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Medien Dunja Hayali begeistert mit dem Thema Heimat
Nachrichten Medien Dunja Hayali begeistert mit dem Thema Heimat
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17:43 21.02.2018
Dunja Hayali Quelle: Foto: Uwe Anspach, dpa/Archiv
Dresden

„Die Tasche müssen Sie leider in der Garderobe lassen!“ Zum ersten Mal in der 26-jährigen Geschichte der Reihe „Dresdner Reden“ gab es am Sonntagvormittag Sicherheitskontrollen im Schausielhaus. „Wegen der umstrittenen Rednerin!“ Ein Anschlag auf die 43-jährige Fernsehmoderatorin Dunja Hayali wurde für möglich gehalten. So weit ist das Klima im Land also schon vergiftet. Die vor allem durch ZDF-Nachrichtenmagazine bekannte Journalistin hat irakische Wurzeln und trat gegen nationalistische Tendenzen auf. Jetzt überlegt sie nach eigenem Bekunden genauer, was sie noch öffentlich sagen könne, ohne ihre persönliche Sicherheit zu gefährden.

„Durch meine gesamte Kindheit hindurch bis ins Erwachsenenalter hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, nicht deutsch zu sein“, beteuerte die in Datteln im Ruhrgebiet geborene Hayali. Sie wuchs sogar als Christin auf, auch wenn sie die Kirche inzwischen verlassen hat. Und wer unter den Eingeborenen spricht schon ein solch brillantes Deutsch? Überdies ist die quirlige Person trotz des Drucks nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Nach zwei Minuten springt sie vom Rednerpult und muss erst einmal ein Selfie vom Saal des Schauspielhauses schießen. Gerade das aber scheint einige Biodeutsche besonders zu reizen. Schmähungen und Aufforderungen, sich von muslimischen Männern vergewaltigen zu lassen, um die Vorzüge Deutschlands schätzen zu lernen, erzielen „Wirkungstreffer“ bei ihr. Das verändere Menschen wie auch das Land, in dem es doch eigentlich Spaß mache zu leben. Aber nicht, wenn es seine Errungenschaften aus Angst vor inneren und äußeren Bedrohungen aufs Spiel setze.

Wer also wäre besser prädestiniert, über Heimat, ja zwei Heimaten zu sprechen als Dunja Hayali? „Heimat krieg uns alle“ war ihr Vortrag betitelt. Die Rednerin schilderte natürliches Heimatempfinden, setzte sich aber auch mit dem schwer fassbaren und immer subjektiv geprägten Heimatbegriff auseinander. Ein Heimatgefühl, das andere ausgrenze und Deutschtum überhöhe, ist für sie nicht akzeptabel. „Meine Heimat ist die Freiheit, die Demokratie, ist das Grundgesetz“, bekannte sie. Folglich attackierte sie auch die selbsternannten Heimatschützer, die eine Bedrohung für die offene Gesellschaft und damit letztlich für die Heimat darstellten. „Jede Heimat ist unantastbar“, rief die Rednerin. Und die in den ersten Grundgesetzartikeln verankerte Würde des Menschen gelte nicht nur für deutsche Menschen.

Flucht und Vertreibung habe es in der Menschheitsgeschichte immer gegeben, erinnerte Hayali. Solche Menschen, die bei der „Geburtslotterie“ weniger Glück hatten als wir, würden sich auch durch europäische Bollwerke nicht abschrecken lassen. Bei diesem Thema konnten sich aber auch Skeptiker wiederfinden. Beim besten humanitären Willen könnten wir doch nicht alle Flüchtlinge aufnehmen, müsse es Grenzen geben, sagte sie. Der von vielen so empfundene staatliche Kontrollverlust von 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Und wer zu uns komme, müsse sich mit unserer Geschichte, Kultur und unseren Regeln auseinandersetzen. Solche Sätze hätten auch im Interview stehen können, das sie vor einem knappen Jahr der rechten Zeitung „Junge Freiheit“ gab.

Die Kernaussage dieses Interviews aber wiederholte sie auch am Sonntagvormittag in Dresden. Jeder solle Sorgen und Ängste äußern dürfen, ohne in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. „Die, die sagen, ihre Meinungsfreiheit würde eingeschränkt, genau die brüllen jede andere Meinung in Grund und Boden“, hielt sie andererseits den Pöblern auf der Straße entgegen.

Vom Plädoyer für einen wirklichen Dialog war es nicht weit zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung der Journalistin mit ihrem Berufsstand. Sie verteidigte den besten Willen zur Wahrheitssuche. Aber Journalisten seien auch immer fehlbare Subjekte, und perfekte Objektivität könne es nicht geben. Hayali betonte ein Recht auf Haltung auch dieser journalistischen Subjekte, eine Grundhaltung, die man von gekennzeichneter Meinung unterscheiden müsse.

Ein bisschen nach pflichtgemäßer Konzession an die Gastgeberstadt klang eingangs das obligatorische Dresden-Lob. Gleichwohl hat die munter und pfiffig wirkende Gastrednerin den Dresdner „Closed Shop“, den selbstreferentiellen Gestus der Stadt, sofort erfasst. Nicht nur modisch wirkte hingegen die Schlussattacke auf die momentane Selbstbeschäftigung der Berliner Politikbühne, die vielmehr auf die Bürger zugehen sollte. Die gegenwärtigen Zustände gäben sogenannten Heimatschützern Auftrieb.

In der Vielfalt der Anknüpfungspunkte fand sich das dankbare Publikum offenbar wieder. Minutenlang applaudierte es stehend. Noch im Theatersaal schloss sich in ungewohnter Weise eine Fragerunde an. Auch danach kam Dunja Hayali nicht sogleich an den Bücher-Signiertisch. Einzelgespräche wurden gesucht, ungezählte Handys blitzten. Ein kleiner Star ist die nur körperlich kleine Frau schon.

Von Michael Bartsch

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