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10:50 20.04.2017
Symbolfoto Quelle: dpa
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Berlin

Seit ich freiberuflich arbeite, sind für mich die schönsten Stunden des Tages jene anderthalb am Morgen, in denen ich im Café sitze und Zeitung lese, ab Temperaturen von zehn Grad plus und bei Sonne natürlich draußen. Ich genieße das umso mehr, weil ich weiß, dass die meisten Kollegen zur selben Zeit in muffigen, wahlweise klimatisierten Räumen konferieren und dabei nicht selten zu Protagonisten, schlimmer aber zu Statisten sinnloser Schaukämpfe mutieren.

Mich bringt in diesen anderthalb Stunden nichts aus der Ruhe. Ich bekomme nicht mit, wenn ein Bekannter grüßend an mir vorbeiläuft. Nicht einmal, wenn jemand meinen Namen ruft, nehme ich es wahr. Wissenschaftler vermuten, es könnte daran liegen, dass beim Lesen und Hören dieselben neuronalen Ressourcen genutzt werden. Es geht nur das eine oder das andere, nicht beides zugleich. Bei mir ist das ganz sicher so, jedenfalls morgens und je vertiefter ich in meine Lektüre bin.

Auf mein liebgewordenes Ritual mag ich auch im Urlaub ungern verzichten – wäre da nicht die wie immer zu geringe Auswahl an deutschen Zeitungen. Stammleser kennen mein Problem. Andererseits ist Urlaub nicht dazu da, alltäglichen Gewohnheiten nachzugehen, und der Kopf soll ja auch frei werden. Also hörte ich auf meiner Insel Radionachrichten nur deshalb, weil die seltene Sprache so schön in meinen Ohren klang. Ansonsten las ich Bücher, schaute aber vor allem aufs Meer und zückte nur manchmal das Smartphone, um auf der einen oder anderen Webseite nachzusehen, was es Neues gibt. Als ich von meiner Insel zurückkehrte, wartete zu Hause bereits Besuch auf mich, also schränkte ich meinen Medienkonsum in den folgenden Tagen noch mehr ein. Derweil stapelte sich Ungelesenes.

Einmal erschrak ich über mich selbst. Vom Anschlag auf den BVB-Bus erfuhr ich erst am Tag danach. Mehr als zwölf Stunden lag er da schon zurück, und ich las es beim verstohlenen Blick auf Twitter, kurz bevor der Besuch zur nächsten Unternehmung rief. Bis zum Fußballspiel gegen Monaco, das wir zufällig in einer Kneipe sahen, sollte ich an diesem Mittwoch kein einziges Mal mehr daran denken.

Das würde mir sonst nicht passieren. Woran das lag? Ich hatte nur die News gelesen. Eine Schlagzeile. Mehr nicht. Ich hatte nicht begriffen, keine Empathie entwickelt. Erst am Osterwochenende kam ich dazu, die liegengebliebenen Zeitungen und Magazine zu lesen. Zwei volle Tage brauchte ich dafür. Mir ging es zunehmend besser.

Seither überlege ich, ob das reine Konsumieren von News abstumpft. Wie viele informieren sich, wenn überhaupt, nur auf diese Weise? Wie viele begnügen sich mit Kurzmeldungen und halten sich für informiert? Eine News schürt noch keine Empathie. Sie schafft es nicht, jenes Gefühl hervorzurufen, das Journalismus entstehen lässt, der einen mitnimmt ins Geschehen, mit auf die Suche nach möglichen Motiven und Hintergründen.

In einem Interview schilderte mir die Allensbach-Chefin Renate Köcher einmal, wie durch Zeitung Wissen entsteht. Sie sagte: „Da mag es ein Thema geben, das einen erst nicht wirklich interessiert, also liest man den Artikel nicht, dann wird man doch darauf aufmerksam, liest einen Artikel zumindest an, und irgendwann entdeckt man spannende Aspekte und wird sich der Relevanz bewusst.“

Wer diesen Prozess gar nicht erst in Gang kommen lässt und glaubt, der einordnende Artikel sei die zeitfressende Wiederholung einer bekannten News, interessant sei nicht der Weg, sondern nur das Ergebnis einer Recherche, wer so denkt, schnürt sein Hirn ein, verliert den Anschluss, fühlt sich überfordert, versteht nicht. Und er beraubt sich des Glücks, sich für die Dauer eines Kaffees aus seiner kleinen Welt auszuklinken, um in die große einzutauchen.

Von Ulrike Simon

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