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Medien Heinz Strunk und Olli Schulz schauen auf 2016 zurück
Nachrichten Medien Heinz Strunk und Olli Schulz schauen auf 2016 zurück
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20:59 21.12.2016
„Lernen Sie von Carsten Maschmeyer: Bescheißen Sie sich selbst“: Heinz Strunk (l.) und Olli Schulz bei der Arbeit. Quelle: NDR
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Heiligendamm

Herr Strunk hat sich eine elektrische Zahnbürste gekauft. Und „einen schicken Wasserkocher“. Und eine neue Matratze. Ansonsten war er 13-mal beim Frisör und einmal beim Zahnarzt. Er hat knapp 100 Auftritte absolviert und ist – toi, toi, toi! – nicht ernsthaft erkrankt. War sonst noch was im Jahr 2016, das sich jetzt auch endlich in die Zielgerade schleppt? Joah. Brexit, Trump, Aleppo, Prince und so. Aber darum geht es hier bloß am Rande. Das können alle. Hier bei Heinz Strunk und Olli Schulz geht es um 2016 als individuellen Erlebnisparcours. Als Kaleidoskop der kleinen Dinge, quasi als 366-Tage-Privatunglück.

Jahresrückblick aus dem Hotelzimmer

Und so sitzen sie da im gehobenen Plüsch des Grandhotels Heiligendamm an der Ostsee. Strunk hat sich als Hotelgast einquartiert, Olli Schulz gibt in Personalunion den Portier, Barmann, Pianist, Hausmeister, Zimmerkellner und Bademeister. Was folgt, sind 30 Minuten hingenuschelte Doppelbödigkeit: In kleinen Szenen sagt das Duo diesem Jahr, das keiner brauchte, Auf Nimmerwiedersehen.

Strunk als nöliger Althipster, Schulz als schnurrbärtiger Sidekick – und beide gleichermaßen fassungslos über den Zustand des Planeten und seiner Bewohner. Aber vergessen wir nicht: „Die Dummen kennen die Fakten, die Klugen die Zusammenhänge.“

Er fühle „eine Verantwortung auch Ihrer Lebenszeit gegenüber“, sagt Strunk in die Kamera. Also ordert er einen Bordeaux, „der was kann“, und ledert los. Über diese selbstoptimierten „Sexy-lecker-geil-Menschen“ mit ihren Fitnessarmbändern, deren Leben ein pausenloses Workout ist. Über die Versuche des Pöblers und Minimachos Carsten Maschmeyer, sich in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ als „pergamenthäutigen, nussknackerartigen“ Mäzen und Menschenfreund zu inszenieren („Lernen Sie von Carsten Maschmeyer: Bescheißen Sie sich selbst, bevor es andere tun“).

Eine Karikatur des postfaktischen Zeitalters

Über den Boom von Verschwörungstheorien („Wussten Sie, dass Frank-Walter Steinmeier in Wirklichkeit die Frischeabteilung der Edeka-Filiale Hansen in Delmenhorst-Süd leitet?“). Irgendwann sitzen beide mit Querflöte und Gitarre vor dem Bild einer Moschee und singen zu „Hotel California“ die Zeile „Wir sitzen hier wieder im Hotel und schau’n nach vorn, ja“, und so schlimm kann dann alles doch gar nicht sein.

„Herr Strunk, Herr Schulz und das Jahr 2016 – Der andere Jahresrückblick“ ist nicht in jeder Sekunde brillant und schauspielerisch nicht durchgehend erste Liga. Manches Pseudospontane wirkt hergesagt. Unterm Strich aber ist die Show eine sehenswerte kleine TV-Liebhaberei, eine sympathische, schrullige Collage des Wahnsinns. Es tut ja schon gut, wenn zwei Chefironiker, die selbst eher nicht zu den „Sexy-lecker-geil-Menschen“ gehören, in einer mit Liebe zum Handwerk gefertigten Satire ihren gehobenen Weltekel aus dem Rollkoffer zum Besten geben.

Die Langeweile gehört ja – wie Baudelaire mal schrieb – „in der schändlichen Menagerie unserer Laster zu den hässlichsten, schmutzigsten“. Der strunksche Ennui ist Lebensüberdruss auf hohem Niveau. Was für eine coole Finte, diesem protzigen, tragischen, düsteren Jahr 2016 einfach mit hanseatischer Kühle, hochgezogener Augenbraue und der Bemerkung zu begegnen: „Kommt da noch was? Das war’s, echt? Ich bin nicht beeindruckt.“ Das ist wie „Dittsche“ mit Abitur. Mit Perlwein statt „Hobel“.

Und wie wird 2017?

Wie gut, dass Olli Schulz seine angekündigte TV-Flucht nicht konsequent durchzieht, sondern ab und an noch als irrlichternder, tendenziell kluger Counterpart zur Verfügung steht. Das erste gemeinsame TV-Projekt der beiden Hamburger Querköppe, das Mittwoch um 23.15 Uhr zu sehen ist, sollte 2017 unbedingt eine Fortsetzung finden. Zuvor um 23 Uhr läuft bereits „Postillon24 – Der Jahresrückblick“ mit Anne Rothäuser und Thieß Neubert. Die Fernseherweiterung der sagenhaft erfolgreichen Satirewebsite „Der Postillon“ sucht noch etwas nach ihrem Ton.

Und wie wird 2017 nun, Herr Strunk? „Es wird ein rosiges Jahr“, sagt er, „ein Feuerwerk der schönen Dinge.“ Günther Jauch wird Bundespräsident, Elektroautos werden Pflicht. Musicals, Schlager-Moves, Rock-Kreuzfahrten, Harley-Days und Oktoberfest werden abgeschafft, sagt Schulz am Ende. Es wäre ein Anfang. Und jetzt: weitermachen.

Herr Strunk, Herr Schulz und das Jahr 2016

NDR, Mittwoch, 23.15 Uhr

Mit Heinz Strunk und Olli Schulz

Von RND/Imre Grimm

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