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Nachrichten Medien Hey Siri, mir ist langweilig!
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16:51 06.06.2017
Alles super: Apple-Chef Tim Cook. Quelle: dpa
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Hannover

Am Ende, nach zweieinhalb Stunden Duldungsstarre, als Tim Cook noch grauer aussah als das iPhone 6S in Space Grau, als selbst der enthusiastischste der 5400 Apple-Jünger leergeklatscht mit toten Augen in seinem Sessel hing, konnte ich nur mit Mühe die aufflammende Kauflust unterdrücken. All das, was mir der Apfelmann soeben mit warmen Worten ans lodernde Herz gelegt hatte, wollte ich sofort besitzen! Ich wollte es benutzen, mit mir herumtragen, es hegen und pflegen und nach zwei Jahren bei eBay verkaufen oder an die Familie durchreichen, um mich aufs Neue vom Apfelmann begeistern zu lassen und ihm all mein Geld zu geben!

Soweit die Theorie.

In Wahrheit fühlte ich: nichts. Gar nichts. Nur eine tiefe Müdigkeit. Ich überprüfte in meinem sedierten Gehirn, an welches Detail aus dem 180-minütigen Produktfeuerwerkchen, das die älteren Herren von Apple da in ihren lose flatternden Hemden mit ihren lose flatternden Marketingfloskeln soeben abzufeuern bemüht waren, ich mich noch erinnern konnte. Welche Information hatte den größten Eindruck hinterlassen? Was hatte Phil Schiller noch gesagt? Oder Craig Federighi? Oder diese schwangere Frau, die Apple ganz offensichtlich auf die Bühne geholt hatte, weil sie eine Frau ist und schwanger und es sogar bei Apple inzwischen ein bisschen peinlich ist, wenn nur Männer etwas sagen dürfen?

Woran ich mich erinnerte, war dies: Diese fünf kleinen Punkte oben links auf dem iPhone, die die Netzstärke signalisieren, sind künftig wieder Balken. Sie waren früher schon mal Balken. Dann waren sie Punkte. Im neuen Betriebssystem iOS11 sind sie wieder Balken. Halleluja.

Jetzt neu: Balken statt Punkte

Das also war mein persönlicher Höhepunkt der Keynote in der Kathedrale zu Cupertino (beziehungsweise: bei der Worldwide Developers Conference in San José in Kalifornien), die ich – in alter Verbundenheit – live auf dem Apple TV verfolgte, weil das in den Nullerjahren mal kurz spannend war. Balken. Natürlich kann man nicht jedes Jahr ein Produkt von der revolutionären Kraft des ersten iPhone aus dem Hut zaubern. Man kann aber auch keinen leeren Hut in die Menge halten und rufen: „Dieser Hut enthält alles, was ihr braucht! Es ist der tollste und wertvollste und leistungsstärkste Hut, den Apple jemals gebaut hat!“ Nein. Diese Apple-Keynote war so spannend wie ein Abend mit Jörg Schönenborn und zwei Flaschen Mineralwasser.

Ich darf die Höhepunkte kurz zusammenfassen:

• Es gibt ein neues iPad Pro. Es ist nach Informationen von Apple sehr toll. Das Display unterstützt HDR und True Tone. Videos und Bilder sehen noch besser aus.

• Siri, die alte Ziege, versteht jetzt manchmal mehr. Und sie kann sogar übersetzen. Was allerdings immer noch nicht funktioniert, ist folgender Sprachbefehl: „Hey Siri, bitte erkläre dir selbst, was ich dir gerade gesagt habe.“

• Ähnlich wie Google und Amazon verkauft auch Apple demnächst einen Lautsprecher, der auf Zuruf alles Mögliche erledigt. Es gab Zeiten, da baute Google mal Apple-Produkte nach und nicht umgekehrt. Das Gerät heißt HomePod, was allein schon jeden Kaufimpuls unterdrückt. Er sendet alles, was in meinem Wohnzimmer passiert, direkt auf einen Server in einen überseeischen Krisenstaat. Wenn das kein Verkaufsargument ist.

• Das Kontrollcenter in iOS 11 ist künftig auf einer einzelnen Seite angeordnet. Man muss weniger wischen und darf in Maßen selbst entscheiden, was man gerne kontrollieren möchte. „Toll!“ (Apple).

• Apple Music „bietet mehr Möglichkeiten, um Musik gemeinsam mit Freunden zu entdecken“. Abonnenten können jetzt verfolgen, welche Musik ihre Freunde gerade hören. Im Ernst, Apple? Ich bin manchmal konditionell nicht mal in der Lage, zu verfolgen, welche Musik ich selbst gerade höre.

• Der App Store zeigt künftig vor allem Apps, die irgendwelchen „App-Store-Redakteuren“ gefallen, weil sie viel Umsatz bringen. Der Rest wird noch besser versteckt als vorher.

• iTunes ändert sich nicht die Bohne und bleibt das überfrachtete, ruckelnde, leicht beleidigte Chaos, das es seit Jahren ist.

• Wer einen persönlichen Klingelton erstellen möchte, muss weiterhin eine per App erstellte Sequenz per iTunes rückimportieren, weil alles andere ein völlig unzulässiger, ganz böser Eingriff in die Dateistruktur des iOS wäre. Andere Möglichkeit: ein anderes Telefon kaufen.

Wie eine verblühte Jugendliebe

Man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Apple und ich haben uns nicht mehr viel zu sagen. Ich begegne dem Weltkonzern mit seiner ganzen anstrengenden Geheimnistuerei und diesen gehirngewaschenen Fanboys im Publikum wie einer verblühten Jugendliebe, die ich zufällig bei Edeka treffe („Hi! Und was machst du jetzt so? Ach, immer noch diese iPhones …“). Der Sargnagel für die einst sehr schöne Beziehung zwischen dem wertvollsten Unternehmen der Welt und ihrem nicht weiter ins Gewicht fallenden Kunden aus „Lower Saxony/Germany“ war eine kleine Meldung aus Bonn vor ein paar Jahren. Dort gibt es ein beschauliches, 100 Quadratmeter großes Familiencafé namens „Apfelkind“. Es ist der Lebenstraum von Christin Römer (39), sie verkauft dort Bratäpfel, Apfelkuchen und Törtchen in Kuschelambiente.

Das Logo des „Apfelkinds“ zeigt einen roten Apfel mit einem stilisierten Kinderkopf. Römer meldete das Motiv beim Münchener Patent- und Markenamt an. Und rief damit die Apple-Anwälte auf den Plan. Prompt gab‘s Post aus Kalifornien, von „Apple Inc., 1 Infinite Loop, Cupertino, USA“. „Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, ist unsere Mandantin ein erfolgreicher Hard- und Softwarehersteller“, hieß es darin. Römer solle das Patent zurückziehen, es herrsche „Verwechslungsgefahr“ zwischen dem Apple-Logo und dem „Apfelkind“-Logo. Mehr noch: Das Erkennungszeichen des Cafés in der Argelanderstraße 48 in Bonn gefährde die globale Reputation der Weltmarke Apple. Bitte? Was kommt als Nächstes? Verklagt Apple Obststände? Fallen Horden von Anwälten auf Wochenmärkten ein? Muss das Alte Land auf Birnen umschulen?

Bevormundung und Unersättlichkeit

Apple biss sich am Bonner Äpfelchen die Zähne aus – und verlor vor Gericht. Von da an ging’s emotional bergab. Der Totengräbercharme von Tim Cook gab meiner Apfelliebe dann den Rest. Ich habe Respekt davor, wie der Mann unermüdlich versucht, sich Charisma und Enthusiasmus abzuringen. Allein, ich nehme ihm nichts davon ab. Bevormundung und Unersättlichkeit gehen Hand in Hand.

Als Steve Jobs starb, glich Apple einer Weltreligion, die ihren Propheten verloren hatte. Tausende strömten in die Apple Stores wie in Kathedralen, hielten ihre iGeräte hoch, auf denen digitale Kerzen flackerten, und trauerten. Apple galt als „das Gute“ in der digitalen Wirklichkeit, der coole, smarte, innovative, fröhlich abgezockte Gegenspieler zum alten Recken Microsoft. Wie ein gereifter Star-DJ, dem auch aufstrebende Popsternchen wie Google, Amazon und Facebook nicht die Mädchen wegnehmen können. Natürlich war das alles auch eiskaltes Marketing. Aber der Satz „Unter Steve hätte es das nicht gegeben“ wurde zum „Wenn das der Führer wüsste“ des Silicon Valley.

Es war, als habe Jobs die Kratzer im Lack nur überstrahlt, als sei plötzlich sichtbar geworden, dass Apple gar nicht der kultige Riese aus Kalifornien ist, sondern eine ganz normale neokapitalistische Milliardenmaschine.

Der Todeskuss von Steve Wozniak

Es gehört zu den üblichen Reflexen der Mediengesellschaft, dass auf einen Hype ein „Setback“ folgt, ein medialer Rückschlag. Auf der Sinuskurve der Erregung muss auf Sonnenschein zwingend Regen folgen. Im Fall Apple aber war die Suche nach wunden Punkten jahrelang erfolglos. So sehr man auch grub – selbst die strenge Technik-Journaille in den USA förderte in den Nullerjahren kaum Makel zutage. iPod, iPhone, iPad – alles flutschte beim Musterkonzern, jahrelang. Alle Medien bliesen jede Produktneuheit artig in die Welt hinaus, glücksbesoffen über die Segnungen des Weltkonzerns. Und niemanden schien zu stören, dass die Voraussetzung für all die Wow-Effekte, für all die Perfektion ein in sich geschlossenes System aus Hard- und Software war, die systematische Ausbeutung von Billiglöhnern in Asien und ein kulanzfreies Durchregieren bis hinein in die Gewohnheiten und Routinen von Millionen Kunden.

Der Todeskuss kam dann von dem Mann, der einst den „Mac“ erfand. Steve Wozniak, für viele Apple-Fans der bewunderte „Papa Bär“ der iSzene, vermisst die Innovationskraft bei Apple. „Siri versteht mich nicht, wie immer“, sagte er in einem Interview. Und Samsung habe doch „einige schöne Innovationen zu bieten“. Das ist böse.

Dieses Jahr wird das iPhone zehn Jahre alt. Apple verdient so viel Geld wie noch nie.

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Von Imre Grimm/RND

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