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00:00 02.06.2017
Staffel 5 beginnt, wo Staffel 4 endete: In Litchfield ist Revolte. Die Handlungszeit der 13 neuen Folgen von „Orange is the new Black“ beläuft sich auf drei turbulente Tage. Quelle: Netflix
Hannover

Blond, immer große Augen und dann noch diesen schnuckeligen Ausdruck auf den Lippen, den auch Meg „Harry und Sally“ Ryan aufzusetzen pflegte, wenn sie böse Überraschungen zu verdauen hatte. Piper Chapman sieht aus, als könnte selbst ihr Pipi kein Wässerchen trüben, als hätte sie nie etwas Verboteneres gesehen als eine mittelscharfe Episode vom Urwaldtierarzt „Daktari“. Aber Piper hat es nach vier Staffeln „Orange is the New Black“ faustdick hinter den Ohren und ist längst keine Vollsympathin mehr. Dass sie das nie war ahnten wir schon damals, als sie und die pferdegesichtige Tranfunzel Larry einander zu Beginn ihrer Haftstrafe ewige Treue schworen, gemeinsam die missliche Lebensphase zu durchzustehen.

Aufstand zu Beginn der fünften Staffel

Vor Larry hatte Piper mit der Drogendistributorin Alex einen Partner „in bed“ und „in crime“ gehabt. Für Alex hatte sie hin und wieder einen Koffer Drogengeld transportiert. Jahre später wurde genau das ihr Verhängnis. Verpfiffen von Alex landet die Tochter aus gutem Hause für zunächst 15 Monate im Gefängnis, muss die orangefarbene, später beigebraune Gefängniskluft der Litchfield Penitentiary tragen. Dass alles länger dauern und die ewige Liebe früh enden wird, ahnten wir bald. Zumal verflixterweise auch die Ex-Geliebte Alex hinter Litchfields Schloss und Riegel gebracht wurde. Vier Jahre später sitzt Piper immer noch ein. Zu Beginn von Staffel 5 befinden wir uns in einem Gefängnisaufstand. Die 13 neuen Folgen, die ab heute zum Streaming bereitstehen, spielen in nur drei Tagen.

Süß wie Orangen, bitter wie Pampelmusen

Der Durchbruch des Streamingdienstes Netflix zum Serienproduzenten kam 2013 mit dem Politthriller „House of Cards“. Aber obwohl man sich bezüglich der Zahlen bedeckt hielt, gewann die anfangs im „House“-Schatten gestartete TV-Knasteria „Orange“ in Diskussionen deutscher TV-Foren immer mehr den Ruf, die interessantere Geschichte zu erzählen. Bis auf wenige Ausnahmen waren es unbekannte Schauspielerinnen, die ihre große Chance bereits hinter sich wähnten. Zu durchschnittlich sahen sie für Hollywoodverhältnisse aus: zu alt, zu pfundig, zu unreine Haut, nicht die Laufstegschönheiten, die die Traumfabrik so gern besetzt. Genau dieses Ensemble aber – Charakterdarsteller wie Uzo Aduba (Crazy Eyes), Samira Wiley (die in Staffel vier dramatisch verblichene Poussey Washington) oder Taryn Manning als durchgeknallte Extremchristin Pennsatuckey machten „Orange“ zur Delikatesse. Viel Witz steckt in „Orange“, aber immer wieder wird alles bitter wie Pampelmuse. Und spätestens als sie einen frisch gebrauchten Damenhygieneartikel in ihrem Hamburger fand, war der von Taylor Schilling hinreißend gespielten Piper Chapman die Farbenlehre im Gefängnis klar: Orange ist keine Farbe der Freude.

Der Zuschauer liebt Gefängnisserien

Gefängnis geht immer. Es ist der Ort an dem die Ausgestoßenen der Gesellschaft in geheimnisumwitterter und gruseliger Abgeschiedenheit leben. Hinter jede Mauer, hinter die einem der Blick nicht verstattet ist, will das Publikum schauen, erst recht, wenn dort unter der offiziellen Ordnung ein unseliges, kriminelles Eigenleben wimmelt und man Menschen in mancherlei Hinsicht entblößter sieht als sonst. Immer schon war die Knastmoritat ein eigenes, höchst attraktives und erfolgreiches Subgenre des Kriminalfilms. Ob nun 1950 in „Zelle R 17“ der fiese Captain Munsey (Hume Cronyn) den coolen Burt Lancaster zur Revolte brachte, Paul Newman 1967 in „Cool Hand Luke“ eine kriminelle Bagatelle am Ende mit dem Leben bezahlte oder sich der unschuldige Tim Robbins in „Die Verurteilten“ (1994) hinter den Postern von Hollywoodgöttinnen einen Weg in die Freiheit grub. Die Gänsehaut ist bei Gefängnisgeschichten garantiert, denn unterschwellig weiß jeder, dass ein unachtsamer Augeblick im Leben reicht, um selbst hinter Gitter zu kommen.

„Oz“ war eine Klasse für sich

Dieser Alltagsthrill brachte schon 1997 HBO, die „Erfinder“ des amerikanischen Qualitätsfernsehens, dazu, mit ihrer ersten großen Serie – nein, es waren nicht die „Sopranos“ – hinter schwedische Gardinen zu blicken. „Oz – Hölle hinter Gittern“ brachte es in den USA auf sechs Staffeln. In Deutschland eher mutlos ausgewertet, erlebt das Prachtstück derzeit seinen zweiten Frühling auf DVD. „Oz“ war eine Klasse für sich, was auch für die vier Staffeln der Fox-Serie „Prison Break“ gilt, die von 2005 an von einem Unschuldigen im Todestrakt erzählte und von seinem Bruder, der einrückte, ihn zu befreien. Erst in diesem Jahr gabs den Nachschlag einer fünften Staffel. Aus deutscher Produktion lief ab 1997 zehn Jahre lang bei RTL die knallkomische Frauenserie „Hinter Gittern“ mit Katy Karrenbauer, ab 2015 klopfte Denis Moschitto bei ZDF-Neo „Im Knast“ seine Sprüche (am 27. Juli startet die zweite Staffel). Während es in der US-Zelle hardcore zugeht, ist die deutsche eher der Hort von Kasperei.

Als der Stern von „Orange“ 2013 aufstieg, war Deutschland noch Gefangener des Lagerfeuerfernsehens, war Netflix Germany noch nicht einmal Zukunftsmusik und Google war der Erlöser aller nach „Orange“ Darbenden. Fand man dort doch Anleitungen, sich die viel beschworenen Gitterfrauen auf Laptop oder Tablet zu laden. Viele, die in Sachen „Orange“ mitreden wollten, wählten indes den weit einfachen Zwei-Klicks-Weg über Pirate Bay. Was zwar illegal war, einen aber auch der inhaftierten Heldin Piper irgendwie näher brachte. 2017 ist alles längst anders. Es gibt einen deutschen Netflix-Ableger, und Binge ist der Bringer – der Zuschauer von heute portioniert selbst oder guckt alles auf einen Rutsch.

Erschütterung über das Ableben geliebter Figuren

Was er jetzt bei „Orange 5“ wieder tun wird. Man hat die süßen und bösen Früchtchen nach ein paar Minuten wieder ins Herz geschlossen, schätzt die Schufte, die sich in Schafe verwandeln und die Schafe, die schrecklich werden. Und wenn, wie in der vorletzten Folge der vierten Staffel, unverhofft eine der beliebtesten Figuren aufgegeben wird, ist man so erschüttert wie über die berühmte „Rote Hochzeit“ in der Fantasy-Saga „Game of Thrones“, die die aufrechte Adelsfamilie der Starks stark dezimierte.

Jetzt hat das Warten ein Ende. Staffel 5 von „Orange“ ist da, alles geht drunter und drüber, alle Schicksale sind im Ungewissen, nur eins wird mit Pipers Weibern klarer denn je:

Fernsehen ist das neue Kino.

Von Matthias Halbig / RND

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