei Büchern: „Soko im Einsatz“ von Thiel, der durch die 145-tägigen Ermittlungen zu einer Art Starermittler wurde, sowie dem 2012 erschienenen Buch „Mirco: Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen“ von den Eltern des Jungen selbst.

Im Film werden Sandra und Reinhard Schlitter – gespielt von Silke Bodenbender und Johann von Bülow – phasenweise als religiöse Sonderlinge dargestellt. Mit tiefgläubigen Menschen tut sich das Fernsehen oft schwer, und auch dieser Film bildete da keine Ausnahme: Die beiden machten den Eindruck, als seien sie nicht von dieser Welt. Regisseur Urs Egger erzählt die Geschichte des Falles aus der Perspektive des Ermittlers Thiel, der kein Verhältnis zur Kirche hat. Sein säkularer Blick ließ vor allem Sandra Schlitter als sonderbare Frau erscheinen, zumal Silke Bodenbender die Figur der Mutter in ihrer Darstellung in ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen mit einem imaginären Heiligenschein versah.

Die Eltern waren in Wahrheit keine Sonderlinge

Entspricht diese Darstellung der Realität? Nach allem, was über das Paar bekannt ist, sind die Schlitters zwar Mitglieder einer freikirchlichen Pfingsgemeinde, aber keine sektiererischen Sonderlinge wie teilweise im Film, sondern schlicht gläubige Christen. „Wir sind nicht an der Frage zerbrochen, warum Gott so etwas zulässt, sondern sind von ihm durch diese Zeit getragen worden“, schreiben sie in ihrem Buch. Die Anregung dazu sei von Ralf Markmeier gekommen, dem damaligen Chef des religiös orientierten Adeo-Verlages, der beide bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem damaligen Präses der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, in der Talkshow „Beckmann“ gesehen hatte.

Im Vergleich zur Wirklichkeit erscheint die Darstellung der Eltern im ansonsten überaus gelungenen ZDF-Film übertrieben. Überzeichnung ist im fiktionalen Fernsehen ein zulässiges Werkzeug – aber gleichzeitig ein Effekt, den dieses Werk angesichts seiner sonstigen Qualität gar nicht nötig hatte.

Dennoch könne sie „gut damit leben“, sagte Sandra Schlitter in einem Interview bei der Präsentation des Films zur ZDF-Ausstrahlung in Köln. Ihnen sei klar, dass ihr tiefer Glaube manchen irritieren könne, aber er habe ihnen die Kraft gegeben, den Mörder ihres Sohnes nicht zu hassen. Der Film halte sich „im Großen und Ganzen“ an die Realität.

Von r./tg/RND

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