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Medien Hackfresse down: Warum Til Schweigers „Tatort“ trotz allem unterhaltsam war
Nachrichten Medien Hackfresse down: Warum Til Schweigers „Tatort“ trotz allem unterhaltsam war
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12:17 09.07.2018
Hamburger Bulle über den Dächern von Istanbul: Nick Tschiller (Til Schweiger) sucht im „Tatort: Tschiller - Off Duty" seine Tochter Lenny (Luna Schweiger). Quelle: dpa
Hamburg

Willkommen in der aufregenden Welt von Nick Tschiller. Einer Welt, in der die Gesetze von Schwerkraft und Logik keine Gültigkeit haben. Einer Welt, in der man alles Mögliche sein darf – nur nicht Obsthändler in Großstädten mit engen Gassen. Einer Welt, in der selbst umstürzende Bäume noch explodieren würden wie Wasserstoffbomben in Nordkorea bloß für ein paar zusätzliche pyrotechnische Schauwerte. In dieser Welt parken deutsche Kommissare auch mal mitten auf dem Roten Platz in Moskau wie weiland Mathias Rust. Nur eben nicht mit einer Cessna 172 P, sondern mit einem Mähdrescher. Warum? Weil sie es können.

Nick Tschiller is back, der eisenharte Actionkommissar mit der herb-öligen Hautfarbe eines krossen Brathahns, der seit vier ARD-Sonntagskrimis in Hamburg ein kurdisches Verbrechersyndikat jagt. Sein fünfter Einsatz führte ihn ohne großen Erfolg erst ins Kino – jetzt zeigte die ARD den Krimi mitten in der Sommerpause. Schweiger selbst ist unglücklich über den Sendeplatz: „Ich fühle mich im Regen stehen gelassen“, klagte er in der „Bild an Sonntag“. Immerhin: Bei der Fußball-WM ist spielfrei an diesem Tag. Das wäre der ARD dann doch zu fies gewesen.

Und worum ging es? In „Tschiller: Off Duty“ ballert sich Til Schweiger 135 Minuten lang nicht durch den Hamburger Hafen, sondern durch düstere Kaschemmen in Istanbul und Moskau. Schließlich ist er in Hamburg zuletzt wegen akuter Eigensinnigkeit vom Dienst suspendiert worden. Folgerichtig hält er sich fern von Elbphilharmonie und Waterkant.

Harald Glööckler in der Mini-Playback-Show

Es läuft nicht so richtig gut für Tschiller: Sein Kumpel Yalcin Gümer (Fahri Yardim) baumelt in einem Sadomaso-Schuppen nackt von der Decke. Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger) wiederum ist heimlich nach Istanbul abgehauen, um dort den Mann zu töten, der ihre Mutter erschossen hat: Firat Astan (Erdal Yildiz). Unterwegs wird sie in übelster #metoo-Manier von einem sabbernden Taxifahrer angeschmachtet, gegen den nur eine Wumme hilft. Der ziemlich böse Boss Astan zittert freilich selbst vor einem noch viel böseren Oberboss, der ein bisschen aussieht wie eine Mini-Playback-Ausgabe von Harald Glööckler. Der Mini-Glööckler lässt Lenny entführen und plant schlimme Dinge. Als Tschiller davon erfährt, sitzt seine Tochter bereits in einem Container voller Mädchen auf einem Schiff nach Moskau. War aber auch eine selten dämliche Idee, als einsame Rächerin nach Istanbul aufzubrechen.

Es folgt: eine furiose Schnitzeljagd durch das organisierte Verbrechen Osteuropas. Vaterliebe ist eben eine viel stärkere Motivation als das deutsche Grundgesetz. Nicht ohne meine Tochter! In der russischen Pampa schließlich landet Lenny auf dem Operationstisch vom „Sandmann“. Der Sandmann, der liebe Sandmann, ist ein ganz fieser Teufel. Sandmann ist nur sein Künstlername, in Wahrheit heißt er Dr. Schmidt und ist Chirurg. Huh. Es folgen: fliegende SMS-Nachrichten, explosive Partygäste, rotierende Abrissbirnen.

Das hier ist nicht „Das weinende Kamel“

Es war der erste Kino-„Tatort“ nach „Zahn um Zahn“ (1985) und „Zabou“ (1987) mit Götz George alias Horst Schimanski. Bei der ARD und bei Warner Bros. beeilte man sich zu versichern, dass der Film eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt, die auch Kinogänger ohne Tschiller-Vorkenntnisse verstehen. Trotzdem blieben die Kinos leer. Deutsche Action hat einfach keinen guten Leumund.

Tatsächlich ist es völlig wurscht, ob man die Tschiller-Krimis gesehen hat oder nicht. Komplett zu verstehen ist die Story sowieso nicht. Aber was soll’s? Das hier ist nicht „Das weinende Kamel“, sondern „Der ballernde Tschiller“. Und gemessen an den Ansprüchen des Genres liefert diese listenreich konstruierte Thrillerklamotte saubere Action, ironische Sprüche („Was soll’n das hier sein? Ein KGB-Folterkeller? Büsch’n klischeehaft, nä?“) und herzzerreißende Buddy-Liebe zwischen Schweiger und Yardim („Ich hab dich lieb!“ – „Wird das jetzt’n Heiratsantrag?“). Dazu gibt’s liebevolle Actionhommagen wie die gute, alte Adrenalinspritze aus „Pulp Fiction“ oder einen FBI-Agenten, der bei James Bond noch Felix Leiter hieß. Herausragend: Yardim als leicht angenervter, aber loyaler Busenfreund und Alyona Konstantinova als irrlichternde russische Komplizin mit Eigeninteressen. In einer Gastrolle: Hakan Orbeyi („Sumo Bruno“) als dickfelliger Knastbruder, von dem sich Tschiller im türkischen Gefängnis vermöbeln lässt, um dann aus der Krankenstation zu flüchten. Denn wenn ein Tschiller aus einem türkischen Knast will, heute noch, dann kommt er da auch raus, heute noch.

Auf einer Glatze Tschillerlocken drehen

Regisseur Christian Alvart tut, was er bereits vier 90-Minüter lang tat: auf einer Glatze Tschillerlocken drehen. Das ist breitschultriges, kerliges Ausrufezeichenkino. „Off Duty“ ist laut, überdreht und am Ende ziemlich putzig, aber nie langweilig (Buch: Christoph Darnstädt). Zu „The Man Comes Around“ von Johnny Cash stapft Schweiger da im zerrissenen Hemd breitbeinig durch finstere Stadtviertel wie ein Türsteher mit Leistenbruch. Verfolgungsjagd mit Landmaschinen? Im Mäher nach Moskau? Im Kleinwagen durch die russische Taiga? Lambada im Lada? Alles kein Problem für Tschiller. „Die nageln deinen Arsch schneller fest, als du Tschiller sagen kannst!“, warnt ihn Kumpel Gümer. „Tschiller“, sagt Tschiller trocken. Nix passiert. Siehste, heißt das. Der Typ, der mich kaltmacht, muss erst noch geboren werden. Hackfresse down.

„Tatort: Nick Tschiller – Off Duty“ am Sonntag, 8. Juli, um 20.15 Uhr in der ARD

Von Imre Grimm

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